Am nächsten Tag ist es endlich so weit. Mein Geschenk an Robin liegt sicher verpackt in meiner Tasche und ich kann es kaum abwarten, sie endlich überreichen zu können. Die letzten Tage hat Robin sich damit abgefunden, dass niemand wusste, was er uns gesagt hat („Solange ich nicht ganz out bin, reichen männliche Pronomen", hat er gesagt, auch wenn sein Lächeln etwas forciert gewirkt hat), aber ich habe bemerkt, dass es ihn jedes Mal Überwindung gekostet hat, wenn er mit falschen Pronomen betitelt wurde. Er gibt natürlich niemandem die Schuld daran, aber ich will nicht ansehen müssen, wie Robin leise leidet.
Die erste Stunde will nicht vergehen. Mrs. Lawrence steht an der Tafel und erzählt etwas über die Lektüre, die wir die nächsten Wochen über lesen werden, aber ich habe so wenig zugehört, dass ich nicht einmal den Titel mitbekommen habe. Vermutlich ist es ein alter Klassiker, den irgendein alter weißer Mann geschrieben hat und den jetzt alle lesen müssen, weil Gesellschaftskritik vorkommt oder so. Das hat mir letztes Jahr schon mit Romeo und Julia gereicht, dieses Jahr würde ich viel lieber etwas lesen, dass von jemandem geschrieben wurde, der nicht mit Unmengen an Privilegien aufgewachsen ist, aber ich schätze, darauf kann ich lange warten. Wahrscheinlich sollte ich froh sein, dass wir überhaupt Bücher von Frauen lesen, auch wenn selbst die rar verteilt sind.
Ein Papierfetzen landet auf meinem Tisch, als Mrs. Lawrence sich umdreht, um etwas an die Tafel zu schreiben. Ich werfe einen Blick zur Seite, wo Brielle sitzt, die zum Stück Papier nickt, dann nehme ich es zur Hand.
Man könnte meinen, sie und Shakespeare wären ein Paar, so sehr schwärmt sie von ihm. Fällt Englischlehrern eigentlich nie etwas anderes ein, mit dem sie ihre Schüler quälen können, außer jahrhundertalte Bücher zu lesen?
Ich verstecke mein Lachen in der Hand. Während Mrs. Lawrence noch beschäftigt an der Tafel steht, kritzle ich eine Antwort.
Wahrscheinlich hätten sie noch schlimmere Foltermethoden, aber alte Bücher sind das einzig legale.
Der Zettel fliegt rüber auf Brielles Tisch und einen Augenblick später dreht Mrs. Lawrence sich um. „Shakespeare", sagt sie mit lauter Stimme. „Gibt es einen größeren Geschichtenerzähler? Einen ausgefalleneren Schreiber als ihn? Tragische Menschen mit tragischen Leben und tragischen Enden -was gibt es nur besseres? Ah, ja?"
Zu meiner Überraschung hat Brielle sich gemeldet. „Happy Ends", sagt sie.
„Bitte?"
„Etwas Besseres als all die ganze Tragik. Happy Ends", wiederholt sie.
„Ah." Mrs. Lawrence blickt etwas erschlagen drein, fast so, als hätte sie nicht damit gerechnet, tatsächlich eine Antwort zu erhalten. „Nun, das ist natürlich richtig wenn man es auf das echte Leben bezieht", antwortet sie langsam. „Aber Geschichten leben von der Tragödie. Wir Leser wollen unterhalten werden und das können nur die wenigstens, wenn sie darüber lesen, wie gut es den fiktionalen Menschen geht. Wir sehnen uns nach aufregender Unterhaltung, die uns mitreißt und unsere Herzen brechen lässt, während wir uns in der Sicherheit unserer eigenen Welt befinden."
„Hm, ich schätze, das ergibt Sinn", sagt Brielle, „wobei ich trotzdem Geschichten bevorzuge, bei denen niemand allzu viel leiden muss."
Mrs. Lawrence lächelt aufbauend. „Das ist verständlich und tatsächlich eine wunderbare Überleitung zu eurer Hausaufgabe." Sie hält das kleine Buch in die Höhe. Othello. Ich stöhne lautlos auf. „Eure Aufgabe wird es sein, dieses Buch zu lesen und einen Aufsatz über ein Thema eurer Wahl zu schreiben, dass natürlich in irgendeiner Form mit dem Buch zu tun hat. Das kann sein, dass ihr euch mit einem Charakter auseinandersetzen möchtet oder mit einem wiederkehrendem Motiv, das ihr interessant findet. Abgabe ist der letzte Tag vor den Weihnachtsferien."
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Everything (And Nothing) Has Changed
Roman pour AdolescentsJeden Tag zweifelt Avery daran, ob sie in ihrem Leben nicht etwas falsch macht. Sie hat weder eine Ahnung wer sie ist, noch was sie nach der Schule anstellen will. Sie weiß nur, dass sie liebend gerne schneidert und absolut nicht für die schönen Aug...
