11. Avery

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„Es stellt sich heraus, dass ich lesbisch bin", sage ich den Hörer.

Es ist für eine Weile lang still, dann antwortet Quinn: „Was?"

„Das ist nicht die aufgeregte Unterstützung, mit der ich gerechnet habe", erwidere ich.

Ich liege auf dem Bett, starre an die Decke, habe Quinn auf Lautsprecher auf meiner Brust liegen, sodass ich seine Stimme bis unter meine Haut spüren kann, und berühre ab und zu meine Lippen und Fingerkuppen – die Stellen, die am meisten unter Brielles Berührungen gebrannt haben. Mom ist für ein paar Stunden bei einer ihrer typischen Kirchenveranstaltungen, bei denen sie bestimmt Pastor Jenkins schöne Augen macht und wird vor dem Abendessen nicht zurück sein. Es ist die perfekte Zeit um all die Gefühle zu verarbeiten, die ich neuerdings habe.

„Sorry", sagt Quinn. „Woher die plötzliche Erkenntnis?"

Wo soll ich anfangen? „Brielle hat mich gestern auf Austins Party geküsst. Und ich habe sie zurück geküsst. Und jetzt weiß ich nicht, was wir sind, aber ich weiß, dass ich es auf jeden Fall wieder machen würde."

„Oh."

„Oh?", frage ich hinterher, ungeduldig klingend. „Was soll denn ständig dieses Oh. Ich brauche richtige Antworten und nicht nur Ohs. Also wirklich, soll ich deine Stelle als bester Freund an jemand anderen vergeben? Ich bin hier sehr offensichtlich in einer Sexualitätskrise und brauche deine Unterstützung, also wirklich."

„Krise?", wiederholt er irritiert. „Du hast doch bereits gesagt, du bist lesbisch, wo ist denn da die Krise?"

„Na, ist doch ganz einfach", erwidere ich. „Bis ich gestern meinen ersten Kuss hatte, wusste ich nicht, was ich bin. Ich hatte nun einen ersten Kuss mit einem tollen Mädchen und daraus schließe ich, dass ich lesbisch bin. Aber woher weiß ich nun, dass ich wirklich lesbisch bin? Vielleicht kann Brielle auch einfach nur echt gut küssen oder vielleicht bin ich bi und weiß es nicht besser. Siehst du jetzt mein Problem?"

Quinn schnaubt belustigt. „Du bist wirklich ein starkes Stück. Seit wann hast du bitte solch starke Gefühle gegenüber deiner Sexualität?"

„Seit ich sie in Frage stellen musste, duh." Ich widerstehe dem Drang mit den Augen zu rollen, auch wenn er mich eh nicht sehen kann.

„Okay, okay. Ich hab zwar das Gefühl, dass mir hier ein paar Informationen fehlen, aber ich tue mein Bestes. Du hast also Brielle geküsst und jetzt willst du es wieder tun. Willst du denn auch gerne irgendeinen Typen küssen?"

„Keine Ahnung", entgegne ich. „Woher soll ich das bitte wissen? Du bist hier der Typen-Knutscher, du hast da mehr Erfahrung als ich."

„Typen-Knutscher", wiederholt Quinn langsam. „Wow. Egal, darauf gehe ich später ein. Verspürst du denn überhaupt keinen Drang, einen Typen zu küssen? Also, keine Ahnung, wenn du Bilder von Channing Tatum anguckst – "

„Channing Tatum?", frage ich laut und ein wenig angewidert. „Bitte, der Typ könnte mein Großvater sein. Und nein, wenn ich mir Bilder von alten Männern im Internet angucke – was, nur zur Info, nicht sehr häufig vorkommt – dann verspüre ich nicht unbedingt das Verlangen, sie abzuknutschen. Ich weiß ja nicht, was du so in deiner Freizeit machst, aber ich habe definitiv andere Dinge zu tun."

„Was ist denn mit Typen eher in deiner Altersklasse? Justin Bieber? Oder Shawn Mendes?"

„Sind die nicht eher deine Typen?", erwidere ich.

„Hypothetisch gesehen", sagt er mit genervtem Unterton. „Wenn du dir ein Bild von Shawn Mendes oben ohne anguckst, was denkst du dann?"

„Dass er sich was anziehen soll." Ich schnaube belustigt, als Quinn in der anderen Leitung lauthals stöhnt. „Okay, aber wirklich. Ich verspüre nicht den Drang ihm meine Zunge in den Hals zu rammen, falls es das ist, was du hören willst. Ich hab keine Ahnung, was du damit bezwecken willst."

Everything (And Nothing) Has ChangedWo Geschichten leben. Entdecke jetzt