Ich erwachte am nächsten Morgen durch einen sanften Atem, der gleichmäßig warme Luftströme auf mein Gesicht blies. Ich blinzelte ein paarmal ins helle Licht, bevor ich gänzlich meine Augen aufschlug. Mein Herz machte einen Sprung und ich spürte wieder dieses Kribbeln im Bauch, als ich sah, wer neben mir lag. Jade. Ihr Name klang wie Poesie in meinem Kopf. Gestern hatten wir uns endlich ausgesprochen und unsere Gefühle zueinander offen gelegt. Jetzt wo sie so da lag mit friedlich geschlossenen Augen die Bettdecke eng um sich gewickelt, war sie das hübscheste, was ich je gesehen hatte. Ihre kindlich, verspielten Gesichtszüge hatten es mir besonders angetan. Wie die tosenden Wellen des Atlantiks floss ihr Haar über das Kopfkissen und ihren Hals herunter. Eigentlich war ihr Aussehen gespalten. Zwei Feinde der menschlichen Wahrnehmung hatten sich mit ihr vereinigt. Ein paar mal glitt der Sauerstoff noch sanft durch ihre Lungen, bevor meine Liebe ihre Augen zum ersten Mal an diesem Tag aufschlug.
Von meinen Lippen kam ein zärtliches "Guten Morgen". Jade blinzelte ein paar mal verwirrt, doch dann schien sie sich wieder an gestern Abend zu erinnern.
"Guten Morgen meine Prinzessin", flüsterte sie, ihre Stimme noch schwach. Jade legte ihren kleinen Kopf auf meine Brust und schmiegte sich in meine Arme. Ich hörte sie irgendetwas murmeln, dass sich anhörte wie "Die besten Kopfkissen sind die mit Herzschlag". Ein kleiner lachender Gluckser stieg meine Kehle hoch, bevor ich abrupt verstummte.
"Was ist los?", kam es von Jade während sie ihre Fingerspitzen über meine Arme gleiten ließ.
"Ich hab mich nur gerade gewundert, ob eine Beziehung zwischen zwei Frauen richtig sein kann. Versteh mich nicht falls, aber..."
Jade unterbrach meinen Redeschwall.
"Fühlt es sich denn falsch an?"
"Nein"
Eigentlich war es das einzige, was sich im Moment richtig anfühlte. Das einzige, was sich je in meinem Leben richtig angefühlt hatte. Alles andere schien wie eine große Lüge.
"Na siehst du"
"Hattest du schon vor mir eine... eine Freundin?"
Ich traute mich kaum diese Frage auszusprechen. Eigentlich wollte ich die Antwort darauf nicht wissen, aber wenn ich sie nicht wüsste, würde ich für immer im Dunkeln herum tappen.
"Also das ist kompliziert", Jade blickte zu mir auf ihr Gesichtsausdruck leicht gequält, "ich war vor dir noch nie verliebt, falls du das meinst, aber..."
"Aber?"
"Ich hatte vor ein paar Jahren eine äh Affäre... mit einer Zofe"
Ok das hatte mich jetzt doch etwas überrascht. Ich meine Jade war keinesfalls jemand der alle Regeln befolgte, aber als Prinzessin so einen möglichen Skandal beinahe herbeizubeschwören? Außerdem hatte ich gehofft, dass ich die erste für sie war. Die erste in allem.
"Es war nichts im Vergleich zu dem, was wir beide jetzt haben. Es gab nie Gefühle zwischen uns und hat sich immer aufs körperliche beschränkt"
Als müsse ich ihr beweisen, dass ich mit Sicherheit besser im 'köperlichen' war als diese olle Zofe, presste ich stürmisch meinen Mund auf ihren. Dieser Kuss war alles andere als die von gestern Abend. Nichts sanftes hatte er mehr an sich, denn jetzt ging es nur noch um das Verlangen in uns beiden. Als ich spielerisch in ihre Unterlippe biss, erntete ich ein wohliges Seufzen von Jade. Unsere Zungen fanden einander und tanzten spielerisch durch den Ballsaal unserer Münder. Ich konnte unmöglich sagen, wie lange es gedauert hatte, aber nach einer Weile lösten wir uns schwer atmend voneinander.
"Das war...", mir fehlten die Worte.
"Toll", ergänzte Jade mit unnatürlich geweiteten Augen.
"Ich liebe dich", flüsterte sie an einer empfindlichen Hautstelle meines Halses, "sei bitte meine Prinzessin. Ich möchte es in die ganze Welt herausschreien und jedem stolz sagen, wie sehr ich dich liebe"
Ich hatte keine Ahnung, was meine Familie, mein Volk und die ganze Welt davon halten würde, aber in diesem Moment kam ein felsenfestes "Ja" aus meinem Mund.
"... Und darum müssen wir uns zur Wehr setzen. Machen wir uns nichts vor... Niemand ist mit der jetzigen Situation zufrieden. Jeder fürchtet der nächste zu sein, über den der Dummkopf, der sich König nennt, seinen Mantel des Hasses ausbreiten kann. Nicht nur das Band der Angst muss zerschnitten werden, sondern auch der Hunger, die Armut und die Ohnmacht. Denn wir sind es über die geurteilt wird, doch wir haben das Recht über uns selbst zu urteilen"
Die Menge jubelte und klatschte, als der Soldat sich verbeugte und das Bodium verließ. Lichthofen, Rafael, Jade und ich hatten uns in einer kleinen Gaststätte in der Stadt zu einer Anhörung zusammengefunden. Lichthofen hatte die gloreiche Idee ein Treffen mit den Bewohnern der ganzen Stadt zu veranstalten, um sich ihre Bedenken anzuhören und sie für die kommende Revolution bereit zu machen. Die Nachricht hatte sich verbreitet wie ein Lauffeuer. Fast jeder der Bewohner hatte mittlerweile von meinen Plänen Wind bekommen. Lichthofen nickte mir aufmunternd zu. Jetzt war meine Zeit eine Rede zu halten. Alle Augen lagen auf mir, als ich mir den Weg zum Podium bahnte. Der Raum war relativ klein, jedoch befanden sich trotzdem unzählige Menschen darin. Tische und Stühle waren an den Wänden gestapelt damit genug Platz für die Anwesenden war. Die, die keine leere Stelle mehr fanden, drängten sich von außen an die Fensterscheiben, um jedes Wort zu verstehen. Ich trat die zwei Stufen hoch und versuchte so vielen Menschen wie möglich in die Augen zu schauen. Geräuschvoll räusperte ich mich, warf meine Pläne über den Haufen und versuchte die Gedanken, die jetzt in meinen Kopf kreisten, in Worte zu fassen.
"Wir sind alle aus dem gleichen Grund hier. Wir sind hier, weil wir das Volk sind. Wir alle. Jeder von uns trägt zur Gemeinschaft bei. Egal ob er unsere Brötchen backt, unsere Häuser putzt oder unser Geld verwaltet. Jeder von uns muss berücksichtigt werden...und jemand, der sich Jahre lang nie vor seinem Volk blicken gelassen hat, sollte nicht die Verantwortung dafür tragen. Und wenn jemand nicht mal die Kritik seiner eigenen Tochter respektiert, braucht es eine ganze Horde Menschen, um ihn zum Umdenken zu bewegen. Ich bitte euch deshalb um Hilfe. Und wenn ihr nicht für das gesamte Volk kämpft, dann kämpft für euch selber. Ich verspreche keine tolle Zukunft, in der es keine Sorgen mehr gibt. Ich verspreche nur einen kompletten Neuanfang und die Möglichkeit für jeden sich einzubringen. Wir können ein neues Bild malen. Eine bessere Welt und wenn ihr wollt, dass sie euch gefällt, dann haltet Stifte und Farben bereit. Danke für ihre Aufmerksamkeit"
Meine Stimme war von Wort zu Wort kräftiger geworden und der Saal von Wort zu Wort leiser. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Erst drangen ein paar einzelne Klatscher zu mir hervor doch nach einigen Sekunden war es ein stetiges Applaudieren. Ich war ehrlich und die Menschen wussten es zu schätzen.
"Was ist denn los Ann?", fragte ich besorgt. Die Augen meiner Zofe waren verweint und glasig. So hatte ich sie noch nie erlebt.
"Hast du es noch nicht gehört? Dieses Arschloch... Oh pardon der König will Lilith meine Schwester dafür foltern, dass sie sich mit dem französischen Botschaftler, ein Adeliger, der Rafael und Jade hierher begleitet hat, heimlich zu einem Date getroffen hat. Wo leben wir denn, wenn man sich nicht mal mehr verlieben darf? Sie ist noch so jung... ", Ann schluchzte beim reden vor sich hin, doch trotzdem hatte ich ihre Worte genau verstanden. Der König hatte schon die nächste Strafe gegen sein Volk verhängt.
Ich nahm den Wäschestapel, denn meine Zofe gerade in den Schrank einräumen wollte aus ihrer Hand und schloss Ann in meine Arme. Ich flüsterte beruhigende Laute in ihre Ohren und versuchte ihr klar zu machen, dass alles gut werden würde... Doch da war ich mir im Moment absolut nicht sicher. Was würde der König Jade oder mir antun, falls er von unserer Liebe Wind bekäme? Wenn es für ihn schon schlimm war, als Zofe einen Adeligen zu treffen, wie grauenvoll musste er es finden wenn zwei Frauen sich liebten.
"Ann?"
"Mmh"
"Geh in dein Zimmer und ruh dich aus... Heute war ein anstrengender Tag und du hast eine Pause verdient",forderte ich sie auf.
"Aber Prinzessin hier ist doch noch so viel zu tun... die Wäsche und...", beschwerte sie sich.
"Die Wäsche kann ich selbst einräumen und ein Bad einlassen krieg ich auch noch hin. Wenn du willst kannst du auch ein Bad nehmen und entspannen..."
"Auf gar keinen Fall. Für vergoldete Badewannen bin ich eindeutig zu schmutzig"
Ich wusste zwar, dass es ein Witz sein sollte, aber ich hasste es, wie Ann über sich selbst dachte. Es gab keine besseren und schlechteren Menschen. Und es sollte auch nie jemand einen anderen unter oder über sich stellen, denn immer wenn die Rede von Klassen oder gar Rassen war, ging nichts gut aus.
Ann knickste vor mir und machte sich auf den Weg zur Tür.
"Warte", sagte ich bestimmt und hielt meiner Zofe einen Kasten Pralinen hin,den ich von Rafael geschenkt bekommen hatte, "der ist für dich und deine Schwester"
Ohne Widerspruch nahm sie mein Geschenk an. Sie wusste genau, dass wenn sie sich nicht dieser Kleinigkeit annahm, ich ihr etwas viel wertvolleres geben würde.
Ich ließ warmes Wasser in meine mit Gold verschnörkelte Badewanne laufen und fügte ein bisschen Badesalz dazu. Ich hätte den regenbogenfarbenen Blasen ewig beim Tanzen auf der Wasseroberfläche zugucken können. Es waren die kleinen Dinge, die mich jedes mal aufs Neue staunen ließen.
Meinen Körper ließ ich ins warme Wasser gleiten und schloss für einen Moment die Augen.
Ein paar Stunden später, ich war wohl eingeschlafen, öffneten sich meine Augen wie von selbst. Nach einem kurzen Moment der Orientierung, stieg ich aus der Wanne und warf mir ein Handtuch über. Eingemurmelt wie eine Mumie ging ich in mein Schlafzimmer, das sich neben dem Bad befand. Mein Blick fiel auf Jade, die auf meinem Bett lag. Ich zuckte vor Schreck zusammen, doch die kleine Brünette schien mich nicht zu bemerken. Ihre Augenbrauen waren zusammengezogen, der Blick wie gefangen auf mein kleines Notizbuch gerichtet. Jade las meine Worte, als wäre sie am ertrinken und meine geschwungene Schrift Luftbläschen, die sie am Leben hielten. Mit ihren Lippen formte Jade die geschriebenen Laute nach. Gerade waren es die Worte eines meiner Lieblingsgedichte, die ich neben meinen eigenen Texten verewigt hatte.
Die Liebe sieht nicht, sie träumt und sinnt.
Drum malt man den geflügelten Amor blind.
Shakespeare hatte es wie die Faust aufs Auge getroffen. Es kam nicht darauf an, wer Jade und ich als einzelner waren, sondern nur darauf, was wir zusammen waren. Egal war es, dass meine Hochzeit schon mit einem anderen geplant worden war oder was andere von unserer Beziehung hielten. Zusammen waren wir zwei Seelen, die zueinander passten wie Puzzleteile. Jemanden zu lieben war keine Sünde.
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Be my princess
RomancePrinzessin Selina soll mit dem französischen Prinzen Rafael verheiratet werden. Nur widerwillig kann sie der Heirat zustimmen. Bei der ersten Begegnung merkt sie, dass ihr zukünftiger Gatte ganz nett und gutherzig ist, jedoch geht ihr seine Schweste...
