Kapitel 54 - Endlich
„Wir müssen los", drängt Potter, als ich mich ein letztes Mal vorm Spiegel betrachte. Im Grunde sehe ich aus, wie sonst auch. Komplett in schwarze Roben gehüllt, ein ernster Gesichtsausdruck und die schwarzen Haare ins Gesicht hängend. Wäre da nicht das kleine Blumenbouqet aus weißen Orchideen in meiner Brusttasche.
Mein Hals ist staubtrocken, meine Hände zittern bedenklich und mein Herz hämmert in einer Intensität gegen meinen Brustkorb, dass es beinahe schmerzt, doch ich wäre ein Narr, wenn ich einen Rückzieher machen würde.
Knapp nicke ich dem aufgeregten jungen Mann neben mir zu, ehe wir uns gemeinsam auf den Weg aus den Kerkern hinaus aufs Schlossportal machen.
Den gesamten Weg über schweigen wir. Er wagt es wohl nicht, ein Wort zu sagen und ich... Ja, ich kann es einfach nicht.
Ich weiß nicht, wie lange ich auf diesen Tag gewartet habe. Wie lange ich darum bangen musste, ob er jemals stattfindet. Und jetzt, wo er mit rasender Geschwindigkeit gekommen ist, hat es mich so unerwartet in die Magengegend getroffen, dass ich keine Luft mehr bekomme.
Unsere Füße tragen uns immer weiter in den Verbotenen Wald hinein, über heruntergefallene Äste und in die Luft ragende Wurzeln. Wir lassen die warme Augustsonne hinter uns, verschwinden immer tiefer in der Dunkelheit des Waldes. Mit jedem weiteren Schritt schnürt sich meine Kehle weiter zu, mein Herz nimmt weiter an Fahrt auf.
Als wir endlich aus dem Dickicht brechen, huscht mein Blick einmal über die gesamte Szene vor mir. Ich sehe Minerva und Weasley, sie stehen rechts und links vor einem Bogen, der gänzlich mit weißen Orchideen bedeckt ist. Er gehört hier nicht hin und doch fällt er nicht auf. Er passt sich so perfekt in das Bild des Waldes, das man meinen könnte, er stünde schon immer dort.
In Mitten des Bogens steht ein ein älterer Mann, vielleicht Mitte fünfzig. Auch er ist in schwarz gekleidet, doch das weiße Band, das er um die Schultern trägt, hebt die Schwärze auf, verleiht ihm einen autoritären und ernsthaften Ausdruck. In seinen verschränkten Händen hält er ein Buch fest umklammert, während er mir ein aufmunterndes Lächeln schenkt.
Wie festgewachsen stehe ich auf einem Fleck, kann mich nicht mehr bewegen. Potter schiebt sich an mir vorbei, marschiert in seinem perfekten schwarzen Anzug zu Weasley und stellt sich schließlich neben ihn, die Hände vor seinem Körper gekreuzt, den Rücken durchgestreckt.
Langsam setzen sich meine Beine in Bewegung, es scheint, als würden sie aus tonnenschwerem Blei bestehen. Mit aller Kraft, die ich habe, wuchte ich sie Schritt für Schritt nach vorn, bis ich endlich neben Potter und Weasley stehe. Minerva zu meiner Rechten schenkt mir ein breites Grinsen, doch ich achte nicht auf sie.
Mein Blick hängt wie gebannt auf der kleinen Hütte, die keine zwanzig Meter entfernt steht. Ich schlucke hart, gebe mir alle Mühe, meine zitternden Glieder unter Kontrolle zu bekommen, und atme tief durch.
Gleich ist es soweit...
Ich weiß nicht, wie lange ich stumm dagestanden, die murmelnden Gespräche von Potter und Weasley neben mir ignoriert und meine Gedanken geordnet habe. Ich weiß nur, dass mein Herz einen oder auch zwei Schläge aussetzt, als sich die Tür der Hütte endlich öffnet.
Starr blicke ich sie an, warte, dass etwas passiert. Mit jeder Sekunde, die verstreicht, wird mein Hals trockener und meine Hände feuchter.
Doch dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, tritt sie heraus. In einen Traum aus Weiß gehüllt, ein breites Lächeln auf dem Gesicht. Mein Herz schlägt wie wild geworden gegen meinen Brustkorb, rebelliert, möchte einen Blick auf sie erhaschen, doch dieser Anblick gehört ganz alleine mir.
Der weiße Stoff raschelt leise, als sie Schritt für Schritt auf mich zutritt und er über das saftig grüne Gras schwebt.
Wie ein See aus Milch breitet sich der Stoff an ihren Füßen aus, nur um sich an ihren Oberschenkeln eng an ihren Körper zu schmiegen. Er betont ihren Hintern und ihre Hüfte, hüllt sie in feine Spitze. Vor ihrem Bauch hält sie einen kleinen Strauß weißer Orchideen, gespickt mit grünem Farn. Wenn ich das richtig sehe – und ich bin mir sicher, dass ich das tue – zittert sie ebenfalls. Es beruhigt mich, dass ich scheinbar nicht der Einzige bin, dessen Gedanken Achterbahn fahren.
Doch ihr Anblick schafft es, mich sprachlos zu machen; schafft es, dass das Zittern in meinen Händen stoppt.
Um ihre Taille liegt ein breites Band bestückt mit unzähligen grünen und silbernen Steinen, die hin und wieder, wenn die Sonne durch die hohen Wipfel bricht, wundervoll glitzern und den Wald um uns herum in tanzende Kristalle taucht.
Die zarte Haut an ihren Armen ist nackt, ihr Dekolleté istt nur von hauchfeiner Spitze bedeckt. Eine weiße Corsage untermalt die Perfektion ihres Körpers, glitzert ebenso in grün und silber. Die winzigen Steinchen scheinen ihren Oberkörper hinauf zu kriechen, verteilen sich über ihre Brüste.
Ihre wilden, braunen Haare sind hochgesteckt, eine einzelne Orchidee ziert ihr Haupt. Einige vorwitzige Strähnen hängen ihr ins Gesicht, umrahmen ihre Schönheit wie ein Bilderrahmen, der eines der wertvollsten Bilder auf diesem Planeten beheimatet.
Als sie endlich vor mir stehen bleibt und mir eines ihrer Sonnenscheinlächeln schenkt, sind all meine Nervosität und all meine Ängste verflogen.
Langsam strecke ich meine Hand nach ihr aus und wie selbstverständlich legt sie die ihre hinein. Sie passt perfekt in meine, schmiegt sich an und ich schwöre in diesem Moment, dass ich sie nie wieder loslassen werde. Dass es eine Selbstverständlichkeit wäre, wenn ihre für immer in meiner Hand läge.
Ich ziehe einen Mundwinkel in die Höhe, als ich sie genauer betrachte. Ihre Augen strahlen, der Glanz in ihnen konkurriert mit den tanzen Lichtblitzen ihres Kleides. Das Lächeln, das auf ihren Lippen liegt, verspricht mir stumm eine bessere Zukunft – eine glückliche Zukunft.
„Bereit?", murmelt sie leise, als ich sie die letzten Meter zum Bogen geleite. Ich atme tief durch, ehe ich antworte.
„Bereit", gebe ich flüsternd zurück, während Miss Weasley, die scheinbar den gesamten Weg hinter Hermine gegangen ist, neben Minerva huscht.
Aber es ist mir egal. Ich achte weder auf sie, noch auf Potter und Weasley. Ich könnte bei Merlin in diesem Moment nicht mal sagen, was für ein Kleid die junge Weasley trägt. Denn es ist mir gleich, nichts zählt in diesem Moment für mich, außer der Anwesenheit meiner Seelenverwandten neben mir. Ihre Hand in meiner. Ihr Herzschlag neben meinem.
Gemeinsam überbrücken wir die letzte Distanz, bis vor dem Pfarrer stehen. Doch mein Blick hängt nur an Hermine. Meiner Frau.
„Herzlichen Glückwunsch", lacht Miss Weasley, als sie mir um den Hals fällt. Potter, Minerva und Weasley stehen hinter ihr, klatschen aufgeregt und warten darauf, bis sie uns ebenfalls ihre Glückwünsche entgegenbringen können.
Mein Blick huscht immer und immer wieder zu Hermine neben mir, ich kann meine Augen nicht von ihr lassen.
Seit wenigen Minuten ist sie Mrs. Hermine Snape, meine Frau. Und ja, ich könnte nicht glücklicher sein, als in diesem Moment.
Ich bin froh, dass wir uns dafür entschieden haben, das alles in kleinem Kreis zu feiern. Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre niemand gekommen, aber ich habe Hermines Wunsch, wenigstens die für sie wichtigsten Personen einzuladen, respektiert.
Miss Patil, hat sich bereiterklärt zuhause zu bleiben und auf die plärrenden Bälger zu achten. Schließlich hat sie inzwischen auch Weasleys Balg gebärt und, bei Merlin, ich beneide sie darum nicht.
Draco hingegen ist mit seinem Vater, der auf Geheißen von Potter entlassen wurde, nach Griechenland zu Narzissa gegangen. Ich verüble es ihm nicht, dass er an diesem Tag nicht hier sein kann.
Im Grunde haben wir auch nichts großes geplant. Es wird später in der Schule ein kleines Essen geben, die eigentliche Feier findet danach hier im Wald statt.
Ich muss zugeben, dass Miss Weasley sich selbst übertroffen hat. Sie hat unzählige Lampions verzaubert, sodass sie in der Luft schweben und uns später, wenn wir zurückkehren, Licht schenken. Die umliegenden Bäume sind mit Orchideenranken bestückt, verströmen einen himmlischen Duft, der sich mit dem meiner Frau vermischt und so für immer in meinem Hirn eingebrannt sein wird.
„Glückwunsch", sagt Potter, als er vor mir steht, und reißt mich aus meinen Gedanken.
„Danke", gebe ich zurück und nicke knapp, das breite Grinsen, das seine Lippen ziert, widert mich an. Aber ich muss zugeben, dass es mich in diesem Moment nur halb so stört, wie es das vielleicht sonst getan hätte.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich froh, dass er hier ist. Dass er diesen Moment mit Hermine und mir geteilt hat.
Verdammt, was ist nur los? Ich werde noch ein gefühlsduseliger, alter Mann. Ich verdrehe meine Augen und schnaube. Ich brauche jetzt was zu trinken.
„Habe ich dir schon gesagt, wie wunderschön du heute aussiehst?" Meine Stimme ist ein leises Flüstern, das sich in die Dunkelheit des Abends verkriecht. Das Glas Wein in meiner Hand ist beinahe leer und noch immer war ich nicht in der Lage das verschmitzte Grinsen von meinem Gesicht zu wischen. Hermine steht an mich gelehnt vor mir, ihre Augen nehmen mich wie ein Käfig gefangen.
„Nein", kichert sie leise, ehe sie an ihrem Glas nippt und mir kurz darauf ein breites Lächeln schenkt.
„Lachen Sie mich etwa aus, Miss Granger?", frage ich gespielt bedrohlich und dunkel. Anlass für sie, noch mehr zu kichern.
„Mrs. Snape, wenn ich bitten darf", gibt sie todernst zurück, ehe sie wieder in ihr himmlisch klingendes Kichern verfällt. Leise Musik läuft im Hintergrund, die Gäste unserer Hochzeit – Merlin, es ist noch immer merkwürdig, dieses Wort auch nur zu denken – stehen nicht weit von uns entfernt und unterhalten sich ausgelassen, jeder ein Glas Wein in der Hand.
„Möchten Sie tanzen, Mrs. Snape?", schnarre ich leise, ehe ich mein Glas auf einem Fensterbrett der Hütte abstelle und Hermine eine Hand entgegenstrecke.
Mit einem breiten Grinsen stellt auch sie ihr Glas ab und legt ihre zierliche Hand sanft in meine, ehe sie sich von mir in die Mitte der Lichtung führen lässt.
Über uns knistern die Lampions, erhellen den dunklen Wald mit warmem Licht und tauchen das Gesicht meiner Frau in unbeschreibliche Schönheit.
Meine rechte Hand wandert langsam zu ihrem Rücken, legt sich auf die feinen Stickerein ihres Kleides, fahren über die winzigen, weißen Knöpfe, die ihre Wirbelsäule hinablaufen. Mein Blick verschmilzt mit ihrem, während sie ihre rechte Hand in meine linke legt. Ihre linke Hand liegt sanft auf meiner Schulter, ihre wundervollen Lippen sind zu einem glücklichen Lächeln verzogen.
Und so beginne ich, sie langsam im Kreis zu drehen, lausche dem Lied, das im Hintergrund summt und lasse mich einfach von der Melodie führen.
„Won't you promise me, we'll keep dancing wherever we go next."
Mein Herz schlägt stetig in meiner Brust, die Tiere in meinem Magen fliegen gefährliche Manöver, während ich Hermine anblicke, ihren Duft einatme und sie langsam über den Waldboden führe.
„It's like catching lightning the chances of finding someone like you."
Immer und immer wieder drehe ich sie im Kreis, ihren Körper eng an meinen gepresst, den Blick fest auf sie gerichtet.
„It's one in a million, the chances of feeling the way we do."
Ich lasse mich von der Liebe in meinem Innern beflügeln, führe sie durch das Lied. Drehe sie im Dreivierteltakt meines Herzens und schwebe mit ihr über das sanfte Gras.
„And with every step together, we just keep on getting better. So can I have this dance?"
Ich kann es nicht leugnen, das hier ist alles, was ich jemals wollte. Hermine in meinen Armen, ihre Liebe ganz für mich allein. Jemanden, dem ich all meine Liebe geben kann. Mit dem ich bei jedem Schritt durchs Leben besser werde, selbst wenn noch einige Hürden auf uns warten.
Und so tanze ich mit ihr der Nacht entgegen, schicke jeden Dämonen, der sich auf unserem Weg durchs Leben in unsere Reihen schleicht, fort und fühle mit jedem weiteren Schritt, mit jeder weiteren Drehung, die unendliche Liebe für sie.
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Komm, uns bleibt die Ewigkeit
FanfictionSeverus Snape musste mit eigenen Augen sehen, wie die Liebe seines Lebens - seine Seelenverwandte - bei lebendigem Leib verbrennt. Wie kommt er damit zurecht und wird er sie rächen? Feststeht, dass er Hermine mehr als alles andere auf diesem Planete...
