Der Morgen dämmerte über der neuen Stadt, und Alex spürte ein unangenehmes Kribbeln in ihrem Bauch. Sie hasste das Gefühl, fremd zu sein. Heute würde sie ihren ersten Tag an der neuen Highschool haben, und alles in ihr sträubte sich dagegen. „Was für eine Verschwendung von Zeit", murmelte sie leise, während sie in ihrem Zimmer vor dem großen Spiegel stand und ihre zerzausten, langen, dunklen Haare betrachtete.
Ihr Stil war anders als der der meisten Mädchen, das wusste sie. Dunkle Kleidung, ein rebellischer Ausdruck und ein stetiger Funke Trotz in ihren Augen. Sie wollte sich nicht anpassen, erst recht nicht für diese amerikanische Kleinstadt.
„Alex, bist du fertig?" rief ihre Mutter von unten.
„Ja, ja, bin schon unterwegs," brummte sie, griff nach ihrem Rucksack und machte sich auf den Weg nach unten.
In der Küche wartete ihre Familie bereits auf sie. Ihr Vater, der Grund für diesen unfreiwilligen Umzug, las wie immer die Zeitung, und ihre Mutter stellte hektisch das Frühstück auf den Tisch.
„Na, freust du dich auf die Schule?" fragte ihr Vater ohne wirklich aufzublicken.
„Klar. Nichts lieber als das", antwortete Alex sarkastisch und nahm sich einen Apfel. „Das wird bestimmt der beste Tag meines Lebens."
Ihr Vater runzelte die Stirn, doch bevor er etwas sagen konnte, hatte sie sich schon zur Tür gewandt und war draußen.
Als sie auf dem Schulgelände ankam, spürte Alex sofort die Blicke der anderen Schüler auf sich. Die Highschool war groß, größer als ihre alte Schule in Deutschland, und die Menschen wirkten wie aus einer ganz anderen Welt. Einige der Mädchen trugen farbenfrohe, figurbetonte Kleidung, während die Jungs entweder in Sportklamotten oder mit lässigen Shirts und Jeans herumstolzierten.
Alex ließ ihren Blick über die Menge schweifen und spürte die erste Welle von Nervosität. Sie zog ihre Jacke enger um sich und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Doch die Blicke blieben haften. Ein paar Jungs grinsten ihr zu, und einer von ihnen, ein hochgewachsener Typ mit Baseballkappe, pfiff ihr hinterher.
„Hey, neue Schülerin, oder?" rief er und kam lässig auf sie zu.
Alex hob eine Augenbraue. „Ja, und?"
„Cool, ich bin Brad. Brauchst du 'ne Tour durch die Schule?" Sein Lächeln war breit und selbstbewusst, doch Alex erkannte sofort den typischen Macho in ihm.
„Nein, danke. Ich finde mich schon zurecht", antwortete sie kühl und setzte ihren Weg fort.
Brad ließ sich davon nicht abschrecken. „Ach komm schon, warum so kühl? Ich beiß nicht."
Alex blieb stehen, drehte sich zu ihm um und schenkte ihm ein süffisantes Lächeln. „Du verstehst wohl nicht, dass du nicht mein Typ bist, oder?"
„Nicht dein Typ?" Brad wirkte kurz verwirrt, dann verschwand das Grinsen von seinem Gesicht. „Was soll das heißen?"
„Ich stehe auf Frauen", sagte Alex unverblümt und genoss den Moment der Überraschung, der auf Brads Gesicht erschien.
„Äh... was?" stotterte er.
„Du hast schon richtig gehört." Alex drehte sich um und verschwand in der Menge, während sie hinter sich das belustigte Lachen einiger Mädchen hörte, die das ganze Schauspiel beobachtet hatten.
Als Alex sich wieder durch die Menge der Schüler kämpfte, tauchte plötzlich ein Mädchen neben ihr auf, etwa in ihrem Alter, mit dunklem, lockigen Haar und einem sanften Lächeln. „Das war echt cool, wie du den Typen abblitzen lassen hast", sagte sie. „Brad denkt, er ist der König dieser Schule. Hat ihn sicher ziemlich getroffen."
Alex schaute das Mädchen an, das sie offen und freundlich ansah. „Ja, das war wohl nötig. Männer...", sagte sie knapp, noch etwas misstrauisch.
„Ich bin übrigens Mia ", stellte sich das Mädchen vor und reichte Alex die Hand.
„Alex", erwiderte sie und zögerte kurz, bevor sie Mia's Hand annahm.
„Falls du mal jemanden brauchst, der dir die Schule zeigt - und nicht so nervig ist wie Brad - sag Bescheid", fügte Mia hinzu und lächelte. Alex fühlte sich zum ersten Mal an diesem Tag etwas wohler. Mia wirkte ehrlich und nicht wie eine der überkandidelten Mädchen, die sie bisher gesehen hatte.
Später, als Alex durch die endlosen Flure der Schule ging, passierte sie eine Gruppe, die auf den ersten Blick auffiel: Eine blonde Schönheit, perfekt gestylt und mit einem Hauch von Überheblichkeit in ihrer Haltung, stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ihre Designerklamotten passten nicht so recht zu dem sonst eher entspannten Stil der Schüler hier.
Die Blonde warf Alex einen interessierten Blick zu. „Du bist also die Neue, huh?", sagte sie mit einem abfälligen Lächeln.
„Ja, das bin ich", antwortete Alex kühl.
„Interessant", meinte die Blondine und musterte sie. „Du bist irgendwie... anders." Es klang nicht unbedingt negativ, doch Alex konnte den Hauch von Schicki-Micki spüren, den sie immer verabscheut hatte. Alex ignorierte sie einfach und ging weiter. Die Blonde schaute ihr noch eine Weile hinterher, aber Alex war schon in Gedanken woanders.
Die letzte Stunde hat begonnen und war spät dran und rannte die Treppe hoch, um noch rechtzeitig im Klassenzimmer zu sein. Plötzlich stieß sie mit jemandem zusammen, und ihre Bücher flogen zu Boden.
„Aufpassen!", zischte eine kühle Stimme.
Alex blickte auf und traf auf die durchdringendsten grünen Augen, die sie je gesehen hatte. Die Frau war atemberaubend. Langes, dunkelbraunes Haar, das streng nach hinten gekämmt war, eine perfekte Haltung und ein Duft, der Alex für einen Moment die Luft anhalten ließ. Die Frau stand so nah, dass Alex das Gefühl hatte, von ihrem bloßen Blick durchbohrt zu werden.
„Vielleicht solltest du aufpassen", konterte Alex automatisch, obwohl sie spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Die Frau hob eine Augenbraue und trat einen Schritt näher. „Du solltest aufpassen, was du sagst, wenn du neu an einer Schule bist", erwiderte sie ruhig, aber ihre Worte waren scharf wie ein Messer.
Alex konnte nichts mehr sagen. Ihr rebellischer Geist war in diesem Moment wie weggeweht. Die Intensität, mit der die sie ansah, ließ sie für einen Augenblick verstummen. „Tut mir leid", murmelte sie schließlich, was ihr sehr schwer fiel.
Die Frau hielt den Blick noch einen Moment lang fest, dann lächelte sie leicht, fast unmerklich. „Pass das nächste Mal besser auf, ...?"
„Alex."
„Alex, dann wünsche ich dir viel Glück an dieser Schule", sagte die sie , bevor sie sich abwandte und die Treppe hinunterging.
Alex blieb wie versteinert stehen. Wer zur Hölle war diese Frau? Und warum hatte sie das Gefühl, als hätte sie gerade eine unsichtbare Schlacht verloren?
