Kapitel 10

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Als ich aus dem Schulhaus kam, hielt ich Ausschau nach Gideon. Es war nun Wochenende und er wollte Les, Raphael und mich von der Schule abholen. „Seht ihr ihn irgendwo?", wollte ich von Leslie und Raphael wissen. Beide schüttelten den Kopf. Also blickte ich mich weiter suchend um, bis ich seinen dunkelgrünen Mini entdeckte. Mir stockte der Atem. Er stand davor, doch nicht alleine. Charlotte war auch da und küsste ihn. Sie küsste MEINEN Freund und er machte keine Anstalten, sich zurückzuziehen. Mir schossen Tränen in die Augen. Leslie und Raphael sahen mich fragend an und folgten dann meinem Blick. „Dieser Arsch", rutschte es aus Raphael heraus. „Der kann was erleben", sagte Leslie wütend. Ich stand immer noch wie angewurzelt stehen und konnte meinen Blick nicht abwenden. Das konnte doch nicht wahr sein. Ich träumte doch? Oder das ist eine Nebenwirkung der Tablette gegen die Übelkeit. Bitte lass es nicht wahr sein. Als ich mich endlich lösen konnte, stürmte ich in Gideons Richtung, zog Charlotte von ihm weg und gab ihm eine Ohrfeige. „Das hast du verdient du Arsch. Ich dachte wirklich, dass du mich liebst, aber darin habe ich mich wohl getäuscht. Wie konnte ich dir nur ein Wort glauben? Wie konnte ich glauben, dass sich so ein gutaussehender Typ wie du sich jemals in jemanden wie mich verlieben kann? Wie konnte ich mich in dich verlieben? Du bist echt das letzte!", fuhr ich ihn an, während mich Charlotte siegessicher anlächelte. Meine Tränen liefen nun in Strömen über mein Gesicht. „Ich wollte sie nicht küssen sie...", begann Gideon, doch ich fiel ihm ins Wort: „Spar dir die Ausreden, die ach so perfekte Charlotte ist ja besser als ich. Ich wünsche dir viel Spass mir ihr!" Ich drehte mich um und rannte zur Bushaltestelle. Gerade rechtzeitig habe ich den Bus noch erwischt. Ich setzte mich und liess meinen Tränen freien Lauf. Das wars wohl. Wie konnte ich nur denken, dass sich so jemand wie Gideon in mich verlieben würde? Das war ja so dumm von mir.
„Sch sch sch, alles wird gut", versuchte mich Leslie zu trösten. Wir sassen in meinem Kissenberg, welcher immer noch nach Gideon roch, was die Sache auch nicht besser machte und assen Schokoladeneis. „Gideon liebt Charlotte und nicht mich. Er hat mich belogen. Wie konnte ich ihm nur vertrauen? Wieso habe ich ihm die Liebeserklärung geglaubt?", schluchzte ich. „Vielleicht wollte er Charlotte gar nicht küssen? Vielleicht konnte er sich einfach nicht wehren?", meinte Leslie vorsichtig. „Das glaubst du ja selber nicht", schniefte ich, „Er ist doch viel stärker als sie, es wäre leicht gewesen, sie wegzustossen." Leslie seufzte: „Hast du nicht mal gesagt, dass Charlotte Krav Magha kann?" „Wem hilfst du eigentlich? Gideon oder mir?", zickte ich sie an. „Natürlich dir Gwen", sagte Leslie und nahm mich in den Arm, „Aber lass mich dir noch erzählen, was passiert ist, nachdem du in den Bus gestiegen bist." Ich nickte und zeigte ihr damit, dass sie beginnen konnte. „Nach dem du in den Bus gestiegen bist, wollte dir Gideon hinterher, doch Charlotte hielt ihn fest. Er wollte sich befreien, aber jedes Mal, wenn er sich bewegte, verzog er vor Schmerzen das Gesicht. Als der Bus losfuhr, liess Charlotte sein Handgelenk los und ging ohne weitere Worte weg. Als Raphael und ich Gideons Hände genauer betrachteten, traf uns fast der Schlag. Charlotte muss ihm Zeitweise das Blut abgedrückt haben, da man die Spuren noch sehr gut sah. Doch ich wollte sofort wissen, was passiert war. Er sagte uns, dass er dort auf uns wartete, als plötzlich Charlotte auftauchte. Als sie uns erblickte, begann sie Gideon zu küssen. Und dann hast du sie entdeckt. Er wollte sich von ihr lösen, aber sie hielt ihm die Hände hinter dem Rücken fest und er war machtlos. Natürlich habe ich ihm kein Wort geglaubt. Das hab ich ihm auch gesagt und ihm deftig meine Meinung gegeigt. Dann zog mich Raphael kurz zur Seite und sagte mir, dass er Gideon glaube. Als ich ihn fragte, weshalb, sagte er mir folgendes: Sie seine Hände an, Charlotte hat ihn wirklich so festgehalten, so dass er sich nicht wehren konnte. So etwas würde er sich nie gefallen lassen. Und Gideon liebt Gwen wirklich. Ich habe ihn noch nie so gesehen. Als ich herausgefunden habe, dass er in Gwen verliebt ist, hat er so glücklich gelächelt, wie schon lange nicht mehr. Das letzte Mal, dass ich ihn so lächeln sah, war, bevor unser Dad gestorben ist. Und Gideon würde nie fremdgehen. Er versteht nicht, weshalb Mam wieder geheiratet hat. Für ihn war das Betrug, obwohl das Leben weitergehen musste. Und sieh ihn dir jetzt an. Das letzte Mal, als ich ihn weinen sah, war nach Dads Tod. Nachdem Raphael das erzählt hat, ging Raphael wieder zu Gideon und ich machte mich auf den Weg zu dir", Leslie beendete die Erzählung und sah mich an. „Was? Gideon hat geweint?", flüsterte ich und Leslie nickte. „Glaubst du, dass es wirklich so war, wie Gideon es gesagt hat?", fragte ich sie. „Ja, du hättest ihn sehen müssen, nachdem du gegangen bist. Er sah aus, als ob gerade die Welt unterginge", sagte sie mir. Mir rannen Tränen über das Gesicht und Leslie tröstete mich, als ihr Handy klingelte. Sie ging ran: „Was? Ok, wir kommen." Sie legte auf. „Was war?", wollte ich wissen. „Zieh dich an, wir fahren zu den Jungs. Und keine Widerrede. Raphael hat gesagt, Gideon sitzt mit einer Flasche Alkohol auf dem Sofa, betrinkt sich und sagt immer wieder deinen Namen. Und er reagiert auf nichts. Raphael wollte ihm auch schon die Flasche wegnehmen und nun hat er ein blaues Auge", sagte sie mir. Also zog ich mich widerwillig an und wir machten uns auf den Weg.
„Endlich seid ihr da, ich weiss nicht wie lange ich das noch ausgehalten hätte. Gwen, bitte geh zu ihm", begrüsste uns Raphael. Er hatte wirklich ein blaues Auge. Leslie stürzte sich besorgt zu ihm und zog ihn in die Küche, um ihn zu verarzten. Ich folgte ihnen: „Wo ist Gideon?" „Im Wohnzimmer", antwortete Raphael und verzog das Gesicht, als Leslie das Auge berührte. Es musste wirklich wehtun. Murmelnd bedankte ich mich und machte mich auf den Weg ins Wohnzimmer. Als ich in den Raum kam, sah ich Gideon mit leerem Blick auf dem Sofa sitzen. Auf seinen Wangen waren noch feuchte Tränenspuren und sein Blick war leer. An seinen Handgelenken waren rote Spuren. Charlotte musste ihn wirklich fest gehalten haben. Neben Gideon auf dem Boden lagen einige Bierflaschen. Mir kamen Raphaels Worte in den Sinn; Gideon verabscheut Alkohol. Er trinkt nur wenn er wirklich verzweifelt ist. Trinkt er nur wegen mir? War er so verzweifelt? Ich atmete tief durch und betrat schliesslich den Raum. „Hi", sagte ich leise und Gideon schaute auf. „Gwenny", flüsterte er und ihm liefen wieder Tränen über das Gesicht. Ich setzte mich neben ihn aufs Sofa. „Gwenny, ich liebe dich", flüsterte er verzweifelt. „Ich liebe dich auch", erwiderte ich und er schaute mich verwundert an: „Aber heute nach der Schule hast du..." „Ich dachte wirklich dass du Charlotte küssen würdest. Aber Leslie hat mir erzählt, wie es wirklich war", fiel ich ihm ins Wort. „Wirklich?", fragte er mich und ich nickte. Erleichtert zog er mich zu sich und küsste mich. Ich spürte die Liebe und die Leidenschaft, welche er in den Kuss legte. Als wir uns voneinander lösten, kuschelte ich mich an ihn und er legte seine Arme beschützend und besitzergreifend um mich: „Ich lass dich nie mehr los. Ohne dich macht mein Leben keinen Sinn mehr. Dank dir bin ich wieder glücklich und ich habe wieder einen Grund zum Leben. Gwenny, du bist das Beste das mir je passiert ist. Ich würde für dich sterben. Und ich liebe dich." Mir liefen Tränen der Rührung über die Wangen. „Ich liebe dich auch", flüsterte ich, als ich mich noch enger an ihn schmiegte.
Ich erwachte, weil mich etwas an der Nase kitzelte. Aber Moment. Ich lag ja gar nicht in meinem Bett, sondern auf einem Sofa. Langsam kam meine Erinnerung von gestern wieder zurück. Wie wir zu Gideon gegangen sind und wie er mir eine Liebeserklärung gemacht hat. Und wie ich schliesslich in seinen Armen eingeschlafen bin. Ich öffnete meine Augen. Neben mir lag Gideon und hatte seine Arme um mich geschlungen. Unter meiner Nase lag eine Feder von einem der Kissen. Ich kuschelte mich enger an Gideon, da ich seine Nähe so genoss. Wieso hatte ich jemand wie Gideon nur verdient? Ich war unfassbar glücklich. „Morgen", begrüsste mich Gideon mit einem Kuss. „Hallo mein Kotzbrocken", lachte ich. Von Gideon kam „Meine kleine Kratzbürste" zurück. Wir standen auf. „Es tut mir leid, dass du auf dem Sofa schlafen musstest. Dir tut sicher alles weh", entschuldigte er sich bei mir, als wir in die Küche gingen. „Du musst dich nicht entschuldigen", sagte ich, „Ich habe sehr gut geschlafen neben dir." Gideon lächelte mich an und deckte den Tisch fürs Frühstück. Es gab Nutellabrötchen. „Lecker", sagte ich und schmierte ein Brötchen mit ganz viel Nutella. „Meine Kratzbürste hat also gerne Nutella", schmunzelte Gideon. „Wer schon nicht?", gab ich lachend zurück und biss in mein Brot. „Stimmt auch wieder", stimmte mir Gideon zu und ass einen Löffel voll. „Hey, gib mir auch", sagte ich und schnappte den Löffel und tauchte ihn ins Nutella. Nun riss Gideon mir den Löffel wieder aus der Hand. „Hey, das war meiner", zog ich eine Schnute. „Keine Angst, du kommst schon zu deinem Nutella", lächelte Gideon und begann mich zu füttern. Leider war er nicht besonders treffsicher und so war am Schluss mein ganzes Gesicht verschmiert. „Du siehst aus wie ein Clown", lachte mich Gideon aus. „Du bald auch", konterte ich und küsste ihn. Als ich mich von ihm löste musste ich laut loslachen. Gideon stimmte mit ein. „Geht das bitte auch etwas leiser? Es gibt auch noch solche, die gerne ausschlafen wollen", tönte Raphaels Stimme hinter uns. Wir drehten uns um. „Wie sieht ihr denn aus?", lachte Leslie los. „Ok, es hat sich gelohnt aufzustehen. Ich hätte nie gedacht, dass ich dich einmal so sehen würde Bruderherz", prustete Raphael los. Gideon starrte ihn böse an und schmierte ihm auch noch etwas Nutella ins Gesicht. Das konnte Raphael natürlich nicht auf sich sitzen lassen und schlug zurück. Bals schon war eine richtige Nutellaschlacht im Gange.

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