Kapitel 2.1

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~Cleo

Es war einer der Momente, in denen ich das dringende Bedürfnis verspürte, Rune am Kragen zu packen und gründlich durchzurütteln. Wenn ich ihn so etwas fragte, tat er immer so, als würde ihn das alles nichts angehen. Dabei kam es mir gleichzeitig so vor, als wollte er mir bewusst zeigen, welche Fäden der Rat im Hintergrund zog. Und für wen ich hier eigentlich kämpfte.

Ich kniff die Augen zusammen. ,,Ist das dein Ernst?"

Runes Blick wanderte zu dem Wachmann vor dem Gefängnis, dann setzte er sich in Bewegung. Da er noch immer meine Hand hielt, zog er mich einfach mit sich.  ,,In meinem Fall ist es besser, nicht zu hinterfragen, warum man jemanden töten soll", antwortete er schließlich.

,,Du lässt einfach andere Leute für dich entscheiden, wer Gut und wer Böse ist?", hakte ich ein wenig fassungslos nach. Rune hatte eine Meinung zu dem Thema. Ich verstand nicht, weshalb er sich ständig hinter dem Willen der Götter versteckte. Nachdenklich sah ich zu ihm auf. Ich wusste aber auch nicht, was die Götter ihm antun könnten, wenn er sich ihrem Willen nicht beugen würde.

Unvermittelt blieb Rune stehen. Seine goldenen Iriden starrten mich durchdringend an. ,,Ich existiere, um das von den Göttern erschaffene Gleichgewicht zu halten, Cleo. Das ist der Grund. Alles andere spielt keine Rolle."

Ohne es zu wollen merkte ich, wie sich Mitleid in mir ausbreitete. Es war nicht fair, dass er so über sich dachte. Und es war nicht fair, dass die Götter ihn wie einen Gegenstand benutzten, statt ihn als das Individuum zu sehen, das er war. Zögerlich streckte ich den Arm aus und legte ihm eine Hand auf die Schulter.  ,,Du existierst nicht nur dafür. Lass dir das nicht immer einreden."

Einen Moment sahen wir uns einfach nur an. Ich sah ihn, Rune, den Wikinger, und mir wurde einmal mehr bewusst, dass ich noch nie jemanden wie ihn kennengelernt hatte. Niemanden, der so redete, so aussah, so handelte wie er. Estelle hatte einmal gesagt, dass er nicht mehr als ein Werkzeug der Götter war, aber das stimmte nicht. Er trug sämtliche Symbole der falschen Mythologie am Körper und auf der Haut - seine Art von stillem Protest? Die Götter konnten das nicht gutheißen.

,,Wenn du die Götter so toll findest- warum dann die nordische Mythologie?", fragte ich.

Ein Muskel an Runes Kiefer zuckte. ,,Ich finde die Götter nicht toll." Er fuhr mit den Fingern über den Thorhammer, den er immer um den Hals trug. ,,Aber ich denke, dass es einen Grund hat, warum die Götter von mir verlangen, was sie verlangen."

Er machte eine kurze Pause und biss sich auf die Lippe, wohlwissend, dass meine eigentliche Frage noch offenstand. Eigentlich hatte ich ihn das zu einem anderen Zeitpunkt fragen wollen - in Ruhe, am besten bei Keksen und einer Tasse Tee, aber ich wusste nicht, wie viel Zeit noch blieb. Und vielleicht wollte ich ihn auch ein bisschen aus der Reserve locken.

,,Ich komme aus Skandinavien", sagte er schließlich. ,,Bis die Götter gemerkt haben, dass Gaias Gene in mir aktiv sind, habe ich bei meiner Mutter in einer heidnischen Gemeinschaft nach den Traditionen der Wikinger gelebt."

Nachdenklich sah ich ihn an. ,,Und dann haben sie dich auf den Olymp geholt?"

Er nickte. ,,Ja. Ich erinnere mich kaum an die Zeit davor." Seine Finger tasteten erneut nach der Kette um seinen Hals und ich merkte deutlich, dass ihm dieses Gespräch nicht behagte. ,,Aber ich... ich mag den Gedanken, dass es einen Ort auf der Erde gibt, von dem ich ursprünglich herkomme."  Er ließ meine Hand los und wandte den Blick ab.

,,Rune..." Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Und ich verstand nicht, wie er die Götter nach allem, was sie getan hatten, nachdem sie ihm sein Leben genommen hatten, immer noch verteidigen konnte. Immer noch genau das tun konnte, was sie wollten. Mir hatten die Götter noch nie etwas getan und trotzdem wurden mir diese Kreaturen zunehmends unsympathischer.

Rune schwieg und sah mich immer noch nicht an.  Ich räusperte mich. ,,Bist du seitdem nochmal zuhause gewesen?"

Er schüttelte den Kopf.  ,,Meine Aufträge sind nie dort gewesen."

Ungläubig sah ich ihn an. ,,Du hast deine Mutter seit du ein Kind warst nicht mehr gesehen?"

Er ließ den Anhänger seiner Kette los und drückte die Wirbelsäule durch. ,,Ich brauche keine Mutter."

Manchmal hatte ich das Gefühl, er brauchte ganz dringend eine Mum, die ihn in den Arm nahm und ihm sagte, wie wertvoll er war. Keine Waffe, kein Werkzeug. Ein Lebewesen.

Ich räusperte mich. ,,Darf ich... Darf ich dich umarmen?"

Ich war nicht Runes Mutter, aber ich hatte das Gefühl, er musste dennoch dringend geknuddelt werden.

Rune blinzelte mich irritiert an. Dann aber schien er die angespannten Muskeln locker zu lassen und nickte langsam. Bevor er es sich anders überlegen konnte, legte ich  etwas unbeholfen meine Arme um ihn. Ein dezenter Duft nach Wald und Tannennadeln umgab mich, als ich das nächste Mal einatmete. Ich spürte, wie sich seine Muskeln zunächst anspannten und daraufhin entspannten, dann hob er langsam ebenfalls die Arme.  ,,Du existierst nicht nur, um die Arbeit der Götter zu erledigen", sagte ich.  ,,Es ist vielleicht ein Job, aber es darf nicht dein ganzes Leben sein."

Es war irgendwie seltsam, Rune zu umarmen. Gleichzeitig fühlte es sich gut an, es tat mir gut - und ich hoffte, ihm ebenfalls. Ich drückte ihn kurz noch etwas fester an mich, dann ließ ich ihn los und trat einen Schritt zurück, um ihm Raum zu lassen. Rune sah mich an, blickte zur Seite und sah mich anschließend wieder an. ,,Ich bin froh, dass ich dich kennengelernt habe, Cleo."

Mir fuhr ein warmer Schauer über den Rücken. Ich lächelte ihn an.  ,,Ich bin auch froh, dass ich dich kennengelernt habe, Rune."

Inferno - Todessohn IIIWo Geschichten leben. Entdecke jetzt