Beide sind gekommen. Adrian ist zuerst da.
„Bist du wütend auf mich?" frage ich ihn, als er sich neben mich auf die Bank an der Haltestelle setzt.
„Verwirrt, zum größten Teil. Ist bei dir alles ok?" will er wissen.
Schmunzelnd schüttle ich den Kopf.
„Beruhig dich. Vielleicht schreit er mich heute Abend nochmal an und wenn ich brav „Ja und Amen" sage sprechen wir ab morgen nie wieder darüber. Er wird mich vielleicht eine Woche oder zwei anschweigen und danach tun will kollektiv so, als wäre nie etwas gewesen." sage ich desinteressiert und spiele mit meinem Ärmel.
„Heeey!" ruft eine viel zu glücklich Lisa und kommt winkend angejoggt.
Müde schmunzel ich über sie. Sie hat keine Ahnung.
„Dass du dich jemals mit mir verabreden würdest, es geschehen noch Zeichen und Wunder." grinst sie.
„Ich befürchte, dass ich dir deine gute Laune zerstören muss." schmunzle ich und lasse mich nach hinten gegen die Lehne fallen.
Ihr Blick wird so besorgt, dass ich weg sehen will.
„Oh Gott, hast du geweint? Du? Was ist passiert?" fragt sie und setzt sich neben mich und legt mir einen Arm um die Schultern.
Sie ist wirklich viel zu körperlich. Sie würde jeden Fremden auf der Straße umarmen, wenn man sie nur ließe.
„Die Kurzfassung? Ich hab Adrian vorgelogen ich wäre adoptiert, was meine Mutter überhört hat und ihren Verstand drüber verloren hat. Meine Eltern sind in einer Vernunftehe, was bedeutet dass mein Vater emotional zu unfähig für eine romantische Beziehung ist und meine Mutter mit 30 verzweifelt genug war sich auf so etwas einzulassen.
Folglich ist mein Familienleben wenig herzlich und um mich damit nicht auseinandersetzen zu müssen habe ich mir diese Adoptionslüge ausgedacht. Ich bin mit meinen Eltern aneinander geraten und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass ich es hasse wie ich bin. Und da ihr das nächste an Freunden seid was ich habe seid ihr hier."
Lisa braucht ein paar Momente um das alles zu verarbeiten.
Und warum sind wir genau hier? Nun, weil in den letzten Wochen andauernd das gleiche dämliche Ereignis angesprochen wurde und ich in der Stimmung bin mich einfach mal über alles aufzuregen, was in meinem kurzen und zunehmend jämmerlichen Leben passiert ist. Morgen werde ich mich für diesen Tag hassen.
„Wir sind Freunde, auf eine komische Weise, aber wir sind Freunde." meint Adrian und gibt mir ein schwaches Lächeln.
Es ist einfacher zu glauben, dass Adrian und ich Freunde sind, aber vielleicht mute ich Lisa zu viel zu. Nur weil sie in der Schule mit mir redet, heißt das nicht, dass sie mir vergeben hat oder mich tatsächlich mag. Wie ich herausgefunden habe mag ich mich nicht einmal. Wie soll sie es dann?
„Genau, also wo geht es hin?" stimmt Lisa zu und nimmt ihren Arm immer noch nicht weg.
Adrian hält seine zehn Zentimeter Abstand zu mir, aber Lisa ist anders als wir beide. Körperliche Nähe scheint viel natürlicher für sie zu sein.
„Wir fangen damit an, dass ich zur Abwechslung mal ehrlich bin." sage ich und stehe auf.
Schwach winke ich, um ihnen anzudeuten mir zu folgen.
„Also." fange ich an, als beide links und rechts von mir laufen.
„Mein Name ist Jennifer Kiel und ich bin ein ziemliches Arschloch."
„Soweit nichts neues." scherzt Adrian, was Lisa dazu bewegt ihn an mir vorbei zu boxen.
Gespielt geschockt greift sich Adrian an die Schulter und spielt den sterbenden Schwan. Ob er sich extra albern verhält um mich aufzumuntern? Das wäre ja tatsächlich freundschaftlich.
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Vermutlich
Genç KurguJennifer interessiert sich nicht groß für andere Menschen. Adrian hat nichts interessantes an sich. Allerdings kann selbst sie sich nicht dazu bewegen die Narben an seinem Unterarm zu ignorieren. Und in einer kleinen, versifften, rechten Stadt umgeb...
