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Der Schultag hatte gerade erst begonnen, doch für Alex fühlte es sich an, als wäre sie mitten in einem Nervenkrieg. Immer wieder spürte sie Lisas Blicke von der anderen Seite des Klassenzimmers auf sich. Sie wusste, dass der Kuss, den sie am Vortag geteilt hatten, für Lisa offenbar mehr Bedeutung hatte, als sie ursprünglich gedacht hatte. Doch das war nicht das einzige, was Alex ablenkte.

Frau Parker stand vor der Klasse und erklärte den Unterrichtsstoff, doch ihre Worte schienen nur wie ferne Geräusche in Alex' Ohren zu dringen. Stattdessen fesselten Alex Frau Parkers Bewegungen und Gestik. Heute trug sie ein schlichtes, dunkles Kleid, das ihre Figur elegant umspielte, und ihre Haare waren in einer strengen Hochsteckfrisur gefasst, wodurch ihre Wangenknochen noch markanter wirkten. Das Bild ließ Alex kaum los – sie wirkte einerseits wie eine disziplinierte Autoritätsperson und gleichzeitig wie eine Herausforderung, die es zu überwinden galt.

Doch es war offensichtlich, dass Frau Parker ihre Blicke bemerkt hatte. Immer wieder begegneten sich ihre Augen, und jedes Mal schien ein Funke von Spannung durch den Raum zu schießen.

Plötzlich wandte Frau Parker sich abrupt an Lisa, ihre Stimme kühl, mit einem Hauch von Sarkasmus. „Lisa, vielleicht könntet ihr zwei euch nach der Schule so viel Aufmerksamkeit schenken, wie ihr möchtet,“ sagte sie mit einem angedeuteten Lächeln, das jedoch ihre Augen nicht erreichte. „Aber während des Unterrichts erwarte ich eure Konzentration auf das Thema.“

Die ganze Klasse wurde still, und alle Augen wanderten zwischen Frau Parker, Alex und Lisa hin und her. Alex fühlte, wie ihre Wangen leicht zu glühen begannen. Sie spürte die Anspannung in ihrem Körper, die Wut, die sich langsam aufbaute. Doch sie zwang sich, zu schweigen, um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen.

Lisa schien verlegen, ihre Augen zu Boden gesenkt, doch Alex hielt den Blick starr auf den Tisch vor sich gerichtet. Die Stille im Raum wurde unerträglich, bis Frau Parker sich wieder dem Unterrichtsstoff widmete, doch die Stimmung blieb angespannt.

Als die Glocke den Unterricht beendete, sammelte Frau Parker ihre Unterlagen ein und verließ das Klassenzimmer, ohne Alex eines weiteren Blickes zu würdigen. Alex sah Lisa an, die mit unsicheren Augen auf sie zulief.

„Hey… willst du vielleicht nach der Schule etwas zusammen machen?“ fragte Lisa schüchtern.

Alex zögerte. Ihr war bewusst, dass Lisa mehr fühlte, als sie selbst in der Lage war zu erwidern. Doch ein Teil von ihr wollte Frau Parker herausfordern, sie sehen lassen, dass Alex sich nicht einschüchtern ließ.

„Klar, warum nicht,“ antwortete sie und lächelte leicht. Sie spürte jedoch ein leises Schuldgefühl, das ihr Herz beschwerte.


Am Ende des Schultages standen Lisa und Alex auf dem Schulhof. Lisa lachte über etwas, das Alex gesagt hatte, und ihre Nähe war offensichtlich. Doch Alex konnte sich kaum auf das Gespräch konzentrieren, da sie Frau Parker bemerkte, die sich an der anderen Seite des Schulhofs aufhielt, ganz in der Nähe.

Ohne nachzudenken, legte Alex ihre Hand sanft an Lisas Wange und beugte sich vor, bis ihre Lippen sich trafen. Der Kuss war zärtlich und vorsichtig, doch sie hielt dabei Frau Parker im Blick, die genau beobachtete, was vor sich ging. Lisa erwiderte den Kuss, ihre Augen geschlossen, völlig verloren in diesem Moment.

Als Alex schließlich den Kuss beendete und Lisa sanft zulächelte, hob sie den Kopf und begegnete Frau Parkers Blick. Sie sah, wie Frau Parker für den Bruchteil einer Sekunde die Augen zu schmalen Schlitzen verengte, bevor sie ihre Fassung wiedergewann und sich abwandte. Alex spürte eine Mischung aus Triumph und Unsicherheit in sich aufsteigen. Doch ihr Lächeln blieb, auch wenn sie innerlich nervös wurde.

Gegen jede Regel Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt