Kapitel 4.4

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~Seth


Jeder Muskel in meinem Körper schmerzte, als ich die Tür aufschloss und mich in die Wohnung schleppte. Ich konnte mich an den Heimweg kaum erinnern, irgendwie war ich angekommen, auch wenn ich rückblickend nicht mehr sagen konnte, wie ich das geschafft hatte.

Ich fühlte mich beschissen. Als wäre jegliche Energie aus mir gesogen worden, als würde mir ein Stück von mir selbst fehlen - das einzige, dass mich im Augenblick bei Bewusstsein zu halten schien, waren die pochenden Schmerzen in meinem Rücken und an meinem Arm, wo die Bisswunde des Vasanisten prangte. Bei dem Versuch, meine Stiefel auszuziehen, fiel ich fast um. Ich unterdrückte einen Fluch. Unter anderen Umständen hätte ein Kampf dieser Art nicht solche Spuren an mir hinterlassen - mein Körper war zerbrechlicher, menschlicher geworden.

Nachdem ich es irgendwie geschafft hatte, meine Stiefel auszuziehen, stieß ich die Tür zum Wohnzimmer auf, woraufhin meine Beine nachgaben, als hätten meine Muskeln spontan beschlossen, mir vollends den Dienst zu quittieren. Höchstwahrscheinlich hätte ich den Fußboden geküsst, wäre in diesem Moment nicht eine Person aufgesprungen, die mich an den Schultern packte und stützte. Mum. Schlagartig wurde ich wieder wach und meine Muskeln versteiften sich. Warum lag sie nicht längst im Bett? Und warum...-

,,Fass mich nicht an!", knurrte ich und wich zurück, nur um daraufhin wieder umzukippen.

Unbeirrt hielt sie mich wieder fest, die Berührung sorgte dafür, dass mir ein Schauer über den Rücken fuhr. Ich zuckte zusammen, aber mir fehlte die Kraft, um mich erneut loszureißen. Stattdessen rührte ich mich nicht, bis mein Sichtfeld nicht mehr schwankte und ließ mir schließlich ins Wohnzimmer auf einen Stuhl helfen. Meine Ohren rauschten und mein Schädel pochte, als würde jemand mit einer Eisenstange dagegenhämmern. Ein Glas Wasser wurde vor mir abgestellt, dann setzte sie sich mir gegenüber.

,,Was ist passiert?"

Ich sah betont an ihr vorbei und kratzte getrocknetes Blut von meinen Fingernägeln. ,,Warum bist du noch wach?"

Sie ging nicht darauf ein. ,,Wird gleich die Polizei vor der Tür stehen?", fragte sie.

Ich schüttelte den Kopf. Selbst diese kurze Bewegung schmerzte in meinem Nacken und in meiner Wirbelsäule. ,,Ich rieche scheinbar göttlicher, als ich bin", sagte ich schließlich. Als ich aufsah, erkannte ich in ihrem Blick, dass sie verstand. Für sie war es nichts neues, dass ich in einem solchen Zustand nach Hause kam, seit Vasanisten mich wahrnehmen konnten. Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass sie das noch immer konnten. Ich hob den Arm und tastete vorsichtig meinen Hals ab. Die Haut reagierte empfindlich auf die Berührungen, vermutlich würden sich Blutergüsse bilden. Oder sie hatten sich bereits gebildet.

,,Lass mich mal nach deinem Arm sehen", sagte sie unvermittelt.

Ich ließ besagten Arm sinken und sah im Augenwinkel die beachtliche Bisswunde, die sich durch mein Fleisch zog. Es war nicht ungewöhnlich, dass sich Bisse dieser Art unschön entzündeten, aber ich würde einen Teufel tun, mich von meiner Mutter deshalb verarzten zu lassen. Lieber fing ich mir eine Blutvergiftung ein.

,,Ich denke, ich bin aus dem Alter raus, in dem du mir ein Pflaster auf die Wunde klebst, mir das Köpfchen tätschelst und dabei versprichst, dass alles wieder gut werden wird", erwiderte ich verächtlich.

Sie erwiderte meinen Blick. ,,Aber nicht aus dem Alter, dir aus purer Sturheit eine Sepsis zuzuziehen", gab sie trocken zurück.

Ich musterte sie aus zusammengekniffenen Augen, konnte aber nicht einmal widersprechen. Ich war so fertig, dass ich wohl nur noch ins Bett fallen und hoffen würde, dass mir die Sepsis noch bis zum nächsten Tag Zeit ließ.

,,Gute Nacht", sagte ich und wollte aufstehen. Sie war allerdings schneller und stand im nächsten Moment neben mir. ,,Lass mich wenigstens kurz die Wunde desinfizieren."

Ich wollte ablehnen, in mein Zimmer verschwinden und ungefähr zwölf Stunden am Stück schlafen. Trotzdem musste ich zugeben, dass sie Recht hatte - ich war kein Gott mehr, das hieß, dass Bakterien mir durchaus schaden konnten. Das war früher nicht der Fall gewesen. Ich seufzte ergeben. ,,Wenn's dich glücklich macht."

Während Mum sich abwandte und in einem Schrank nach etwas suchte, starrte ich gedankenverloren auf den Tisch vor mir. Vasanisten konnten mich noch immer wahrnehmen - das lag irgendwo nahe, da auch meine Feuerresistenz geblieben war, was bedeutete, das ein Teil meiner Zellen nach wie vor göttlich sein musste. Die Reaktion des Vasanisten, als er mich gebissen hatte, machte mich aber stutzig. Meine Seele war nicht menschlich. Möglicherweise Überreste des Vasanistenvirus? War es überhaupt mit meiner Göttlichkeit gestorben oder klammerte es sich womöglich immer noch an meine Seele? Bildete ich mir das Verlangen nach Seelen überhaupt nicht ein, weil ich in Wahrheit immer noch Vasanist war? War das überhaupt möglich?

Mein Schädel begann wieder schmerzhaft zu pochen, als würde er sich über die wirren Überlegungen beschweren. Vielleicht sollte ich das wirklich besser auf morgen verschieben, wenn ich wieder klar denken konnte.

Mum trat wieder neben mich, bewaffnet mit Desinfektionsmittel, Verband und womit auch immer sie mich sonst noch vor bösen Bakterien retten wollte. Obwohl sie sanft nach meinem Arm griff, zuckte ich zusammen, als hätte sie mir einen Stromschlag verpasst.

,,Wie lief der Auftritt?", fragte sie, während sie die Wunde reinigte.

Ich starrte auf die Bissspuren in meinem Arm, die Haut brannte und fühlte sich heiß an. Seit wann interessierte sie das? Oder war das ein verzweifelter Versuch Small Talk zu betreiben?

,,Gut", antwortete ich abwesend.

Das Desinfektionsmittel brannte auf der offenen Haut, hinderte mich aber immerhin daran, dass mir die Augen zufielen.

,,Ich finde es gut, dass du das machst", sagte sie unvermittelt.

Nun sah ich doch auf und warf ihn einen ungläubigen Blick zu, aber sie dokterte nur weiter konzentriert an meinem Arm herum. ,,Ach ja?", erwiderte ich. ,,Obwohl das ein Haufen böser, tätowierter Anarcho-Gruftis ist?"

Sie zuckte mit den Schultern. ,,Du hast Talent, du hättest das schon längst mal machen sollen. Und ich finde es gut, dass du hier Anschluss gefunden hast."

Anschluss gefunden - das klang, als wäre ich ein siebenjähriges Kind, mit dem niemand spielen wollte. ,,Die sind aber bestimmt kein guter Einfluss", warf ich sarkastisch ein.

Nun sah sie mich doch an, eine Augenbraue hochgezogen, als wollte sie mir sagen, dass bei mir ohnehin jeder gute Einfluss zu spät käme. Vermutlich genau das.

Sie wickelte mir noch einen Verband um den Arm, dann war ich wohl entlassen. ,,Sag Bescheid, falls noch etwas ist", sagte sie.

,,Klar", entgegnete ich sarkastisch.

Sie sah mich an, wirkte einen Moment, als wollte sie noch etwas sagen, schüttelte dann aber den Kopf und wandte sich ab. Ich hievte mich hoch, hielt mich einen Moment prüfend am Stuhl fest, stellte dann aber fest, dass ich nicht umkippte. Das war gut. Ich lockerte die verspannten Schultern, dann machte ich mich auf den Weg in mein Zimmer. Ohne noch duschen zu gehen oder mich auch nur umzuziehen, ließ ich mich auf mein Bett fallen und war schon eingeschlafen, bevor mein Kopf wirklich auf dem Kissen lag. 

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⏰ Letzte Aktualisierung: Oct 27, 2024 ⏰

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