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Ben

Song: 4AM - Kid Brunswick

Ben? Geh wenigstens einmal an dein Handy!
Bitte?
Ben?
Okay, wenn du es so willst, dann war's das.
Tut mir leid, das wollte ich nicht schreiben.

Eric scheint gestern eine lange Nacht gehabt zu haben.
Die Nachrichten, die auf sein 'Tut mir leid' folgen, lese ich erst gar nicht. Mein Daumen schwebt zum hundertsten Mal über dem blockieren-Icon, doch ich bringe es nicht übers Herz.
Die leuchtenden Worte treiben Tränen in meine müden Augen.

Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Eigentlich kann ich seit Donnerstag nicht mehr richtig schlafen, nicht mehr, seitdem ich mit Ophelia geredet habe. Da sind zu viele Gedanken und Bilder in meinem Kopf, mit denen ich nicht umgehen kann.
Seufzend lasse ich meine Arme auf meine Brust fallen und warte, bis der Bildschirm erlischt.

Ich schließe gerade meine Augen, da klopft es genau zweimal an meine Tür. Das zweite Klopfen ist noch nicht einmal verklungen, da wird die Klinke bereits heruntergedrückt und mein Vater steht mit zwei großen Schritten im Raum.
"Aufstehen."

Wir halten den Blick des anderen für eine erstaunlich lange Zeitspanne. Ich drehe den Kopf nicht zur Seite oder schüttele mein fettiges Haar vor die Augen, weil ich viel zu überrascht und überrumpelt bin und gar nicht verarbeiten kann, was gerade passiert.
Er wird diesen Moment der Ruhe verstreichen lassen, weil er wahrscheinlich völlig überrascht ist, dass ich seinen Blick erwidere - und das mit keiner feindseligen Mimik.

Dann scheint er sich zu erinnern, warum er einen Fuß in dieses Zimmer gesetzt hat.
"Deine Schwester hat heute Geburtstag, falls du das vergessen hast und wir werden jetzt alle zusammen  zu ihr gehen und ihr alles Gute wünschen, wie eine Familie das nun mal so macht, also komm jetzt, oder soll ich dir Beine machen?"

Ich rolle mich auf die Seite, um den Mann vor mir in vollen Augenschein zu nehmen. Er trägt seine schwarze Hose mit den akkuraten Bügelfalten wie fast jeden Tag. Nur dass es sich nie um dieselbe Hose handelt, er muss hunderte haben. Jedenfalls stelle ich mir das vor.
Sein Hemd hat einen ekligen eidottergelben Ton. Darüber trägt er eine graue Weste, die eigentlich nicht zu Hose und Hemd passen dürfte, es aber dennoch tut.

"Du sollst aufstehen", sagt er jetzt ganz langsam und beugt sich vor.
Als würde er mit einem Hirntoten sprechen. Vielleicht bin ich das auch.
"Und was, wenn ich nicht will?", frage ich genauso langsam und schwerfällig zurück. "Was, wenn ich keinerlei Interesse an diesen Familienaktivitäten habe? Denn das habe ich nicht. Also mach die Tür bitte wieder hinter dir zu, wenn du gehst."

Das Sahnehäubchen dieser Konversation wäre ein falsches Lächeln gewesen, aber dazu bin ich wirklich zu müde.
"Ben!", knurrt mein Vater leise, "du wirst jetzt auf der Stelle aus dem Bett aufstehen und mit mir kommen!"

Seine Stimme hat diesen bedrohlichen, ruhigen Ton, den Väterstimmen manchmal annehmen, genau dann, wenn man weiß, dass jegliches Widersprechen reiner Selbstmord wäre.
Ich spiele mit dem Gedanken, denn was habe ich schon zu verlieren? Doch dann gebe ich nach und schwinge die nackten Beine über die Bettkante.

Wenn Dad nur wüsste, dass sich auf dem Handy neben mir ein Chat befindet, den ich mit einem anderen Jungen geführt habe. Einem Jungen mit dem ich Sex hatte, verdammt oft, verdammt guten Sex. Hier, auf diesem Bett, da, wo er jetzt steht, im Bad, im Wohnzimmer, auf der verdammten Terrasse. 

Einem jungen Mann, der mir jetzt hinterher kriecht, weil ich ihn habe stehen lassen. Ob er wohl stolz auf mich wäre, wenn er es wüsste? Immerhin habe ich mich ganz nach seinem Vorbild verhalten und bin einfach abgehauen, habe die andere Partei ihren niedrigen Rang spüren lassen.
Ich frage mich, was er mit diesem Wissen anstellen würde, wie er darauf reagieren würde.

almost Love [boyxboy]✔Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt