Am zweiten Tag muss ich erst um 8 auftauchen, was wesentlich angenehmer ist. Schreiner ist dran. Davon habe ich keine wirklich Vorstellung. Jedenfalls bin ich 10 Minuten zu früh da. Genau wie Lisa. Sie wippt auf den Fußsohlen munter hin und her. Ich tue mein bestes sie zu ignorieren. Als sie anfängt zu summen gebe ich es dran.
„Kannst du wo anders so abartig fröhlich sein?" frage ich und sehe sie aus den Augenwinkeln an.
Wir sind ungefähr gleich groß, sie hat geglättete, gefärbte Haare, die am Ansatz dunkel sind und in die Spitzen heller werden. Sie hat einen helleren Hautton als ich und wann zur Hölle habe ich angefangen mich mit anderen zu vergleichen? Stur starre ich wieder nach vorne.
Sie hat vor einer Woche ihre Beziehung beendet, sie soll gefälligst unglücklich sein. Obwohl, das Summen ist besser als ihr weinen.
„Hmm, lass mich mal drüber nachdenken, nein." gibt sie zurück, richtet ihre Brille und grinst dämlich.
Oh, wie mich der erste Eindruck von ihr getäuscht hat.
„Hast du wirklich gedacht oder nur so getan? Würde mich nicht wundern." gebe ich zurück.
Ich weiß nicht, was ich hier beweisen will. Dass ich besser mit Worten bin als sie? Oder will ich sehen, ob sie mithalten kann?
„Schließ nicht gleich von dir auf andere." schießt sie sofort zurück.
„Ich war bloß neugierig, man erwartet keine all zu großen Gehirnkapazitäten von jemanden, dem man sagen muss 'kommuniziere mit deinem Partner'."
„Ebenso erwartet man keine Empathie von jemanden, der bestimmt schon aus Mangel an Emotionen Gesichtsmuskel abgebaut hat."
„Wenn man beachtet wie sich unsere Leben in den letzten Wochen entwickelt haben, fahre ich mit meiner Methode deutlich besser."
„Ich würde Stillstand nicht als 'fahren' bezeichnen."
Ich muss grinsen. Das war fast schon amüsant.
„Keine Ahnung was hier ab geht, aber sollten wir nicht langsam rein gehen?" fragt Adrian bevor ich etwas erwidern kann.
Überrascht sehe ich ihn an, ich habe ihn nicht bemerkt. Ungewöhnlich. Jedenfalls ist er jetzt wieder das Zentrum meiner Aufmerksamkeit. Stumm nicke ich und ziehe die Glastür auf. Natürlich gehe ich selbst durch, als ob ich irgendjemanden die Tür aufhalten würde.
„Guten Morgen." rufe ich in den Empfangsbereich.
Ein Mann mittleren Alters kommt auf uns zu. Er wirkt fröhlich und hat Holzspäne an der Latzhose hängen. Meine Sachen werde ich wohl wieder heute Abend direkt in die Wäsche schmeißen können. Herrlich.
„Jennifer Kiel, Adrian Wilkens und Lisa Kerkhof, richtig? Ich bin Dirk Winter, freut mich euch kennen zu lernen." ließt er von einem Zettel ab.
„Freut uns ebenso. Womit können wir anfangen?" sagt Lisa viel zu motiviert.
Es kostet mich alles in mir um nicht die Augen zu verdrehen. Das ist erst der zweite Tag, reiß dich zusammen. All das ist für Adrian. Mit etwas Glück ist hier ein Beruf dabei, den er ausüben möchte. Damit hat er einen realistischen Plan für die Zukunft und etwas wofür es sich lohnt älter als 18 zu werden.
Ein stechender Schmerz breitet sich in meiner Brust aus, ist aber genau so schnell wieder verschwunden. Adrian ist nicht okay. Er wirkt okay, er benimmt sich okay, aber er ist es nicht. Unter dem Pullover sind Narben. Ich habe seine Arme lange nicht mehr gesehen. Verletzt er sich immer noch? Verdammt. Bringt irgendwas hiervon etwas?
„Deine Einstellung gefällt mir, aber zuerst gibt es eine kleine Sicherheitseinweisung, damit wir euch mit allen 10 Fingern wieder nach Hause schicken." lacht der Mann, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe.
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Vermutlich
Fiksi RemajaJennifer interessiert sich nicht groß für andere Menschen. Adrian hat nichts interessantes an sich. Allerdings kann selbst sie sich nicht dazu bewegen die Narben an seinem Unterarm zu ignorieren. Und in einer kleinen, versifften, rechten Stadt umgeb...
