4. Brielle

112 20 18
                                        

Hm, mal sehen, Kommentare, oder Kniescheiben treffen Hockeyschläger <3

_________________________________

Eine Woche nach meinem erfolglosen Versuch, Coach Gould und den Teamkapitän Nate davon zu überzeugen, mir eine Chance beim Eishockey zu geben, ist keine wirkliche Besserung in Sicht. Zwar finde ich mittlerweile allein den Weg zu meinem Spind und den meisten Klassenräumen, aber das hilft mir nicht, mich richtig einzufinden. Ohne Eishockey fehlt mir etwas. Das letzte Jahr habe ich jeden zweiten Tag auf dem Eis verbracht und habe mit meinen Freunden und Teamkameraden den Puck gejagt und heute habe ich meine Schlittschuhe noch nicht einmal angefasst. Es ist ätzend. Ich verstehe nicht, wieso mir keine Chance gelassen wird, wenn ich doch offensichtlich eine Bereicherung wäre.

Avery hat versucht mich aufzumuntern, indem sie die nicht jugendfreisten Wörter für Gould durch den Raum geworfen hat, aber auch das hat nicht sonderlich geholfen, damit ich mich besser fühle. Ich genieße ihre Anwesenheit zwar sehr und habe auch das Gefühl, dass wir uns trotz der kurzen Zeit schon ziemlich gut verstehen, aber sie kann nichts tun, damit sich diese Situation bessert. Sie kann Gould nicht davon überzeugen, mich ins Team zu lassen, auch wenn ich ihren Enthusiasmus sehr schätze.

Ich hab meinem Dad nichts davon erzählt. Er würde sich nur selbst die Schuld dafür geben, weil er derjenige war, der mich erst an die neue Schule gezogen hat und – klar, irgendwie hat er Schuld. Irgendwie wollte ich sauer auf ihn sein, aber das wäre ungerecht. Er konnte nicht wissen, dass der Eishockeycoach ein ekliger Sexist ist, der Talent nicht erkennen würde, wenn es ihm ins Gesicht springen würde. Ich wünschte nur, das alles wäre gar nicht erst nötig gewesen und ich wäre immernoch in meinem alten Team.

Wenn es nach mir gegangen wäre, dann wären wir nicht umgezogen, aber ich weiß, dass es besser für meinen Dad ist. In der alten Wohnung hat ihn (und mich gewissermaßen auch) alles an Mom erinnert und was sie mit unserer Familie angestellt hat. Jahrelang hat sie die Scharade aufrecht erhalten und hat hinter unserem Rücken mit diesem Mann geschlafen, hat ihn sogar in die Wohnung genommen, wenn wir nicht da waren, hat mich und Dad verraten und belogen. Ich hab sie nicht mehr wiedererkannt, als ich es erfahren hab. Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, was ich gefühlt habe, als Dad sie rausgeschmissen hat. Wut? Trauer? Ärger? Wenn ich daran zurückdenke, dann fühle ich mich katatonisch.

Wir haben uns einen Neuanfang verdient und ich bin auch froh, dass mich in dieser Stadt absolut nichts an Mom erinnert, aber dass es überhaupt dazu kommen musste, raubt mir manchmal immer noch den Schlaf. Dad hat das Beste für sich und mich getan, als er den neuen Job angenommen und uns durchs halbe Land gefahren hat und trotzdem ... Was würde ich geben, um wieder in meinem alten Zimmer zu liegen, das Radio aus dem Nebenraum zu hören und mir ein altes Eishockeyspiel auf dem Fernseher anzuschauen. Mein Leben hätte einfach sein können, beinahe schon langweilig, und dann musste sie alles ruinieren.

Wenigstens ist die Schule nicht so schrecklich, wie ich es mir ausgemalt hatte. Keine große Aufmerksamkeit, keine dummen Fragen, keine Kommentare aufgrund meines Aussehens. Man hat mich einmal angeguckt und dann akzeptiert, dass ich jetzt da bin und das wars. Avery hat sich zu meinem persönlichen Tour Guide ernannt und mir die sehenswürdigen Attraktivitäten der Stadt gezeigt, sowie mir einen Zettel mit ihrer Nummer zugesteckt, falls ich je etwas brauchen sollte. Daraufhin hat mein Herz einen Schlag ausgesetzt. Noch nie hat mir ein hübsches Mädchen wie Avery einfach so ihre Nummer gegeben und dann auch noch erwartet, dass ich ihr tatsächlich schreibe.

Im Englischunterricht von Mrs. Lawrence sitze ich immer noch neben Avery und manchmal fängt sie in der Stunde meinen Blick auf, lächelt und zieht dann in Richtung Mrs. Lawrences Rücken eine Grimasse, was mich nur grinsen lässt. In ihrer Anwesenheit lässt sich alles einfacher ertragen, sei es der langweilige Unterricht oder die Stunden, in denen ich viel zu energiegeladen bin, weil ich nicht Eishockey spielen kann. Avery hat ein wahres Talent dafür, mich meine Sorgen für ein paar Momente vergessen zu lassen und dafür muss sie nicht sonderlich viel tun. Mich angucken, lächeln, reden. Es reicht, damit ich ruhig atmen kann.

Everything (And Nothing) Has ChangedWo Geschichten leben. Entdecke jetzt