Kapitel 4.3

29 6 0
                                    

~Cleo

Das Element rauschte noch immer unruhig durch meine Adern, als ich die Tür öffnete und hinaus auf den Campus trat. Um diese Uhrzeit war hier wenig los, da sich sämtliche Schüler noch im Unterricht befanden. Kurz hielt ich inne und atmete die frische, nach Frühling duftende Luft ein. Dann ging ich weiter, wobei ich vage wahrnahm, dass ich den Weg in Richtung meines Wohnheims einschlug. Ich starrte auf den Boden. Die letzten Wochen waren viel gewesen. Seths Elimination, die Schuldgefühle, die mich seitdem zerfraßen, der Zweifel an allem, wofür ich bislang gekämpft hatte und schließlich Runes spurloses Verschwinden, zerrten an mir. Und dennoch- es rechtfertigte nicht, dass ich mich derartig wenig im Griff hatte. Ich stieß den Atem aus. Dawson hatte mich gereizt und es darauf angelegt, einen Nerv zu treffen, aber ihm dafür die Nase zu brechen, war weit entfernt von einer gerechtfertigten Reaktion. Außerdem sah mir das gar nicht ähnlich.

,,Cleo?"

Ruckartig hob ich den Kopf und erblickte einen Kinderwagen. Dahinter stand Esme, die mich freundlich anlächelte. Mein Blick wanderte von ihr zurück zu dem Kinderwagen, aus dem Luke mich neugierig ansah. Zugegeben; es war eigenartig ein Baby gruselig zu finden, aber Luke war nun mal kein normales Baby. Für sein Alter war er viel zu groß, seine blonden Locken zu dicht und zu lang, der Blick aus seinen eisblauen Augen viel zu wachsam, als würde er sich nicht bloß für Essen und Schlafen interessieren. Er war das Kind eines Vasanisten-Gottes - das war eindeutig gruselig. Ich sah wieder zu Esme. ,,Es tut mir leid, aber wahrscheinlich ist dein Freund jetzt für ein paar Tage hässlich", faselte ich und war bereits halb dabei, weiterzugehen. ,,Ich habe ihm wohl die Nase gebrochen, aber er hatte es zumindest ein bisschen verdient." Esme sah mich irritiert an. Ich zuckte mit den Schultern. ,,Trotzdem sorry." Dann ging ich schnell weiter und ignorierte, dass Esme nach mir rief. Ich hatte schon genug Blödsinn geredet. Ich wollte nur noch zurück in mein Zimmer.

Dort angekommen, kramte ich meinen Schlüssel heraus, schloss auf und stieß schwungvoll die Tür auf.

,,Waaah!"

Rev, der am Fenster stand und rauchte, ließ vor Schreck die Zigarette aus dem Fenster fallen.

,,Ich bin's nur", beschwichtigte ich ihn.

Rev drehte sich so ruckartig um, dass seine weißen Locken aufgeregt auf und ab hüpften. ,,Oh. Hi." Er kratzte sich verlegen am Kopf. ,,Ich dachte, du bist ein Axtmörder."

Ich ließ mich aufs Bett fallen und sah zu ihm auf. ,,Du solltest doch nicht im Zimmer rauchen."

Schuldbewusst wich er meinem Blick aus. ,,Entschuldigung, ich dachte, du kommst später."

,,Das gilt auch, wenn ich nicht... - ach, egal." Ich seufzte.

Rev kam auf mich zu und ließ sich neben mir auf das Bett fallen. Eine wilde Duftmischung aus Rauch, Erdbeer-Duschgel und herbem Männerdeo umgab mich, als er näher rückte und mir einen Arm um die Schulter legte. ,,Was ist los?"

Gedankenverloren lehnte ich mich zur Seite und zog ihm ein paar Tabakkrümel aus den Haaren. Vielleicht war es auch Gras. ,,Ich glaube, ich habe Dawson die Nase gebrochen", erzählte ich schließlich, während ich die Krümel auf den Boden rieseln ließ.

Rev runzelte die Stirn. ,,Hatte er es verdient?"

Angestrengt starrte ich auf meine Hände. ,,Nein, also ja, irgendwie schon, aber..."

Rev grinste mich unbekümmert an. ,,Wo liegt dann das Problem?"

Ich seufzte erneut und blinzelte ihn an. ,,Ich kann Dawson doch nicht einfach die Nase brechen."

Er zuckte mit den Schultern. ,,Wenn er es verdient hatte?"

,,Auch dann nicht."

,,Warum nicht?"

,,Weil..." Abwesend sah ich ihn an. Ich wusste nicht einmal, welches logische Argument dagegen sprach. Es gab dutzende, aber im Augenblick fiel mir keines ein. Ich ließ den Satz in der Luft hängen.

Stattdessen richtete ich den Blick auf meine Stiefelspitzen und musterte den Dreck, der daran hing. ,,Meintest du das letztens eigentlich ernst?", fragte ich ihn. ,,Mit dem 'vielleicht sollten wir einfach gehen'?"

Rev blinzelte mich einen Moment irritiert an, als würde ihn der abrupte Themenwechsel überfordern. Dann aber zuckte er mit den Schultern. ,,Keine Ahnung. Mich hält hier nicht viel."

Ich stieß leise den Atem aus. ,,Vor ein paar Tagen habe ich im Wald einen von Seths Freunden bei der Rebellion getroffen", erzählte ich schließlich.

,,Seth hatte Freunde?", rief Rev.

Ich blinzelte ihn finster an, woraufhin er schuldbewusst den Kopf einzog und mir stumm bedeutete, weiterzusprechen. Er griff neben sich, zog sein Plüscheinhorn zu sich und versteckte sich hinter dessen flauschigen Ohren.

Ich sprach weiter. ,,Sein Name ist Ray. Er hat mir einen Platz bei der Rebellion angeboten."

Rev ließ das Einhorn sinken. ,,Du willst zur Rebellion?", hakte er nach.

Ich sah ihn an und seufzte. ,,Nein. Keine Ahnung." Ich wusste nicht, ob ich zur Rebellion wollte. In erster Linie wollte ich weg von hier. Hier erinnerte mich alles an die Ratssitzung, die ich mitangesehen hatte, an Seth, an Rune - ich drückte mich davor, beim Wachdienst auszuhelfen, weil es mir falsch vorkam, zu töten. Egal wen oder was. Ich hatte die letzte Zeit genug Tod gesehen. Ich wollte nicht mehr töten, ich war es leid zu kämpfen - und noch mehr, mich ständig erklären zu müssen, warum ich das nicht mehr wollte. Beide Seiten ließen sich gleichermaßen verurteilen und ich wusste nicht mehr, auf welcher davon ich stehen wollte.

Oder ob ich überhaupt auf einer Seite stehen wollte.

,,Vielleicht sollten wir uns das einfach mal anschauen", bemerkte Rev schließlich. ,,Eine Schnupperwoche bei der Rebellion und wenn's uns nicht gefällt, gehen wir wieder?"

,,Eine Schnupperwoche?", wiederholte ich erstaunt.

Rev zuckte mit den Schultern. ,,Ja? Vielleicht haben sie dort ja besseres Gras."

Unwillkürlich musste ich grinsen. Dass Rev zu Politik in den meisten Fällen schlicht und einfach keine Meinung besaß, war erfrischend anders. Und es machte die Entscheidung für ihn wohl wesentlich leichter als für mich.

,,Ich glaube nicht, dass wir zurück können, sollten wir uns nach der Schnupperwoche gegen die Rebellion entscheiden", warf ich ein.

,,Wer sagt denn, dass wir zurück gehen müssen?" Als Rev mich ansah, wirkte der Blick aus seinen silbernen Augen ungewöhnlich klar. ,,Wir können einfach irgendwohin gehen. Wir sind frei, wir können tun, was auch immer wir wollen."

Etwas entgeistert blinzelte ich ihn an. ,,Hattest du heute einen Joint zu wenig?"

Er blinzelte zurück. ,,Merkt man das?" 

Inferno - Todessohn IIIWo Geschichten leben. Entdecke jetzt