16. Schattenschwarz - Schieferschwarz

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16. Schattenschwarz - Schieferschwarz

Seitdem ich Malfoy im Schockraum so barsch zurückgewiesen habe, macht er mir das Leben zur Hölle, wenn auch nicht so, wie ich vielleicht erwartet habe.

Denn er macht sich nicht rar, er hält sich nicht von mir fern und er ignoriert mich auch nicht. All das wäre schlimm genug gewesen, da ich irgendwann mit Sicherheit erbärmliche Ausreden gefunden hätte, um stets dort aufzutauchen, wo er laut seinem Dienstplan gerade steckt. Aber nein, nicht nötig, denn er ist einfach überall. Und er benimmt sich mir gegenüber weder abfällig, noch abweisend oder auch nur gleichgültig. Es ist weitaus perfider als das.

Er ist die verdammte, personifizierte, süße Versuchung.

Zum ersten Mal bemerke ich sein seltsames Verhalten ein paar Tage nach meiner Entlassung aus dem Schockraum. Beim Frühstück. Im Speisesaal.


Tag Eins: Weiche Knie

Während ich bislang lediglich erahnen konnte, wie es sich wohl anfühlen mag, die direkte Adressatin von Malfoys Zuneigung zu werden, so bin ich mir spätestens jetzt zu einhundert Prozent sicher. Jetzt, wo ich mit weichen Knien vor dem Frühstücksbuffet stehe und krampfhaft versuche, mich daran zu erinnern, weshalb ich überhaupt hier bin.

Das ernstgemeinte „Danke" aus seinem Mund wäre erschütternd genug gewesen, immerhin war es (zumindest mir gegenüber) eine absolute Premiere. Aber natürlich musste Malfoy noch einen draufsetzen. Und so bin ich nicht nur das Opfer seiner Dankbarkeit geworden, sondern auch seiner Wertschätzung, seines Lobs (meiner größten Schwäche), seiner körperlichen Nähe (wie ist es möglich, dass er so gut riecht, obwohl wir alle dieselbe Seife benutzen?) und seines Lächelns. Ein echter Anschlag auf die Sinne also. Und das alles nur, weil ich dafür gesorgt habe, dass Luna den Exit nicht mehr durchführen muss. Als hätte ich es ihm zuliebe getan. Tsk.

Amüsiert zuckende Mundwinkel. Eine starke Kieferpartie. Volle, rosa Lippen, zwischen denen zwei Reihen perfekter, weißer Zähne hervorblitzen. Zähne, von denen ich genau weiß, wozu sie in der Lage sind. Zähne, die ich gerne wieder auf meiner Haut spüren würde. Am liebsten bald.

„Bist du okay?"

Ich hebe den Kopf und schaue direkt in Nevilles besorgtes Gesicht. Meine Kehle ist so trocken, dass ich nicht gleich antworten kann, und meine Wangen röten sich gegen meinen Willen. Sein Blick senkt sich auf diese verräterische Reaktion, dann huschen seine Augen zu Malfoy hinüber, der sich gerade an einem der langen Speisetische niederlässt.

„Natürlich", krächze ich viel zu spät. „Warum sollte ich nicht okay sein?"

Eine von Nevilles Augenbrauen schießt in die Höhe. Ich widerstehe dem Drang, ihn zu verhexen, und verlasse ohne ein weiteres Wort (und leider auch ohne Frühstück) den Saal.

Während des nachmittäglichen Kampftrainings kann ich nicht anders, als immer wieder zu Malfoy hinüberzuspähen. Ich bin auf der Jagd; lechze danach, einen kurzen Blick auf seine Zähne, ein weiteres Zucken seiner Mundwinkeln, ein klitzekleines Grinsen zu erhaschen. Was ich stattdessen beobachte, ist fast genauso knieerweichend. Denn er bewältigt seine Aufgabe des Tages (ein Duell gegen zwei Gegner, bei dem er sich zwar verteidigen, jedoch nicht angreifen darf) mit einer Lässigkeit und Arroganz, die mich an mich selbst erinnert. Und das steht ihm verdammt gut.


Tag Drei: Herzklopfen

Als Malfoy zwischen den Bäumen hervortritt, bleibe ich wie angewurzelt stehen.

Da ich gerade von der Nachtwache in Godrics Hollow komme, bin ich todmüde, doch das ist nicht der Grund, weshalb ich meinen Augen nicht traue. Vielmehr ist seine Anwesenheit so ziemlich das Letzte, womit ich an diesem bitterkalten Wintermorgen gerechnet habe. Vor allem hier. Auf der Apparations-Wiese bei Box Hill. Und offenbar ohne Begleitung.

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