Es war kalt. So unglaublich kalt. Draußen tobte ein Schneesturm und der Wind drang mit einem leisen Pfeifen durch die Löcher in den Gemäuern. Du warst müde und rollst du dich auf dem harten Untergrund zusammen und ziehst das bisschen Stoff, der als Decke diente enger um deinen Körper. Er hatte unglaublich viele Löcher und war nicht lang genug für dein Körper, daher total unsinnig, aber damals hattest du dir einfach vorgestellt, dass es etwas bringen würde.
Bei jedem kleinsten Wind warst du zusammengezuckt, denn er trug jedes Mal ein bisschen mehr Kälte mit sich. Dein Körper fühlte sich an, als würde er von unzähligen Nadeln durchdrungen werden.
'Ich bin so müde...'
Die Kälte und der Mangel an Lebensmitteln zu der Zeit hatte einiges an Kraft gekostet. Du warst ein Kind. Allein. Im Winter in einer verlassenen Fabrik und schläfst auf einem kalten und dreckigen Betonboden. Es war ein Wunder, dass du bis jetzt noch durchhalten konntest. War es in deiner Natur so robust zu sein? Oder war es etwas anderes, das dich antrieb zu überleben?
Es war ein leises Geräusch, das dich damals aus deinem schwachen Schlaf riss und Adrenalin durch deine Adern pumpte. Es hörte sich nicht an, als wäre es vom Schneesturm verursacht worden. Deine Augenlider waren schwer, aber dein Herz raste.
Du erinnerst dich noch ganz genau an diesen Abend.
Der Abend, der dich in völlige Panik versetzte.Du lagst noch still auf dem Boden. Versuchst so gut wie möglich keine Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen. Es war dunkel. Mit der Decke und der zusammengerollten Position, in der du dich befandest, sahst du bei dem Licht eher aus wie Schutt und Gerümpel. Du versuchst deine trägen Augen offen zu halten und zwangst sie sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, um die Gegend abzusuchen.
Es faszinierte dich bis zum heutigen Tag, wie dein Hirn so schnell schalten konnte. Du warst regelrecht tot am Boden gelegen. Knapp davor zu verhungern, erfrieren und ohnmächtig zu werden. Ein einziges Geräusch hatte dich von der Schwelle zurückgezogen und deinen Überlebenswillen wieder aufflammen lassen.
Aufmerksam huschten deine Augen die Trümmer der Fabrik ab und suchten nach potenziellen Gegnern. Es dauerte auch nicht zu lange, bis du einen kleinen Schatten ausmachen konntest. Du warst überrascht.
Nur einer? Oder doch eher eine Falle?In deinem Kopf drehten sich die Zahnräder und schätzten deine Momentane Lage so gut wie möglich ab. Jedoch stand es nicht besonders gut um dich. So geschwächt wie du warst und so unterkühlt. Hättest du deine Spezialität damals verwendet, wäre das ziemlich sicher dein Ende gewesen. Das war dir bewusst. Also schnappst du das kleine Messer, dass du unter ein paar alten Kleidern versteckt hattest. Sie waren alle zu einem Ball zusammengerollt und dienten als Kopfkissen.
Das Messer war nicht sonderlich groß, aber es gab dir ein Gefühl der Sicherheit. Wenn du damals an diesem Ort zu Grunde gehen hättest sollen, dann keineswegs ohne gekämpft zu haben.
Vorsichtig stemmst du dich auf und lässt die Decke einfach von dir fallen. Sie landete geräuschlos auf dem Boden. Du hieltst dich auf weiterhin etwas geduckt und suchst nach den besten Möglichkeiten dich so gut wie möglich und unbemerkt an den kleinen Schatten heranzupirschen.
'Wenn ich nah genug rankomme, dann kann ich ihn töten.'
Der Begriff zu töten, hatte sich leider ziemlich schnell in deinen Lebensstil hineingeschlichen. Du versuchtest aber stets es zu vermeiden, wenn es auch nur möglich war. du wolltest kein Monster sein. Nur deine Ruhe. Und wer dich auch nur daran hinderte dein Leben einfach so zu leben, wie du es wolltest, wie du es in deinen Augen verdientest, der musste wohl oder übel aus dem Weg geräumt werden.
Da war er wieder. Der kleine Schatten. Du kletterst auf einen kleinen Trümmerhaufen von umgestoßenen Betonsäulen und siehst auf die unbekannte Person hinab. Es war schwer zu erkennen. Sie trug dunkle Kleidung und der Körperbau sagte nichts über das Geschlecht aus.
Für einen Erwachsenen war sie aber zu hager. Zu klein.'Ein Kind?'
Der Gedanke auf ein weiteres davongelaufenes Kind zu stoßen, bescherte dir tatsächlich ein kleines Hochgefühl von Freude. Wenn sie sich mit dir zusammentun würde?
'Was ist, wenn es nur eine Falle ist?'
Einer Welt voller besonderer und unzählig unterschiedlicher Spezialitäten kann man nicht wirklich trauen. Vor allem in einer solchen Situation, in der du dich gerade befandest. Mit diesem Gedankengang beschlosst du also die unbekannte Person zu töten. Kind oder nicht. Du konntest dir nicht sicher sein und dies war deine einzige Gelegenheit zuzuschlagen.
Du lässt dich von dem Haufen herunterfallen und setzt zum Angriff an. Dein Messer verfehlte sein eigentliches Ziel.
'Verdammte Scheiße!'
Du hattest die Person getroffen, denn das Blut tropfte von der Klinge und sie hob sich keuchend und erschrocken den Bauch.
"Bist du wahnsinnig?!", rief er. Es war ein Junge. Er trug einen langen Mantel und die Kapuze war tief in sein Gesicht gezogen.
"Wer bist du und was willst du hier?", ignoriertest du seine Bemerkung und hieltest ihm weiterhin drohend das Messer entgegen.
"Ich suche nur nach einem Unterschlupf verdammt. Wusste nicht, dass ich an so einem Ort direkt abgestochen werde. Und das noch von einem Mädchen", er rümpfte die Nase und musterte dich von Kopf bis Fuß.
"Unterschlupf?", wiederholtest du seine Worte.'War er also doch tatsächlich wie ich?'
Da war es wieder.
Dieses Gefühl von Freude und Hoffnung."Ja, aber wie es scheint, bin ich unerwünscht. Scheiße, das gibt ne Narbe", fluchte er vor sich hin.
"Komm", sagtest du leise und steckst das Messer weg. der Junge betrachtete dich mit Misstrauen. Natürlich. Warum sollte er jemandem trauen, der ihn vor wenigen Sekunden noch versucht hatte zu ermorden. "Ich mach's nicht nochmal, versprochen."
Er lachte leise, aber folgte dir.Es war dieser stürmische Winterabend. Ein Abend, der für dich beinahe der Tod gewesen wäre. Dieser Junge hatte dich mit seinem bloßen Erscheinen und Existieren das Leben gerettet und du warst ihm mehr als dankbar dafür, dass er bei dir blieb.
Es war dieser Junge, der dein gesamtes Leben wieder hätte, besser machen können.
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Twin Flames
FanfictionDu lebst seit einiger Zeit von deinen Eltern getrennt. Wenn auch nicht wirklich gewollt. Sie haben dich im frühen Alter aufgegeben und in ein Heim verwiesen, aus dem du später ausgebrochen bist. Zuflucht hast du in einer verlassenen Fabrik gefunden...