Kapitel 2

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Charlie

„Sind wir schon da?" Charlies älterer Bruder Joris schnaubte. „Mir ist kalt, es regnet und ich habe Hunger! Irgendwann müssen wir doch mal aus diesem Wald rausfinden! Oder zumindest den Weg wiederfinden!"

„Wir hätten diesem kleinen Licht nicht folgen sollen", maulte Lucas.

„Und wessen Idee war das?" Molly warf ihm einen scharfen Blick zu. „Deine, wenn ich mich nicht irre, mein Held! Du bist der älteste, aber nicht der Weiseste!"

„Habe ich das je behauptet?", brummte Lucas.

„Ja! Als du das Irrlicht entdeckt hast!", erinnerte Charlie ihn. Lucas war zwei Jahre älter als Molly und er hatte behauptet, er müsste es daher am besten wissen. Immerhin hatte er zwei Jahre mehr Lebenserfahrung.

Sanfter Regen prasselte leise durch die dichten Blätter der seltsamen Bäume. Manchmal kam es Charlie vor, als würden sie sich bewegen. Die Gruppe wanderten nun seit einigen Tagen durch den Wald, ohne den Weg hinaus gefunden zu haben. Sie hofften, in der Steppe ein neues Zuhause zu finden, doch ein Irrlicht hatte sie tief in den Wald und abseits des Weges geführt. Lucas war dem kleinen Licht hinterhergelaufen, fest davon überzeugt, dass es helfen wollte.

Außer diesem einen, frechen Lichtlein hatten sie bislang nur Tiere gesehen. Seltsame, bunte Vögel. Kaninchen denen Hörner am Kopf wuchsen. Einen weißen Hirsch und rosa Rehe. Joris hatte es geschafft, einen von den Hasen zu jagen. Das hatte ihnen am Abend zuvor eine warme Mahlzeit beschafft. Charlie war zunächst skeptisch. War dieser Hase wirklich... genießbar? Ansonsten aßen sie nur ein paar süße und saftige Beeren, die sie hin und wieder fanden. Charlies Magen knurrte ohne Unterlass.

„Es wirkte so niedlich, das kleine Licht", maulte Lucas. „Wie kann so ein süßes Wesen, so böse sein!"

„Sie heißen nicht umsonst, Irrlichter!" Molly rollte mit den Augen. „Wenn das so weitergeht, werden wir hier im Wald leben müssen..."

Sie folgten einem dünnen Bach, in der Hoffnung, den Fluss zu finden. Wenn sie dem folgten, würde er sie vielleicht bis zur Steppe führen. Charlie war es egal wo er war, solange er nur weit weg von der Königin war. Er wollte sein Leben nicht in einem Gefängnis verbringen, weil er sich gegen die Sklaverei und andere Grausamkeiten aufgelehnt hatte. Oder sogar dafür mit dem Leben büßen müssen.

Sein älterer Bruder tat sich damit schwerer.

Er hatte davon geträumt, eine eigene Bibliothek zu gründen. Eine Bibliothek, die nicht der Königin und dem Adel gehörte. Seine eigene Bibliothek. Er hatte seinen Traum hinter sich lassen müssen, als sie aufflogen. Charlie hatte keine solchen Träume, aber er war auch erst siebzehn. Gerade aus der Schule raus und nicht klug genug, um an die Universität zu gehen, wie seine Mutter es sich gewünscht hatte. Er war auch nicht klug genug, um die Schule erfolgreich zu beenden. Und auch das Geld fehlte.

Die meisten, die die Universität besuchten waren adlig oder reich. Hexen und Zauberer. Keine Sterblichen.

Joris hingegen hatte an die Universität gewollte, doch er hatte keinen Platz bekommen. Er wollte sich das Studium durch harte Arbeit selbst finanzieren, doch so weit kam es nicht.

Ihre Eltern hatten die beiden ebenfalls zurückgelassen. Sie wollten nicht ein neues Leben in der Steppe anfangen. Charlie wusste nicht, wie es ihnen jetzt ging. Waren sie verhaftet worden? Oder ließ man sie in Ruhe?

„Da vorne ist der Fluss!" Lucas deutete auf einen schimmernden Fleck zwischen den hohen Bäumen. Bis vor wenigen Sekunden hatte er sich noch mit Molly gestritten. Doch diese Neue Entdeckung lenkte die beiden ab. Seine Entdeckung sah tatsächlich nach Wasser aus. Also gingen sie auf das Schillern zu und traten bald an des Ufer eines breiten Flusses.

Dieser Fund kam ihnen gelegen. Es wurde bereits dunkel und sie hatten Durst. Sie tranken vom Flusswasser, Molly hatte Mühe Joris und Charlie von einer Wasserschlacht abzuhalten, und bauten sich dann ein halbwegs trockenes Lager zwischen den Bäumen auf. Eine breite Plane schützte sie vor dem Regen, der nun stärker wurde.

Bei dem Regen konnten sie sich kein Lagerfeuer anzünden, daher rückten sie unter der Plane eng zusammen. Ein kalter Wind pustete, obwohl es noch Sommer war. Der Herbst nahte. Doch der Feenwald schien dies nicht zu wissen. Hier war meistens warm und es roch nach Sommer.

Lucas beobachtete unruhig das Wasser. „Fühlt ihr euch auch beobachtet?"

„Hm... Ja", stimmte Molly zu. „Hier leben allerlei wundersame Kreaturen. Vielleicht ist es nur ein Fisch."

„Oder eine hübsche Nixe!", überlegte Joris. „Eine wunderschöne, kurvige Nixe mit langem Haar und einem edlen Köper!"

Charlie schlug ihn. „Und einem Fischschwanz, du Tölpel! Was willst du mit einer Nixe? Außerdem... Ich habe mal gehört, sie sein gefährlich."

Molly nickte. „Keiner geht allein zum Wasser. Nixen ertränken Menschen zum Spaß."

„Ob sie das Wasser verlassen können?", überlegte Charlie. „Wir sind sehr nah am Fluss."

„Mit einem Fischschwanz?" Lucas schüttelte den Kopf. „Sie gehören in das Wasser und nicht an Land. Hier sind wir sicher!" Er gab seiner Frau einen Kuss auf die Wange. „Und wenn sich eine Nixe zeigt, vertreibe ich sie!"

(c: sasi)

(c: sasi)

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NIXE - Zwischen Wasser und Wald (BL)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt