18. Chromschwarz - Rußschwarz
In den letzten Wochen und Monaten habe ich mich oft gefragt, wie der Exit aussehen mag. Worüber ich mir hingegen keine Gedanken gemacht habe, ist, wie er sich wohl anhört. Jetzt, wo ich auf dem eisverkrusteten Strandabschnitt stehe, an den das Grundstück angrenzt, das zu Shell Cottage gehört, erhalte ich die ungebetene Antwort. Die menschlichen Laute, die an meine Ohren dringen, sind, gelinde gesagt, schaurig.
Grauen. Panik. Qual. Diese drei Elemente höre ich deutlich heraus, obwohl die Person, die sie von sich gibt, nicht aus voller Lunge brüllt. Es ist mehr ein anhaltendes Wimmern, das derjenige scheinbar nicht unterdrücken kann. Dass ich es hier draußen, trotz des peitschenden Windes und des Summens der Schutzzauber hören kann, sagt mir alles, was ich wissen muss.
Und obwohl ich mir so fest vorgenommen hatte, mal ein paar Minuten nicht an Malfoy zu denken, sehe ich ihn plötzlich bildlich vor mir. Wie er letzten Sommer als allererster Aussteiger den Exit über sich ergehen lassen hat. Ausgeführt von einer fremden Person, von der er sich nicht zu einhundert Prozent sicher sein konnte, dass sie vertrauenswürdig ist. Ganz allein. Ohne zu wissen, ob er das Ritual überleben würde. Sein Schicksal akzeptierend.
Ich mag mir überhaupt nicht vorstellen, wie es sich angefühlt haben muss, dem Tod dermaßen ausgeliefert zu sein. Und mir wird klar, dass Luna recht hatte. Was er getan hat, war mutig.
Entschlossen reiße ich mich aus meiner Schockstarre und mache mich auf dem Weg zum Haus. Ich ziehe meinen Zauberstab, murmele die notwendigen Beschwörungen, um Zutritt zu erhalten, und schlüpfe durch die muschelbesetzte Eingangstür.
Im Inneren des Hauses ist das Wehklagen lauter und klingt somit noch grauenvoller. Dennoch folge ich dem Geräusch und betrete das Wohnzimmer, aus dem es zu kommen scheint.
Theodore Nott sitzt auf einem Stuhl direkt vor dem Kamin, dessen flackerndes Feuer die einzige Lichtquelle darstellt. Er ist an Händen und Füßen gefesselt, was mich im ersten Moment irritiert, da er keinen Zauberstab mehr hat und daher keine ernsthafte Gefahr darstellt. Doch dann kapiere ich, dass das gar nicht der Grund ist, warum die anderen Rebellen ihn fixiert haben. Seine Arme und Beine zucken spastisch, was mich vage an die Auswirkungen des Cruciatus erinnert, und sein Kopf ist dermaßen überstreckt, dass sich sein Oberkörper von der Rückenlehne des Stuhls wegwölbt. Hätten die Anderen seine Gliedmaßen nicht an den Armlehnen und Stuhlbeinen festgebunden, dann wäre er längst von der Sitzfläche gerutscht, da bin ich mir sicher.
Ich löse meinen Blick von ihm, nur, um festzustellen, dass es nicht Luna ist, die das Ritual durchführt. Auf der einen Seite sollte mich das nicht überraschen, immerhin war ich diejenige, die Harry darum gebeten hat, jemand anderen für die Aufgabe ausbilden zu lassen. Auf der anderen Seite ist der Anblick, der sich mir bietet, so unerwartet (und grotesk), dass meine Zauberstabhand zuckt. Denn der Hinterkopf, auf den ich starre, gehört eindeutig zu Pansy Parkinson.
Sie steht Theodore gegenüber und hat mir demnach den Rücken zugewandt, dennoch erkenne ich sie sofort. Ihr schick geschnittener, rabenschwarzer Bob ist unverkennbar, genauso wie ihre Stimme. Die Beschwörungsformeln, die sie vor sich hin murmelt, sind mir hingegen vollkommen unbekannt, allerdings verrät mir die abgehackte Betonung, dass es sich nicht um Latein, sondern um alte Runen handelt. Es ist also in der Tat der Exit, den sie hier gerade durchführt.
„Anhand deines Gesichtsausdrucks könnte man meinen, Harry hätte dir nicht gesagt, dass Pansy sich freiwillig für die Aufgabe gemeldet hat", erklingt ein Flüstern von rechts.
Ich muss den Kopf nicht drehen, um zu wissen, dass es Neville ist, der nun neben mir steht. Auch seine Stimme würde ich überall wiedererkennen.
„Tja", gebe ich genauso leise zurück. „Könnte daran liegen, dass er es mir tatsächlich nicht gesagt hat. Als ich ihn darum gebeten habe, Luna zu ersetzen, hat er lediglich verkündet, dass er sich darum kümmern wird. Danach haben wir nicht mehr darüber gesprochen. Kann nicht behaupten, dass mich seine Alternative überzeugt."
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REBEL
Fanfictionᴅʀᴀᴍɪᴏɴᴇ • Hermine ist eine Rebellin. Niemand weiß besser als sie, dass der Grat zwischen Gut und Böse schmal ist. Dieser schmale Grat ist grau. Wie Malfoys Augen. Jetzt ist er hier, im Hauptquartier, zu gleichen Teilen die personifizierte Provokati...
