In Bukarest gelandet, werde ich auf dem Gangway von einer Frau in einer Burka angerempelt. Nun, das ist nichts Neues. Ich greife in meine Manteltasche, und ja, ein kleiner Schlüssel befindet sich darin, der vorher noch nicht da gewesen war. Ich denke, die Frau ist meine Kontaktperson. Das Schließfach, zu dem der Schlüssel gehört, ist schnell gefunden, es enthält einen dicken Umschlag, den ich schnell einstecke. Ich hole meinen Koffer ab und nehme mir ein Taxi, das mich zum Hotel bringt. Auch kein Luxus, der Schuppen, natürlich nicht. Ich will ja nicht auffallen und werde auch nicht lange bleiben. Habe gerade noch soviel Zeit, in den Umschlag zu schauen. Ein neuer Pass und Bargeld. Und ein Billig-Mobiltelefon, das ich nachher wieder entsorgen muss. Smartphones sind einfach zu gefährlich. Deshalb haben sie mir noch eine Faltkarte beigelegt, auf der mein nächstes Ziel eingetragen ist. Ich breche auf, dieses Mal gehe ich zu Fuß, erstens, um mir die Wege ein wenig einzuprägen und zweitens sind Taxifahrer sehr neugierig und lieben es, einen auszuquetschen. Und danach ist mir überhaupt nicht!
Ich brauche eine Viertelstunde, um in das düstere, verdreckte Viertel zu kommen, wo meine Kontaktperson wartet. Das Treppenhaus des mehrstöckigen Gebäudes stinkt furchtbar und ich klappe den Kragen meines Mantels hoch. Komme an einem streitenden Pärchen vorbei, plötzlich schlägt der Mann der Frau brutal ins Gesicht und sie stolpert. Ich gehe einfach weiter, ohne zu reagieren. Habe ein Ziel, darf mich nicht ablenken lassen. Nein, Micha hatte mich nie geschlagen. Wahrscheinlich wäre es nie zu dem Mordversuch gekommen, wenn er es getan hätte...Endlich habe ich den vierten Stock erreicht und klopfe an die zerschlissene Tür. Eine Frau öffnet mir. Ja, sie trägt die selben Schuhe, die die Frau am Flugplatz unter der Burka trug.
„Hey, komm rein." begrüßt sie mich auf englisch, mit hartem, osteuropäischem Akzent.
Sie ist jung, vielleicht Mitte zwanzig. Und die Wohnung gehört garantiert nicht ihr, sie wird nicht mal vermietet sein, den paar alten, gammeligen Möbeln nach zu urteilen. Und es ist saukalt! Ich bibbere und die Frau grinst.
„Sorry, irgendwer hat wohl die Heizung abgestellt. Ich denke, die wollen die Mieter raus ekeln, um das Ding abzureissen, sowas machen die Leute hier gerne. Aber um diese Art von Verbrechen geht es uns heute nicht..." lächelt sie abschließend.
„Obwohl genau diese Leute es verdient hätten, nicht? Bist du von hier? Oh, sorry, ich vergaß, keine persönlichen Konversationen." seufze ich.
„Genau. Also, das ist der Club."
Sie legt ein paar Papiere auf den Tisch.
„Hier der Grundriss, präge ihn dir genau ein. Anton bringt dich da rein, das ist kein Problem. Aber er wird leider nicht bleiben können, Sarkow duldet nur seine eigenen Männer um sich herum."
„Okay, ich verstehe. Wo ist meine Waffe?"
Sie hebt den Kopf. Schaut mich überrascht an.
„Waffe? Bist du verrückt? Selbst wenn du eine Knarre mit reinschmuggeln KÖNNTEST, was unmöglich ist, wirst du keine zehn Meter weit kommen, nachdem du Colman erschossen hast. Du wärst auf der Stelle tot, glaube mir!"
Ich versteife mich.
„Was? Ich soll da unbewaffnet rein?"
„Wenn du mit Colman erst einmal alleine bist, hast du genug Spielzeug, um ihn damit auszuknipsen! Du musst ihn vorher aber ordentlich heiß machen..." grinst sie.
„Bin ich Mata Hari, oder was?" brumme ich. „Mir war ja klar, dass ich eine Prostituierte spielen soll, aber..."
Sie schüttelt energisch den Kopf.
„Keine Prostituierte. Eine Liebessklavin, eine Bottom! Haben sie dir das nicht gesagt?"
Ich stöhne. Klar, ich hatte in dem Bericht gelesen, dass Colman eine Art Ausbilder für BDSM- Praktiken ist. Aber ich hatte irgendwie gehofft, dass ich einfach im schicken Fummel in den Club gehe und ihm eine Kugel in seinen perversen Schädel jage, bevor er mich überhaupt anfassen kann! Ich sage:
„Warum machst du das nicht? Du bist viel jünger als ich, schlank und...hübsch."
„Danke für das Kompliment. Ich bin aber keine trainierte Killerin, wie du. Glaub mir, ich mache aus dir genau den Typ Frau, auf den der Kerl steht. Colman testet nicht nur Minderjährige, Pirate Jenny."
Ich stutze.
„Pirate Jenny?"
„Dein Deckname, sagten sie."
„Hm. Ich wollte immer Polly Peachum sein..." lächle ich.
„Dann hättest du nicht zur dunklen Seite wechseln dürfen. So, zieh dich aus, ich muss dich umstylen."
Ich nicke und stehe auf.
„Weitere Anweisungen?" frage ich.
„Du weißt, wie eine Bottom sich verhält?"
Ich nicke. Naja, halbwegs... Die junge Frau redet weiter:
„Gut. Hab gehört, du sprichst russisch, deshalb haben sie deine Herkunft in die Ukraine verlegt. Denk an den Akzent, wenn du mit Colman redest."
Wieder nicke ich. Und dann holt sie aus einem Koffer meine Verkleidung. Mir fällt die Kinnlade runter.
„Was wird das denn?" frage ich verblüfft.
„Naja, das ist der neuste Schrei! Unschuldige Austen- Mädchen. Ist doch besser, als Lack und Leder, oder? Da darf aber keine Unterwäsche drunter, natürlich." antwortet sie und zieht das Puppenkleid glatt.
„Wie bitte? Soll ich mir etwa ne Blasenentzündung holen?" knurre ich.
Sie grinst.
„Ich dachte, du bist ne taffe Killerin? Dreh dich um, ich muss dich ins Korsett kriegen."
Ich seufze. Doch, jetzt kapiere ich. Meine Figur ist wirklich perfekt für dieses Outfit, da ich nicht sehr groß bin, wirke ich in den Klamotten wie eine unschuldige Puppe. In dem zartrosa Kleid, dazu ein Lederkorsett, das meine Brüste üppig hervorstehen lässt. Ein bisschen stehe ich ja schon auf diese Mode, bin ein Goth- Girl, doch hätte ich sicher ein schwarzes Steampunk-Kleid gewählt! Die Frau setzt mir eine blonde Perücke auf und schminkt mich. Ich habe das Gefühl, gleich auf eine Bühne zu müssen. Nun ja, es ist ja fast so! Dann sagt sie:
„Deine Klamotten lasse ich hier. Nach der Sache kommst du wieder her und ziehst dich um, hier ist der Schlüssel. Wir kümmern uns um die Entsorgung. Noch Fragen?"
„Nein." seufze ich.
„Okay. Lass dich nicht erwischen!"
„Werd mein Bestes tun."
Verdammt, verdammt. Dieser Auftrag ist der Erste, der mir echt Respekt einjagt! Bisher war ich immer in meinem Schützengraben sicher gewesen, naja, wenigstens gefühlt. Erschießen hätten sie mich trotzdem können. Aber eben nicht verschleppen und foltern, um aus mir rauszupressen, wer dahinter steckt. Was ich ja nicht mal weiß! Also, falls etwas schief geht, muss Plan B her. Plan B? Super. Normalerweise heißt es doch: Rein, Auftrag ausführen, raus. Irgendwie habe ich das dumme Gefühl, dass es heute schwieriger werden wird!
Ich lege mir den schicken, scharlachroten Umhang um und stecke den Schlüssel in die Schnürschuhe. Es ist, als wäre ich gerade hundert Jahre in der Zeit zurück katapultiert worden.
Doch draußen wartet keine Kutsche, sondern ein klappriger Skoda auf mich.
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Schattenspiele
Misteri / ThrillerDas unsere Welt düster und korrupt ist, hat ja jeder schon mitgekriegt, und jeder versucht, sich irgendwie durchzumogeln. So auch die Heldin der Story, die nach missglücktem Mordversuch an einem Stalker zu jahrelanger Haft verurteilt worden ist. Jed...
