Gleich oder Ähnlich

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Heute ist Landschaftsgärtnern dran. Es ist kälter als gestern. Man sieht worauf ich damit hinaus will.

Adrian ist diesmal als erster da. Er schaut mich entschuldigend an.

„Tut mir echt Leid wegen gestern." sagt er und legt eine Hand in den Nacken.

„Wo musstest du so schnell hin?" will ich wissen.

„Nach Hause, meine Schwester brauchte was." murmelt er nur.

Keine wirklich brauchbare Antwort. Allerdings belasse ich es dabei. Lisa lässt sich Zeit. Was mich unter normalen Umständen nicht stören wurde, aber aus sozialen Konventionen, auf die Adrian besteht, müssen wir draußen auf sie warten. Zwar werden wir den ganzen Tag draußen sein, aber jede Minute, in der wir drinnen sind, sind wir drinnen.

„Bin spät dran!" höre ich von hinten und schaue über die Schulter.

Lisa rennt auf uns zu und bleibt schwer atmend stehend und stützt sich auf ihren Knien ab. Ihr Zopf ist aufgegangen, ihre Wangen sind rot.

„Richtig." gebe ich zurück und schaue sie missbilligend an.

Sie steht wieder aufrecht und verdreht die Augen.

„Ich würde ja von meinem furchtbar stressigen Morgen erzählen, aber das interessiert dich bestimmt nicht im geringsten, huh?"

„In einigen Bereichen scheinst du ja doch dazu zu lernen." sage ich gespielt überrascht und gehe vor.

„Asozial." findet Adrian, klingt allerdings amüsiert.

Heute werden wir von einer Frau und einem Mann mittleren Alters empfangen. Eine weitere Einführung und eine Tour übers Gelände später bekommen wir Handschuhe, die wir behalten dürfen.

„Also Kinder, heute fahren wir zu einer Privatperson, die ein paar Tannen auf seinem Grundstück gefällt haben will. Ihr fahrt mit Rosa vor, okay? Gut, auf gehts!" redet der Mann eher begeistert, ohne auf unsere Antwort zu warten.

„Heute wird's kalt." murrt Lisa und ich brumme zustimmend.

Da es Lisa und Adrian beiden an Eigeninitiative mangelt gehe ich zu dem Pick Up Truck und setze mich auf den Rücksitz, die beiden folgen mir. Das hier wird nicht mein Lieblingstag. Aber morgen wird schlimmer. Adrian und Lisa quetschen sich neben mich und ich kann mit Worten nicht ausdrücken wir unangenehm mir das ist. Hoffentlich dauert die Fahrt nicht zu lange.

Rosa stellt uns endlose Fragen über uns, unsere Schule, unser Leben und was ihr sonst noch so einfällt. Die anderen Beiden übernehmen das reden für mich. Vermutlich ist sie empathisch genug um zu merken, dass ich nicht über mich reden will. Trotzdem höre ich sehr aufmerksam zu.

Es wundert mich, dass Adrian über sich reden will. Zwar sind seine Antworten wage und sehr generell, aber er antwortet. Hätte er mir auch geantwortet, wenn ich ihn all das gefragt hätte? Ist er gerade ehrlich? Oder gibt er nur sichere Antworten?

Ich starre aus dem Fenster. Ich habe noch nie in einem Garten gearbeitet. Mir kommt der missbilligende Blick meiner Mutter in den Sinn, jedes Mal wenn ich mit einer schmutzigen Hose nach Hause gekommen bin. Entschieden schüttel ich den Kopf.

„Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist... grün." sagt Lisa und dreht betont den Kopf in alle möglichen Richtungen.

Wie lange spielen die das schon? Wollte ich nicht zuhören?

„Das Gras?"

„Nope."

„Der Baum."

„Nee."

VermutlichWo Geschichten leben. Entdecke jetzt