7. Avery

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In der Bibliothek ist es still und es gibt mir Freiraum, meine Gedanken zu sortieren. Quinn sitzt mir gegenüber, Robin auf dem Stuhl neben ihm und beide arbeiten leise vor sich hin, auch wenn Robin immer wieder auf dem Ende seines Stiftes kaut und mir damit eine Grimasse entlockt. Das knirschende Geräusch von Holz durchschneidet die Stille wie ein Schwert die Luft.

Noch Stunden zuvor habe ich auf dem gleichen Stuhl gesessen, Brielle und Zoe mir gegenüber und ein Laptop der Schule zwischen uns. Fotos von berühmten und bekannten Sportlerinnen, Schauspielerinnen und schließlich auch Persönlichkeiten haben den Bildschirm eingenommen, während wir uns im Flüsterton darüber unterhalten haben, wer passend genug ist, um Gould zu überzeugen. Ich habe eine Liste geführt und Zoe hat aufgeregt immer wieder auf ihrem Handy etwas nachgeschlagen, während Brielle sich die Artikel zu den Frauen durchgelesen hat. Und immer wieder, alle paar Minuten hat sie aufgeblickt und meine Augen gesucht.

Sie hat gelächelt und ich habe gelächelt und dann hat sie schnell wieder nach unten geguckt und ich habe die Begegnung vermisst. Wie kann es sein, dass ich etwas vermisse, dass ich doch jeden Tag habe? Wie kann es sein, dass ich mir jede Sekunde erneut gewünscht habe, dass unser Kontakt länger anhält? Wie kann es sein, dass mein Herz schneller schlägt, wenn das Mädchen vor mir meinen Blick trifft?

Es gab keine Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, aber jetzt, wo die Zeit und Ruhe da ist, kann ich nichts denken. Mein Kopf ist leer, meine Gedanken ein einziges Loch. Ich kann nicht denken. Ich schaue stattdessen immer wieder auf meine Finger, die noch immer mit der Berührung brennen, die nur für den Bruchteil einer Sekunde angehalten hat, als Brielle und ich zeitgleich nach dem Laptop greifen wollten. Unsere Haut hat sich berührt und es hat gebrannt.

Brennen. Wenn es brennt, dann ist es doch eigentlich etwas Negatives, nicht? Es brennt, wenn ich meine Finger in die Flamme halte, es brennt, wenn ich aus Versehen die heiße Herdplatte berühre, es brennt, wenn ich nicht aufpasse und mich beim Kochen am Dampf verbrühe. Es brennt aber auch, wenn ich Brielles Blick halte, es brennt, wenn sie mich berührt, es brennt, wenn mein Herz schneller schlägt, weil meine Gedanken sich in ihre Richtung bewegen. Was soll das bedeuten? Ich – ich finde keine Antwort darauf, die mich nicht in eine Abwärtsspirale befördert. Mein ganzes Leben lang habe ich nur das eine gedacht, habe das eine gesehen, habe das eine gelernt und alles wird aus dem Fenster gestoßen, weil ich weiche Knie bekomme, wenn ein unglaubliches Mädchen mich ansieht?

Ich versuche mich zurückzuerinnern, an die Zeit, in der ich diese Gefühle für jemand anderen hatte, aber ich finde nichts. Nach allem, was ich weiß, ist das das erste Mal, dass ich soetwas fühle und es macht mir Angst. Was soll ich meiner Mutter sagen? Wird sie es Pastor Jenkins unter Tränen beichten und er wird ihr sagen, ich sei vom rechten Pfad abgekommen? Wie soll ich klar denken, wenn alles, was mir in den Sinn kommt, in der Apokalypse endet?

Brielle hat sich mit leisen Fanfaren in mein Herz geschlichen und jetzt werde ich sie nicht mehr los. Will ich das? Will ich, dass sie geht oder will ich, dass sie bleibt, laut und stolz und für immer? Ich werfe einen erneuten Blick auf meine Finger, die in meinem Schoß liegen. Ich stelle mir vor, wie sie in einer anderen Hand liegen, wie dieser jemand zudrückt und mir das warme Gefühl von Geborgenheit gibt. Dieser Jemand ist kein Junge. Dieser Jemand ist kein großer, hübscher Typ mit süßen Locken, auf die Quinn so steht, dieser Jemand ist eine Eishockeyspielerin mit Muskeln am ganzen Körper und ehrlichen braunen Augen, die mich anblickt und nicht nur das Mädchen mit den Kurven sieht, das sich hinter ausgefallener Mode versteckt. Sie sieht mich wie ich bin.

Meine Finger fangen an zu zittern. Ich kneife die Augen zusammen und zähle in meinen Gedanken langsam bis Zehn. Als ich die Augen wieder öffne und den Kopf hebe, hat Robin aufgehört an seinem Stift zu kauen. Sein Blick klebt unbewegt auf der Seite seines Buches und er hat eine Hand zur Faust geballt, hat sie so fest zusammengedrückt, dass ich das Weiß seiner Knöchel durch seine Haut schimmern sehen kann.

Everything (And Nothing) Has ChangedWo Geschichten leben. Entdecke jetzt