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Der nächste Tag nach dem Event fühlte sich anders an. Alex konnte die Bilder des Abends nicht abschütteln – Evelyns eisiger Blick, Claudias Nervosität, und die unerwartete Aufmerksamkeit, die sie von Fremden erhalten hatte. Doch mehr als alles andere war es Evelyns Präsenz, die Alex verfolgte. Evelyn war unnahbar, ja, aber da war etwas, das Alex nicht losließ – eine Verletzlichkeit, verborgen hinter der perfekt kontrollierten Fassade.

Der Schultag begann wie jeder andere. Alex saß in ihrem üblichen Klassenzimmer, doch heute war die Stimmung irgendwie aufgeladen. Evelyn stand vor der Klasse, wie immer professionell, doch Alex bemerkte die feinen Details – eine kleine Falte zwischen ihren Augenbrauen, die Anspannung in ihrer Haltung. Evelyn wirkte, als hätte sie nicht gut geschlafen.


Nach der Stunde, als die anderen Schüler den Raum verließen, blieb Alex absichtlich zurück. Sie lehnte sich lässig gegen ihren Tisch und beobachtete Evelyn, die ihre Unterlagen zusammenpackte.

„Frau Parker,“ begann Alex in ihrem üblichen Ton, der eine Spur von Unverschämtheit trug. „Haben Sie sich schon von der Party erholt?“

Evelyn hob den Kopf, ihre Augen schmal. „Miss Carter, ich bin mir nicht sicher, worauf Sie hinauswollen.“

Alex lächelte unschuldig. „Oh, ich dachte nur, Sie sahen… beschäftigt aus. Vor allem mit Claudia an Ihrer Seite.“

Evelyns Kiefer spannte sich an, und sie trat einen Schritt näher. „Miss Carter, was auch immer Sie denken, es geht Sie nichts an.“

„Stimmt,“ erwiderte Alex leichthin, doch ihr Blick blieb ernst. „Aber manchmal scheint es, als könnten Sie Hilfe gebrauchen. Oder jemanden, der Sie aus Ihrer… Komfortzone herauslockt.“

Evelyn lachte leise, doch es war kein warmes Lachen. „Und Sie denken, dass Sie diese Person sein könnten?“

Alex zuckte mit den Schultern, ihre Augen funkelten vor Herausforderung. „Wer weiß? Sie unterschätzen mich ständig.“

Für einen Moment hielt Evelyns Blick den ihren, und die Luft zwischen ihnen war elektrisiert. Doch bevor sie antworten konnte, wurde die Tür aufgerissen.

„Frau Parker?“ Es war ein anderer Lehrer, der hereinkam und Evelyn mit einer Frage über die nächste Lehrerkonferenz unterbrach. Evelyn nickte nur knapp, warf Alex einen letzten, kühlen Blick zu und wandte sich ab.


Am Nachmittag, während der Mittagspause, hörte Alex ein aufgeregtes Gemurmel in der Schulcafeteria. Ein paar Schüler rannten aufgeregt zum Fenster, und Alex folgte ihrem Blick. Draußen, auf dem Schulhof, stand Evelyn, mitten in einem angespannten Gespräch mit Claudia.

Claudia schien aufgebracht, ihre Stimme war lauter als üblich, und Evelyns Haltung war angespannt. Alex konnte die Worte nicht hören, aber die Gestik sprach Bände. Claudia griff nach Evelyns Arm, doch Evelyn zog sich zurück, ihre Lippen zu einer schmalen Linie gepresst.

Alex spürte ein Stechen in ihrer Brust. Es war nicht Eifersucht – zumindest sagte sie sich das – sondern etwas anderes. Ein Bedürfnis, Evelyn aus dieser unangenehmen Situation zu befreien.

Ohne groß nachzudenken, stand Alex auf und ging hinaus. Die kalte Luft traf sie wie ein Schlag, doch sie hielt sich nicht auf. Sie näherte sich den beiden Frauen mit einem neutralen Gesichtsausdruck, als wäre sie zufällig hier.

„Frau Parker,“ sagte Alex mit gespielter Überraschung, ihre Stimme fest. „Alles in Ordnung?“

Evelyn drehte sich zu ihr um, und Alex konnte sehen, dass Evelyn für einen Moment erleichtert war, auch wenn sie es gut verbarg. Claudia hingegen wirkte verärgert.

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⏰ Letzte Aktualisierung: Dec 03, 2024 ⏰

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