11. Dezember

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11. Dezember

Heute wollte Niall vorbeikommen wegen unserem ach so tollen Projekt. Es war ein Freitag und wir hatten heute beide kurzen Unterricht. Gestern Abend hatten wir über WhatsApp geklärt, dass er mit mir zusammen nach Hause gehen würde und wir dann unser Projekt machen. War ich genervt? Ja. Hatte ich Bock auf Niall? Definitiv nicht. Wer weiß, was er heute wieder von mir wissen wollte. Warum interessiert es ihn überhaupt?

Ich musste noch auf ihn warten vor dem Schulgebäude und verpasste deswegen meinen Bus. Wir stapften deswegen im Schnee nach Hause und meine Laune war tiefer gesunken als der Erdkern es ist. Ständig versuchte er mich anzuquatschen und sich zu unterhalten, aber er bekam dafür jedes Mal ein böses Grummeln mit 'Halt die Fresse'. Ich musste meine Geheimnisse verwahren. Schlimm genug, dass Hailey bereits eins kannte.

Nach dem 20 minütigen Fußweg voller Schimpfwörter meinerseits, kamen wir klitschnass zu Hause an. Meine Mutter empfing uns mit einer heißer Suppe, worüber wir mehr als froh waren. Niall bekam ein paar Kleider meines Vaters zum umziehen, die er damals hier gelassen hatte. Ich habe nie verstanden, warum Mum sie behalten hatte. Er zog sich als erster im Badezimmer um und anschließend ich. Die Kleider hingen wir über die Heizung, damit sie trocknen konnte, bevor Niall nachher nach Hause gehen würde.

Was Niall natürlich als erstes ins Auge sprang, war das Bild meines Vaters in ganz jungen Jahren. Der Bilderrahmen hatte kaum noch Glas aufgrund des Treffens mit der Wand.

"Wer ist das?", fragte er mich direkt.

"Mein Vater.", antwortete ich ohne jegliche Emotion.

"Scheinst ja kein gutes Verhältnis zu ihm zu haben, wenn man sich den Rahmen mal anschaut.", versuchte er witzig zu sein, ohne Erfolg.

"Ich kenne ihn praktisch nicht mehr und es geht dich auch nichts an. Verstanden?", schützend hielt er seine Hände hoch und murmelte eine Entschuldigung.

Natürlich fingen wir jetzt mit meinem absolutem Lieblingsthema an. Weihnachten. Hört ihr meine Freude?

"Blair, hör auf so ein Gesicht zu ziehen. Ich verstehe es nicht, was man an Weihnachten so hassen kann.", er machte eine Pause und seufzte, in der meine Wut noch mehr stieg, "Was hast du bitteschön erlebt? Was hat dir den Weihnachtszauber genommen?", fragte er einfühlsamer und es reichte mir.

"Ich sagte, du sollst aufhören! Verstehst du es nicht?! Ich will verdammt nochmal nicht darüber reden! Kennst du etwa den Schmerz nicht, wenn man enttäuscht wird!? Wie es sich anfühlt im Stich gelassen zu werden! Erleb es und du verstehst mich und jetzt lass dieses Thema endgültig ruhen!", schrie ich ihn an und sah wie er zurückzuckte.

Meine Atmung ging schnell und die Wut ging nicht weg.

"Ich will dir was erzählen. Ich weiß was es heißt enttäuscht zu werden.", sagte er mit einer festen, aber auch ruhigen Stimme, dich mich beeindruckte und überzeugte. Ich schaute ihn an und merkte, dass seine Augen auf meinen lagen. Meine Wut wurde langsam weniger.

"Es ist einige Jahre ehr, ich war vielleicht 7 oder 8 Jahre alt, als mein Vater meine Mutter schlug. Er war stockbesoffen. Er dreschte mit seinem Gürtel auf sie ein und trat sie in den Bauch. Sie verlor meinen kleinen Bruder. Ich habe sie beschützt vor ihm und selbst Schläge kassiert von meinem Vorbild. Ich habe immer zu meinem Vater aufgesehen! Ich weiß nicht was ihn dazu geritten hat, aber er hat mich enttäuscht, verstehst du? Er hat uns damals das Herz gebrochen. Ich bin froh, dass meine Mutter jetzt einen Mann hat, der sie glücklich macht und für mich die Vaterfunktion übernimmt. Er war der einzige Trost für uns."

Ich war sprachlos. Er erzählte mir einfach seine Geschichte, etwas wofür ich nie im Stande war und es auch nicht sein werde in meinem Leben. Woher nahm er diesen ganzen Mut? Ich war eine Fremde für ihn, denn so gut kannten wir uns schließlich noch nicht. Es machte mich absolut sprachlos und ich wusste nicht was ich dazu sagen sollte.

"Sprachlos?", lächelte er sanft und ich nickte.

Ich empfand gerade Mitleid mit ihm. Er tat mir leid und auch das, was ich alles zu ihm sagte.

"Es tut mir leid. Alles. Ich hatte ja keine Ahnung.", sprach ich leise.

"Schon gut. Woher solltest du es auch wissen? Ich habe damit abgeschlossen und ihm verziehen, denn er ist heute nicht einmal mehr unter uns und ich kann einen Toten nicht hassen, vor allem nicht, wenn er mein leiblicher Vater ist. Wir hatten schließlich nicht nur schlechte Momente, sondern auch schöne."

Jahrelang war mein Vater für mich nicht mehr existierend und sozusagen gestorben, aber Nialls Ansicht über das, war komplett neu für mich. Es klang nach einer harten Kindheit für ihn. Niall müsste doch eigentlich am besten verstehen, wieso ich nicht darüber reden will, warum fragt er mich dann ständig zu diesem Thema aus? Sein Vater war wirklich tot und er hatte ihm verziehen? Ich weiß nicht ob ich das könnte, aber das wird sich ja noch zeigen.

Eisblume {Niall Horan}Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt