Meine Eltern lassen mich das Haus erst wieder verlassen, als es zur Schule geht, um sie Belästigungsvorwürfe zu besprechen. Auch jetzt reden wir nicht über den Streit von letzter Woche.
Sobald ich das Mädchen aus meiner Klasse sehe, die mit ihren Eltern vor dem Sekretariat auf den Warteplätzen sitzt, nicke ich ihr zu und gehe etwas abseits in eine Ecke, wo die Erwachsenen uns nicht hören.
„Hör zu, ich weiß, dass ich gelogen habe, darüber wie das damals abgelaufen ist, aber bitte-"
„Es tut mir Leid." unterbreche ich sie und nehme ihr effektiv den Wind aus den Segeln.
„Ich habe dich in eine unfassbar unangenehme Situation gebracht, weil ich zuerst die Situation falsch gedeutet habe und danach versucht habe das gegen dich zu verwenden. Es tut mir Leid, dass ich unaufmerksam gewesen bin. Du hattest Recht damit, dass es falsch von mir war andere nach Adrian zu fragen und versucht habe dich dazu zu zwingen."
Es tut mir Leid. Es ist zwar lange her, dass mir etwas, was ich gesagt oder getan habe aufrichtig Leid getan hat, aber ganz selten erinnere ich mich an die ein oder andere moralische Grundregel.
„Wow, das hab ich nicht kommen sehen." sagt sie überrascht.
„Selbst ich finde, dass manche Sachen zu weit gehen und dass es jämmerlich ist zu stolz zu sein, um sich zu entschuldigen." erkläre ich und verschränke die Arme vor der Brust.
„Vorsicht, ich geh schon fast davon aus, dass du ein menschliches Wesen bist." spottet sie und erwidert meine Geste.
„Kein Sorge, ich halte dich immer noch für unfassbar nervig und aufdringlich und sobald das hier vorbei ist gehe ich wieder dazu über deine Existenz zu ignorieren." erwidere ich mit einem zynischen Grinsen.
Das ist der Moment wo Lisas Exfreund hier aufschlägt. Die anderen beiden Mädchen sind mit ihren Eltern auch schon da. Wir gehen zu unseren Eltern zurück.
Natürlich habe ich mir bereits überlegt wie ich meine Sicht der Ereignisse erzählen kann, sodass das Lachen Sinn ergibt aber die Lüge von dem Mädchen stehen bleibt. Im Grunde ist es aber so, dass die Erwachsenen sich schon ihre Meinungen gebildet haben und uns Kindern gar nicht mehr wirklich zuhören.
Die meiste Zeit schreien die Eltern sich nur gegenseitig an. Zumindest die Väter. Die Mütter trösten ihre Kinder. Die drei Mädchen weinen, der Junge tut auf unschuldig und haut ein 'Sie wollte es doch' nach dem anderen raus.
Es fällt mir nicht schwer ein neutrales Gesicht zu behalten, schließlich habe ich das mein ganzes Leben trainiert. Meine Eltern sind die einzigen, die zwar diskutieren, aber nicht ihre Stimme erheben. Trotzdem wagt es niemand meinen Vater zu unterbrechen. Ich beobachte ihn immer, wenn er seine autoritäre Seite auffährt.
Er steht aufrecht, hat die Arme verschränkt, sieht den Leuten direkt in die Augen, zeigt Wut nicht, seine Mine bleibt neutral. Seine Rhetorik ist das, was für mich interessant ist. Wenn er nicht gerade passiv-aggressiv ist, macht er nur direkte Aussagen. Er spricht Leute spezifisch an und machte keine allgemeinen Aussagen. Wenn er Fragen stellt entweder rhetorische oder wieder passiv-aggressive. 'Sie denken das also wirklich?' oder 'Sie wissen sicher, dass es sich so verhält, dass...' oder 'Warum würden Sie mit einer solchen Aussage gegenüber ihrem Kind implizieren, dass...'
Seine Strategien zu erkennen macht ehrlich gesagt nichts besser. Zu wissen, dass er gegenüber des Vaters eines potentiellen Sexualstraftäters die gleiche Rhetorik benutzt wie gegenüber seiner Tochter. Es ist eine Sache von 'kenne deinen Feind' und nicht 'wow, mein Vater ist so cool, wie er argumentieren kann'.
An irgendeinem Punkt werden wir Kinder raus geschickt. Etwas, was direkt nach unseren Aussagen hätte passieren sollen. Die Sekretärin, die wirklich genervt zu sein scheint, will uns einfach in einen Klassenraum nahe des Büros des Direktors.
„Denken Sie tatsächlich darüber nach die drei mit ihren Angreifer in einen Raum zu setzen?" frage ich die Sekretärin, als sie den Raum aufschließt.
Sie wirft mir einen genervten Blick zu und verdreht die Augen.
„Ihr seid zu viert und keiner würde euch abkaufen, dass er euch 'angreifen' würde, wenn wir so nah sind."
Mein Mund öffnet sich leicht in Unglaube. Die Sekretärin denkt wir lügen?
„Sind Sie einfach komplett apathisch oder geistig beschränkt?" frage ich, ohne wirklich darüber nachzudenken.
Jetzt ist es an ihr und dem Ex von Lisa entgeistert zu schauen. Die kennen sich doch. Vielleicht über irgendeine Ecke verwandt? Oder Nachbarn? Irgendwas wird es sein.
Es kostet die Sekretärin drei Sekunden um zu entscheiden was ihre nächste Aktion ist. Die Frau ist groß und hat relativ breite Schultern, sie ist generell nicht zierlich gebaut. Folglich reicht eine Backpfeife von ihr, damit ich zur Seite taumle, direkt in die anderen drei Mädchen, die versuchen mich festzuhalten.
Immerhin komme ich gerade aus dem Krankenhaus und darf technisch gesehen das Bett noch nicht verlassen. Ich kann nichts sehen, meine Sicht ist komplett schwarz. Genau wie vor fast einer Woche, als wir... Das Bild von Adrians aufgerissenen Arm kommt mir in den Sinn und lässt sich weiß Gott nicht abschütteln. Das reißende Wasser, die Kälte, das brennen in der Lunge.
Es dauert viel zu lange, bis sich die endlose Schwärze vor meinen Augen verzieht und ich wieder klar sehen kann. Ich finde mich auf dem Boden wieder, Arme nach hinten abgestützt und drei Mädchen rufen nach Hilfe.
Immer noch etwas abwesend fasse ich mir an die Wange. Ich weine schon wieder. Allerdings kann ich nicht sagen ob es wegen dem Schmerz in meiner Wange oder den Erinnerungen ist. Bitte lass es den Schmerz sein.
Mehr laute Stimmen. Verdammt laute Stimmen. Darauf achte ich aber nicht. Ich versuche meinen Atem und meinen Herzschlag wieder unter Kontrolle zu kriegen. Es gelingt mir nicht einmal mich darüber zu echauffieren dass Emilie mir über den Rücken streicht.
Alles hier dran und alles was folgt schafft es fast auf Platz eins der entwürdigenden Momente in meinem Leben. Aber die Sache mit dem Fluss ist ein all time favorite.
Man bedenke, dass ich 15 Jahre als bin und mein Vater trägt mich aus dem Gebäude. Die Schande und Scham überdeckt fast alles andere was ich gerade versuche nicht zu fühlen.
So gut ich kann blende ich die erzwungen ruhige Konversation meiner Eltern aus und schlafe im Auto ein. Ich hab heute sowieso jeden Respekt vor mir selber verloren, also macht das auch nichts mehr.
-
Da ich nun eindrucksvoll bewiesen habe wie 'sensibel' mein Zustand ist, verlängern sich meine Ferien um eine Woche. Zusätzlich bekomme ich mehr Aufmerksamkeit von meinen Eltern als die letzten drei Jahre zusammengenommen. Außerdem ist es mir kaum erlaubt das Bett zu verlassen.
Lisa schreibt mir mindestens alle drei Tage und Adrian und ich schreiben auch zum ersten Mal regelmäßig. Er ist die gesamten Ferien noch im Krankenhaus und verpasst die ersten drei Tage Schule. So sehr sie sich auch Mühe gibt, Lisa ist nicht wirklich subtil darin zu fragen wie die Sache mit ihrem Ex weiter geht.
Und wer wäre ich sie nicht darauf anzusprechen? Nach ihrer Aussage wird sie mich schlagen sobald wir uns das nächste Mal sehen.
Adrian hat mir ein Bild von seinem mumifizierten Arm geschickt. Das Ding wird er die kommenden Wochen noch tragen. Was mich mehr beunruhigt als ich erwarten würde. Was passiert wenn er das nächste Mal das Bedürfnis kriegt sich zu verletzen?
Ich lege mir den Arm über die Augen und atme erschöpft aus. Darüber will ich jetzt nicht nachdenken. Probleme verschwinden nicht, wenn man ihnen aus dem Weg geht. Ich drehe mich auf die Seite. Von hier kann ich nichts machen. Adrian wird bestimmt genau so scharf beobachtet wie ich. Es gibt Chancen, dass seine Eltern vielleicht merken, wie schlecht es ihm geht. Vielleicht ist das alles vorbei, bevor ich ihn das nächste Mal sehe.
DU LIEST GERADE
Vermutlich
Teen FictionJennifer interessiert sich nicht groß für andere Menschen. Adrian hat nichts interessantes an sich. Allerdings kann selbst sie sich nicht dazu bewegen die Narben an seinem Unterarm zu ignorieren. Und in einer kleinen, versifften, rechten Stadt umgeb...
