Noch bevor die Bediensteten sie weckten, standen ihre Töchter am Bett der Eltern und zogen ihnen die Decke weg. Eine Kinderei, die auch Alexanders ständige Beschwerden, ihnen nicht austrieben. Alexander wollte sich schon darüber aufregen, doch Florentine hielt ihm beschwichtigend die Hand auf. „Ich habe sie dazu angestiftet."
„Du hast unsere Kinder gebeten, uns um den Schlaf zu bringen?"
„Ich habe sie gebeten, mir Bericht zu erstatten, ehe wir in Gesellschaft sind." Florentine winkte Tina zu sich, die sich furchtsam zurückgezogen hatte. Der Unbill ihres Vaters lag den Kindern noch immer auf der Seele. Er hatte selten mit ihnen geschimpft, war früher genauso lebensfroh und unbeschwert wie Florentine gewesen. Es musste für sie noch schwerer sein, ihn plötzlich als anderen Menschen wahrzunehmen.
„Moment einmal, was meinst du mit Bericht erstatten?"
„Da mir die Hände gebunden sind und ich überzeugt bin, dass Bocken uns etwas vormacht, habe ich die Kinder gebeten, sich umzusehen."
„Du machst aus unseren Kindern Spione?!"
„Sie spielen ohnehin im ganzen Haus. Was ändert es, wenn sie Augen und Ohren offenhalten?"
Alexander richtete sich auf und trat auf den Boden. „Selbst wenn du Recht hast! Dann wartet Bocken nur auf eine Gelegenheit, unsere Kinder in der Öffentlichkeit durch den Dreck zu ziehen. Willst du das wirklich für sie? Gerade er? Der Mann, der keinen Skrupel davor hat."
„Es sind nur Kinder."
„Und genau deswegen sind sie verwundbar. Du magst dir deinen Schild aufgebaut haben. Das Leben hat dich gelehrt, mit so etwas umzugehen, denn du bist in den untersten Schichten aufgewachsen. Doch sie sind klein und wehrlos gegenüber dem Unbill der Gesellschaft!"
Florentine verließ das Bett und nahm ihre Kinder in den Arm. „So lange ihre Eltern hinter ihnen stehen, vermag nichts, ihnen etwas anzuhaben. Willst du ihr Glück auch deinem Titel opfern?"
Alexander raufte sich die Haare. „Natürlich nicht."
„Dann hör auf, dich ständig über sie zu beschweren. Sie brauchen einen Vater, der für sie einsteht."
Er ließ sich auf die Bettkante fallen und sackte mit dem Oberkörper vornüber. „Also gut, dann erzählt schon."
Tina sah Florentine fragend an, die ihr aufmunternd zunickte. „Wir haben das gesamte Gesinde kennengelernt. Wenn du willst, kann ich dir jeden Namen aufsagen!"
Sie strich über ihren Kopf. Tina hatte ein bemerkenswertes Gedächtnis. „Gab es eine Johanna unter ihnen?"
Ihre Tochter schüttelte den Kopf. „Es gibt auch sonst keinen Gast, der so heißt."
„Niemand? Nicht einmal jemand, der nur hin und wieder zu Besuch kommt?"
„Der Baron hat selten Gäste, sagen sie. Und wenn sind es nur Männer."
Florentine hob die Brauen und auch Alexander wandte sich den Mädchen nun näher zu.
„Eine von den Frauen war sehr traurig. Immer, wenn wir gegessen haben, ist sie nach draußen gegangen", fuhr Tina fort, „einmal habe ich gesagt, ich müsste austreten und bin ihr gefolgt. Da hat sie ihr Essen durch eine Luke einer anderen gegeben."
„Was für eine Luke?"
„Die nach unten in die Vorratskammer."
„Ein feiner Herr ist dein Baron Bocken", sagte Florentine zu Alexander, „offensichtlich sperrt er sein Gesinde ein."
„Vielleicht eine Bestrafung für eine ungehorsame Magd."
„So etwas ist rechtens?"
Alexander verzog den Mund. „Es bedarf nicht unbedingt des Augenmerks des Grafens."
„Und wenn es sich dabei um Johanna handelt?"
Alexander stöhnte auf. „Also gut Mädchen, zeigt mir diese Luke."
Sie gingen leise die Treppe ins Erdgeschoss hinab, wo ihnen bereits Bedienstete entgegenkamen, die Feuer machten, die Kerzen entzündeten und das Frühstück bereiteten. Die Grafenfamilie in ihren Schlafgewändern sorgte für Aufregung. Alexander gab vor, die Kinder wären derartig hungrig, dass sie schon etwas vor dem Frühstück zu speisen planten.
Als die Bedienstete ihnen etwas von der Küche holen wollten, folgten sie ungefragt und platzten in ebendiese hinein. Die Köchin staunte nicht schlecht und auch ihre Führerin erbleichte.
„Gnädiger Herr, was tut Ihr hier?"
Alexander plusterte sich auf, was komisch wirkte in seinem Morgenmantel. „Ich möchte, dass ihr diese Luke für mich öffnet", sagte er mit einem Deut auf die hölzerne Bodenklappe. Die Köchin stellte sich demonstrativ darauf.
„Der Herr hat uns verboten, sie zu öffnen. Zwingt mich nicht, meine Anstellung in Gefahr zu bringen!"
„Dir droht Schlimmeres, wenn du dich dem Grafen selbst widersetzt!"
„Was ist denn hier los?", hörten sie Bockens Stimme, der sichtlich irritiert und mit schlaftrunkenem Blick in die Küche trat. „Eure Exzellenz, wenn Ihr so hungrig seid, lasse ich das Frühstück sofort herrichten."
„Mir ist eher danach zumute, herauszufinden, was sich unter dieser Luke verbirgt, die Euer Gesinde so eisern verteidigt."
Zum ersten Mal war Bocken sprachlos. Ob es die Müdigkeit war oder die fehlende Vorbereitung, aber er wusste einen Moment nichts zu sagen. Als dann ein dumpfes Geräusch von unten erschall, wich jede Farbe aus seinem Gesicht. Es klang, als werfe jemand einen Gegenstand gegen die Luke.
„Das Einsperren von Personen gegen ihren Willen steht unter der Strafe, Bocken!"
„Eine unflätige Magd, die auf die anderen losging. Wir mussten sie zu ihrem eigenen Schutz ..."
„Das ist Johanna da unten!", rief Tina erbost, obwohl sie Johanna nicht kannte, musste sie diesen Schluss gezogen haben.
„Öffnen!", gebot Alexander mit derlei Entschlossenheit, dass die Köchin keinen Widerspruch mehr leistete und den Deckel anhob.
Von unten drangen die Hilfeschreie Johannas nach oben.
„Eine interessante Hochschule besucht Euer Schützling, werter Herr", sagte Alexander.
„Holt sie rauf", gab Bocken unwillig von sich und stapfte hinaus.
Sie ließen Johanna eine Leiter hinab. An Nahrung schien es ihr nicht gefehlt zu haben, doch Haare und Kleidung starrten vor Dreck, jeder Lichtschein blendete sie und sie wirkte allgemein desorientiert. Sie ordneten an, sie zu baden und aufs Beste zu verpflegen.
Alexander lobte seine Kinder für ihre Findigkeit und schloss sie in die Arme. Als Johanna wieder gesellschaftsfähig war, kamen sie im Salon zusammen, um über Bocken Gericht zu halten. Er saß in seinem Sessel, die Hände krallten sich in die Lehne, doch noch gab er sich nicht geschlagen. Johanna erzählte ihre Geschichte. Wie sie gehindert wurde, ihm zu entfliehen, dass er ihre Briefe verbrannt und sie täglich mit Arbeit überhäuft hatte. Zu guter Letzt seinen Plan, sie zu ehelichen.
„Ihr seid ein schmieriger Lügner! Lasst mich raten: Ihr habt kalte Füße bekommen, als Ihr von unserem Besuch hörtet? Besser sie heiraten und als Edelmann dastehen, als zuzugeben, dass Ihr alle Zuwendungen für Johanna in die eigene Tasche gesteckt habt", sagte Florentine.
„Was wisst Ihr schon, Zirkusweib? Mischt Euch nicht in die Belange der gehobenen Gesellschaft. Über Eure komödiantenhafte Familie zerreißen sich die Leute ohnehin genug das Maul."
„Redet nicht so mit meiner Frau, oder ich lasse Euch hier auf der Stelle für Euer Vergehen richten!"
Bocken breitete die Hände aus. „Dafür eine Dienstmagd an der Flucht zu hindern? Ich habe einen rechtlich bindenden Vertrag mit dieser Frau."
„Für die Veruntreuung des Geldes."
„Weist es mir nach. Bis ihr einen Richter hier habt, werde ich hundert Zeugen haben, die bestätigen, dass jeglicher Groschen in die Bildung des jungen Fräuleins geflossen ist."
„Nötigenfalls schleife ich Euch direkt nach Königsfels."
Bocken erhob sich und nun war seine Haltung eindeutig drohend. „Ihr seid hier nicht zuhause, Graf von Arling. Meine Dienerschaft schuldet mir unbedingten Gehorsam. Wollt Ihr es darauf ankommen lassen, ob Euer kümmerliches Gefolge mit dem meinen zu Rande kommt? Mag sein, dass Eure Männer unter Waffen etwas taugen, doch wer garantiert für die Sicherheit der Kinder?"
„Ihr seid ein Schwein!", schrie Florentine und reckte die Faust, doch auch sie wagte keinen direkten Vorstoß, so sehr sie auf ihn einprügeln wollte. Ihre Kinder waren ihre Schwachstelle.
„Ich gestehe, einen Fehler gemacht zu haben. Ich lasse Johanna frei und wir vergessen die Sache."
„Glaubt Ihr wirklich, Ihr kommt damit so leicht davon, Bocken?"
„Das glaube ich, Werteste. Und ihr tätet gut daran, mir keine Steine in den Weg zu legen. Es gibt tückischere Mittel, Euch und Euren Kindern zu schaden, als ihnen eine Waffe an den Kopf zu halten."
Florentine ruckte zurück. Alexander hatte Recht. Bocken würde versuchen, sie in Verruf zu bringen. War es ihr die Rache wert, die nicht die eigene war, ihre Kinder dafür zu gefährden?
„Ich sehe, ihr begreift langsam, Mädchen. Auf dem Parkett der Edlen werde ich einer Zirkusfrau immer einen Schritt voraus sein."
„Wir nehmen sie mit", sagte Alexander entschlossen.
„Ich sehe, Ihr seid der Vernunft zugänglich."
Wie geschlagene Hunde verließen sie das Anwesen. Florentine hätte in Tränen ausbrechen können. Wie immer kam diese Gestalt mit seinen Taten ungeschoren davon. Und er hatte Recht. Weder sie noch Alexander hatten Erfahrung damit, mit seinen Waffen zu kämpfen. Auch wenn sie mächtiger als er waren, so war ihm doch kaum beizukommen, ohne gegen das Gesetz zu handeln.
„Vergiss es, du hast das Glück eines Menschen gerettet. Bocken wird seine Strafe spätestens vor dem letzten Gericht erhalten", sagte Alexander, als sie in der Kutsche saßen.
„Und sich zu Lebzeiten an seinem Erfolg ergötzen."
„Es wird ihn ärgern, keine weiteren Zuwendungen zu erhalten."
„Er wird sie aus seinen Untertanen pressen."
„Wir müssen unsere Reise fortsetzen. Vielleicht finden wir zuhause eine Möglichkeit, den Leuten zu helfen."
Florentine lächelte ihm dankbar zu. Der Gedanke, zumindest nicht völlig aufzugeben, gab ihr die Kraft weiterzumachen. „Ihr spracht von einem Geliebten, dem Ihr Briefe schriebt, Fräulein Jeverbruch. Ich nehme an, Ihr wollt ihn suchen?"
„Ja, ich hoffe nur, er hat meine fehlenden Nachrichten nicht missdeutet und sich anderwärtig verliebt."
„Wir können uns keine Unterbrechung leisten. Die Barone sind bereits über unser Kommen informiert", wandte Alexander ein.
„Ich reise allein nach Königsfels. Ich bräuchte nur ein Pferd."
Alexander schüttelte den Kopf. „Unsinn, das ist viel zu gefährlich."
„Die Frau aus Tannweiler könnte sie doch mitnehmen", sagte Florentine.
Er nickte nachdenklich. „Wie immer überraschst du mich mit vorzüglichen Ideen, meine Liebste."
Er gab dem Kutscher ein Zeichen und sie wechselten die Richtung. Florentine freute sich für Johanna, als sie das Funkeln in ihren Augen gewahrte. Es war dieselbe Leidenschaft, die sie an sich selbst gesehen hatte, wenn sie an Alexander dachte. Diese Frau so entbrannt für einen anderen zu sehen, machte ihr klar, dass Johanna niemals vorhatte, Alexander zu heiraten. Sie konnte mit dem Kapitel abschließen und fühlte sich darin bestärkt, Johanna zu unterstützen. Vielleicht vermochte sie es nicht, das Schicksal aller zu wenden. Aber zumindest das ihrige.
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Tanz der Gefühle
Historical FictionTeil 2 der Tanz-Trilogie Lieber schwelgen im Glück oder schwimmen im Geld? Mina wuchs im Reichtum des Hauses ihres Vaters auf und musste sich ihr Leben lang um nichts kümmern. Sie scheut zeitiges Aufstehen, harte Arbeit und jeglichen Mangel an Komfo...