15. Dezember

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15. Dezember

Es war sehr früh und doch stand ich hier an meinem kleinen privatem Platz. Um diese Uhrzeit ist keiner draußen, also konnte ich in Ruhe den Kopf freikriegen. Es war kurz vor 8 Uhr denn, die Sonne ging auf und die Kälte der Nacht war noch deutlich zu spüren, denn das Eis ist noch dicker geworden. Ich bin Profi und hab Ahnung von Eis. Außerdem musste ich erst gegen 12 Uhr in der Schule sein aufgrund von Ausfallstunden.

Ich nahm mein Handy und meinen Lautsprecher, stellte diese auf meine Tasche, in der sich meine Schlittschuhe befanden, die ich mittlerweile trug. Sie waren so weiß wie der Schnee selbst.

Ein SMS an meine Mutter, um ihr zu sagen wo ich bin, und meiner Eislauf-Playlist später durchflutete mich die Musik. Ich machte einfache Aufwärmübungen und Dehnungen. Die Lieder waren genau so angepasst, dass nach 20 Minuten das Lied kam, auf das ich jetzt so viele Jahre wartete.

Let It Go

Let It Go war mein damaliges Showlied gewesen. Im Jahre 2014 trat ich beim Stars On Ice an mit genau diesem Lied. Als dieses Lied began stellte ich mich hin mit einem Bein angewinkelt und die Hände ans Herz und keine 3 Sekunden später schlidderte ich los. Genau dieselben Armbewegungen wie früher, die Choreografie hatte ich fest in meinem Herzen verankert. Sie ließ mich frei fühlen, eine Bewegung nach der anderen, eine Pirouette oder besser Attitüde und der Axel Jump. Ich beherrschte immer noch jedes einzelne Element, wie damals.

Es floss durch meine Adern, wie Wasser den Wasserfall hinunter. Es war meine Lebensenergie, der Grund warum ich den Dezember überstand und mich ablenken konnte. Es war mein Halt gewesen, egal ob heute oder damals. Seit dem Niall sich in mein Leben gedrängt hat, steht alles Kopf. Ich will mein Leben zurück.

Dieselbe miese Laune, wie in den vergangenen Dezembers. Denselben Hass auf die Weihnachtsdeko, den Weihnachtsmarkt, einfach alles.

Und wie ich da so meine Künste vollübte, floss mir doch eine kleine Träne die Wange hinunter, für alle die vergangenen Jahre.

Tief in meinem Inneren war da noch etwas. Es fühlte sich an wie Sehnsucht. Sehnsucht, nach meinem Trainer, der gleichzeitig auch mein Vater war. Natürlich, ließ ich dies nie nach außen, aber doch dachte ich manchmal darüber nach, wie es wäre, wenn er hier wäre.

Schnell schüttelte ich den Kopf, verwarf den Gedanken und schaute auf die Uhr. Wir hatten bereits halb 11 und ich musste noch mich dehnen und dann duschen. Langsam kam ich also zur Ruhe und dehnte meine Muskeln und Sehnen.

Pünktlich um 12 Uhr stand ich im Schulflur, nach einer erholsamen Dusche.

"Blair!", quiekte Hailey und rannte auf mich zu.

"Du musst mir alles erzählen!", brabbelte sie aufgeregt drauf los. Da musste ja noch irgendwas kommen. Ich fragte mich, ob sie gestern Abend einen genau Fragebogen erstellt hatte, so wie diese mir an den Kopf geworden sind. Alle beantwortete ich ehrlich, außer eine:

"Kannst du überhaupt Schlittschuhlaufen?"

Sie lachte, aber wenn sie wüsste, wer ich wirklich war, würde es ihr gewiss vergehen.

"Ich bitte dich, ich habe ums Überleben gekämpft."

"Hat der Prinz seine Prinzessin vor dem Sturz bewahrt?", grinste sie mich an. Allerdings sprachen mein Lächeln und die roten Wangen für sich.

"Blair, ich habe dich noch nie in einem Dezember so Lächeln gesehen."

Ich habe mich selbst nie so Lächeln gesehen, Hailey.

In der Klasse traf ich auf Niall, der mir grinsend entgegenkam. Vorsichtig umarmte er mich, was sich so unglaublich nach zu Hause anfühlte. Zu Hause. Hatte ich sowas überhaupt? Ist ein zu Hause eins, ohne Mama und Papa, sondern nur mit Mama? Erst durch Niall wurde mir bewusst, wie sehr ich meinen Vater brauchte. Ich brauchte mehr als 'nur' die Liebe meiner Mama.

Da wurde mir klar, ich freute mich ein bisschen auf meinen Vater.

Als der Lehrer hinein kam begann auch schon mein üblicher Schultag mit dem Unterschied, dass ich ganz in Ruhe Niall beobachten konnte.

Als ich Heim kam, stand meine Mama aufgeregt im Flur. Sie schaute mich erstaunt und glücklich zu gleich an.

"Du bist gefahren?!", stellte sie anhand meiner Schlittschuhe im Wohnzimmer fest.

"Ja", lächelte ich leicht und beschämt zu gleich. Vorsichtig nahm sie mich in den Arm.

"Ich hab dich lieb mein Schatz. Wir stehen alles zusammen durch", natürlich machte sie damit eine Andeutung auf meinen Vater.

"Mama? Ist es okay, ihn doch etwas zu vermissen?", in dem Moment, in dem ich das aussprach, bereute ich es auch direkt wieder.

"Ja, mein Schatz, natürlich. Er ist dein Papa und ihr hattet immer ein gutes Verhältnis zueinander."

"Bis er uns verlassen hat. Warum hat er nie mehr um uns gekämpft oder um mich?"

"Blair..."

"Nein, lass mich", damit schnappte ich mir meine Schlittschuhe und lief in mein Zimmer, wo ich auch den restlichen Tag verbrachte.

Eisblume {Niall Horan}Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt