Der Montagmorgen fühlte sich für Alex schwerer an als sonst. Nachdem sie das Wochenende damit verbracht hatte, ihre Gedanken zu sortieren und den Schmerz über Evelyns Verrat zu verarbeiten, hatte sie beschlossen, sich ab sofort zu distanzieren – emotional und körperlich. Doch jetzt, wo sie vor der Tür des Klassenzimmers stand, spürte sie, wie all die Erinnerungen an Evelyns Nähe zurückkehrten. Tief durchatmend schob sie die Tür auf und trat ein.
Evelyn stand bereits vorne an der Tafel, elegant wie immer, mit dieser unnahbaren Aura, die sie umgab. Ihr Blick streifte kurz durch den Raum, ohne Alex auch nur eine Sekunde Beachtung zu schenken. Alex biss sich auf die Unterlippe, setzte sich an ihren Platz und beschloss, Evelyn genauso zu ignorieren, wie sie es tat. Sie würde stark bleiben.
„Guten Morgen, Klasse,“ begann Evelyn mit ihrer ruhigen, kontrollierten Stimme. „Heute arbeiten wir in Gruppen. Das Thema wird ‚Literarische Figuren und ihre inneren Konflikte‘ sein. Ich teile euch gleich ein.“
Ein Raunen ging durch die Klasse, doch Alex lehnte sich nur zurück und starrte aus dem Fenster, während Evelyn Namen aufrief und die Gruppen zuteilte. Alex landete mit zwei anderen Mädchen aus der Klasse in einer Gruppe – Nina, die für ihre Schlagfertigkeit bekannt war, und Sophie, eine ruhige, nachdenkliche Schülerin, die sich meist aus Diskussionen heraushielt.
„Gut,“ sagte Evelyn, nachdem sie alle Gruppen zugeteilt hatte. „Ihr habt 45 Minuten. Beginnt.“
Alex wandte sich ihren Gruppenmitgliedern zu und zwang sich zu einem Lächeln. „Also, wie fangen wir an?“
Nina grinste. „Na, ich dachte, du hast immer die besten Ideen. Außerdem…“ Sie zwinkerte verschwörerisch. „Es gibt doch nichts, was du nicht kannst, oder?“
Alex spürte, wie Evelyns Blick sie kurz streifte, obwohl sie immer noch an ihrem Schreibtisch saß und vorgab, in ihren Unterlagen zu blättern. Alex beschloss, genau das zu tun, was sie sich vorgenommen hatte. Sie würde Evelyn zeigen, dass sie ihr nicht mehr hinterherlief.
„Nun ja,“ sagte Alex und lehnte sich etwas nach vorne, den Blick fest auf Nina gerichtet. „Vielleicht kannst du mir ja zeigen, wie kreativ du bist?“ Ihr Tonfall war spielerisch, fast flirtend.
Nina lachte, aber Sophie schnaubte leise und warf Alex einen verwirrten Blick zu. „Können wir uns bitte auf die Aufgabe konzentrieren?“
„Natürlich,“ antwortete Alex mit einem unschuldigen Lächeln, das jedoch deutlich machte, dass sie sich nicht so leicht bremsen lassen würde.
Während die Gruppenarbeit weiterging, merkte Alex, dass Evelyn sie nicht mehr ansah. Sie blieb still, ihre Haltung perfekt gerade, während sie ab und zu durch die Klasse ging, um andere Gruppen zu beobachten. Alex konnte nicht anders, als sich zu fragen, ob Evelyn wirklich so unberührt war, wie sie es vorgab.
Gegen Ende der Stunde stand Evelyn auf und klatschte zweimal in die Hände, um die Aufmerksamkeit der Klasse auf sich zu lenken. „Gut. Ich hoffe, ihr seid alle vorangekommen. Ich möchte jetzt von jeder Gruppe eine kurze Zusammenfassung hören.“
Als Alex’ Gruppe an der Reihe war, ließ sie Nina und Sophie reden. Sie hielt sich bewusst zurück, obwohl sie spürte, dass Evelyns Blick kurz an ihr hängen blieb. Es war ein winziger Moment, aber genug, um Alex' Herz schneller schlagen zu lassen.
Doch Evelyns Gesicht blieb eisig. Keine Emotion, kein Interesse. Nur ihre ruhige, unnahbare Art, die Alex fast in den Wahnsinn trieb.
Die Stunde endete, und Alex packte ihre Sachen zusammen. Sie war entschlossen, Evelyn keines weiteren Blickes zu würdigen. Doch gerade, als sie die Tür durchquerte, hörte sie Evelyns Stimme hinter sich.
