Ich habe mich noch nie so sehr darauf gefreut in die Schule zu gehen. Der Unterricht beginnt um 7:40. Der Schulweg kostet mit 10 Minuten. Um 7 Uhr verlasse ich das Haus, wie immer mit dem Mittagessen von gestern. Zwei Portionen, tatsächlich.
Adrian hat die furchtbare Angewohnheit mein Essen zu klauen. Er hat wirklich keine Angst vor Keimen oder dem Speichel einer anderen Person, folglich ist es gar kein Problem für ihn meine Gabel oder Löffel zu nehmen und damit zu essen. Wenn es ein Gericht ist, dass er mag, isst er mehr von meinem Essen als ich. Deswegen, zwei Portionen. Ihn mit meiner Gabel zu erstechen ist keine Option.
Adrian und Lisa sind genau so früh da wie ich. Wieso bin ich davon ausgegangen sie nicht wieder zu sehen? Sie ist mir nie aufgefallen, bevor wir zusammen die Praktika gemacht haben. Können wir nicht einfach zum Statur Quo zurückkehren?
Um alles noch schwerer zu machen umarmt sie mich und fängt sofort an zu reden.
„Du siehst aus wie ein Zombie, sorry, aber wirklich. Es ist unfassbar, dass ich dich tatsächlich vermisst habe, ich meine, vor 3 Wochen dachte ich nur schlechtes über dich, wegen der Sache mit Emilie, aber das tat dir ja aufrichtig Leid und du hast es schon wieder gut gemacht und dich entschuldigt. Auch wenn du immer alle von dir weg stößt bist du trotzdem erträglich, komisch oder?"
Ihre Analyse meines Charakters geht noch ein bisschen weiter und ich starre nur Adrian an, der ahnungslos die Arme hebt.
„Ich bin ein bisschen aufgedreht, merkt man das?" fragt sie und lässt mich endlich wieder los.
„Denkst du?" antworte ich in einer höheren Stimme und lege den Kopf schief.
Wir bilden ein Dreieck und ich habe eine Identitätskrise. Teil einer Gruppe. Was bin ich nur geworden?
„Bald ist schon wieder Weihnachten, das Jahr ging so schnell vorbei." redet Lisa weiter und Adrian und ich schütteln gleichzeitig den Kopf.
„Nein."
„Nicht im geringsten."
Nach ein paar Sekunden der Stille kichern Adrian und Lisa. Ich muss schmunzeln. Verdammt, ich gewöhne mich hieran.
Langsam begeben wir uns ins Schulgebäude. Während Adrian meine Umwege um die losen Bodenplatten gewohnt ist, schaut Lisa mich durchgehend verwirrt an, folgt aber brav. Eigentlich laufen sie beide mir einfach hinter mir her.
Ich betrete das Treppenhaus, das nach ganz oben in den dritten Stock führt. Wozu so eine kleine Schule drei Stockwerke braucht, die Welt mag es niemals erfahren. Mir kommt eine Idee, die es tatsächlich wert ist ausprobiert zu werden. Unauffällig schaue ich über die Schulter. Die anderen beiden sind damit beschäftigt sich über einen Lehrer auszulassen.
„Es ist ja nicht so, als wären wir langsam, er macht einfach gar keinen Unterricht." beschwert sich Lisa.
„Und am Ende des Schuljahres schreit er die ganze Klasse zusammen, weil er mit seinem Lehrplan nicht durchgekommen ist." sagt Adrian zustimmend und klingt unglaublich genervt.
Wir müssen alle in den zweiten Stock. Anstatt jedoch auf der zweiten Etage das Treppenhaus zu verlassen, nehme ich die nächste Treppe weiter nach oben. Und wie die Lämmer laufen sie hinter mir her. Diese vertrauensseligen Idioten. Mit einer Hand reibe ich mir über den Mund, um mein schmunzeln zu verbergen.
„Er stellt ne Frage, man meldet sich, er verliert sich in einem seiner endlosen Monologe und am Ende stellt er dann ne ganz andere Frage. Ich hatte natürlich die ganze Zeit den Arm oben, weil ich die erste Frage beantworten will, aber er will dann die Antwort auf die neue Frage haben, die ich natürlich nicht weiß."
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Vermutlich
Teen FictionJennifer interessiert sich nicht groß für andere Menschen. Adrian hat nichts interessantes an sich. Allerdings kann selbst sie sich nicht dazu bewegen die Narben an seinem Unterarm zu ignorieren. Und in einer kleinen, versifften, rechten Stadt umgeb...
