Am nächsten Montag tritt Adrian wieder mit einem blauen Auge vor mich.
„Wirklich?" frage ich entnervt ausatmend und schlage mein Buch zu.
Er schaut schuldbewusst zur Seite und presst die Lippen aufeinander. Mit einem weiteren Seufzen stehe ich auf und wuschle den Dreck aus seinen Haaren. Wenn er nicht erwachsen genug ist um eine zivilisierte Unterhaltung zu führen, tue ich das eben für ihn. Vielleicht nicht gerne, aber ursprünglich habe ich mich zu dieser Freundschaft entschieden um diese Probleme für ihn zu lösen. Oder ihm dabei zu helfen.
„Warte hier." weise ich an und verlasse das im Winter widerlich kalte Selbstlernzentrum.
Adrian folgt mir nicht, selbstverständlich, wirkt aber mehr als misstrauisch. Es dauert nicht lange, bis ich Magnus gefunden habe. Er steht vor einem Klassenraum mit drei anderen und unterhält sich locker.
„Hi, hast du eine Minute? Hervorragend." sage ich mit einem kurzen, falschen Lächeln und ziehe ihn am Kragen seines Pullovers mit mir mit.
„Alter!" beschwert er sich und bleibt nach einigen Schritten stehen.
„Wir haben eine Unterhaltung zu führen, wenn du nichts dagegen hast." führe ich in einem dunklen Ton aus und nicke mit dem Kopf in Richtung Selbstlernzentrum.
Er atmet tief durch und fährt sich mit einer Hand durch die Haare. Dann gibt er seinen Freunden ein kurzes Zeichen und läuft neben mir her. Der Weg bis zum Selbstlernzentrum ist kurz und verläuft im Schweigen.
Schock ist gar kein Ausdruck für was sich auf Adrians Gesicht abspielt als Magnus vor mir den Raum betritt. Sicherheitshalber lehne ich mich gegen die Tür um Fluchtversuche zu erschweren.
„Von ihm hast du nichts erwähnt." knurrt Magnus und dreht sich zu mir.
Glücklicherweise bin ich wesentlich besser im finster gucken als er.
„Er hat auch keine Sprechrolle in diesem Stück. Hör zu, ich bin mir überaus bewusst wie wenig Akzeptanz diese Stadt für Leute hat die queer sind und das ist ein Problem, aber so Leid mir das auch tut, es ist dein Problem.
Adrian hat niemanden dazu gebraucht zu denken, dass Menschen mit einer anderen Sexualität es verdienen beleidigt oder geschlagen zu werden. Die Schuld tragen einzig und allein die, die gewalttätig sind.
Also bei allem was heilig ist, reiß dich noch zwei Jahre zusammen, zieh dann aus, verklag jeden der dich jemals angegriffen hat, such dir einen Therapeuten und arbeite an deinen Problemen. Das ist dein Kampf und so unfair es auch ist, dass du ihn kämpfen musst, was ist der Sinn darin weiter zu machen, wenn du am Ende kein Stück besser bist als die, die dich heute angreifen?"
Am Ende meiner Rede stehen wir alle drei mit verschränkten Armen in einem Dreieck. Magnus und ich schauen uns gegenseitig wütend an, während Adrian den Boden sehr interessant zu finden scheint.
„Bist du fertig?" fragt er dann, was effektiv zeigt, dass er mir nicht zugehört hat.
„Nein."
„Dann bitte, lass dich nicht aufhalten." spottet er.
Bevor Adrian reagieren kann greife ich seine Hand und ziehe den Ärmel seines Pullovers hoch.
„Du bist schlimmer als die Erwachsenen in dieser Stadt. Denn du hast bald eine Leiche auf deinem Konto."
Das ist zu ihm durchgedrungen. Ohne jegliche Farbe im Gesicht schaut er erst auf Adrians Arm und sobald er ihn wegreißt in sein Gesicht. Wenn der Gesichtsausdruck nicht Reue sagt, dann habe ich irgendetwas über Emotionen falsch verstanden. Selbstzufrieden stelle ich mich wieder aufrecht hin.
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Vermutlich
Teen FictionJennifer interessiert sich nicht groß für andere Menschen. Adrian hat nichts interessantes an sich. Allerdings kann selbst sie sich nicht dazu bewegen die Narben an seinem Unterarm zu ignorieren. Und in einer kleinen, versifften, rechten Stadt umgeb...
