Sie sah den Baseballschläger auf sie zuschnellen, aber die Augen schloss sie nicht davor.
,,Ugh!"
Das war das einzige was ihrem vermeintlich verbliebenen Blutsverwandten entfloh, als ihn ein lauter Schlag am Hinterkopf traf. Er fiel dumpf zur Seite und Mias Augen fokussierten nun verschwommen auf eine andere Farbe die in ihr Sichtfeld kam als das Schwarz, welches zuvor noch vor ihren Augen gespielt hatte.
Rot.
,,Hey, Mia-chan. Wieso schaust du so verträumt?"
Sie schloss die Augen.
Diese Stimme..
Als sie ihre Augen wieder öffnete, war das rot verschwunden und sie zweifelte für einen Moment, ob sie nicht geträumt hatte. Doch der Schlag blieb aus und da waren dumpfe Geräusche am Rande ihres Bewusstseins zu vernehmen.
Ächzen, Stöhnen, das Zerreißen von Klebeband und böses Gelächter. Nachdem sie erneut ihre Augen geschlossen und wieder geöffnet hatte, trat die rote Farbe nun erneut in ihr Sichtfeld und kam immer näher. Benommen versuchten ihre Augen zu fokussieren, herauszufinden, ob eine Gefahr von dieser Farbe ausging, und als das Rot nun nah genug war, erkannte sie das Gesicht der strahlenden Farbe.
Feuerrot und güldene Augen.
,,Du wirst mir doch jetzt nicht wegkippen, oder?", kam es neckisch, doch sie konnte seine Stimme nicht ganz zuordnen. Sie wusste nur das er es war, weil seine Lippen sich bewegten. Und sie wollte die Hand nach ihnen ausstrecken. Die Lippen ihres Helden. Denn so fühlte es sich an. Wäre er nicht gewesen, wäre sie nun nicht mehr.
Das Rot kam immer näher, so beobachtete sie jede Bewegung und verfolgte ihn mit ihren Augen, als sich etwas warmes unter ihren Körper schob und in eine aufrechte Position brachte.
Dabei durchzogen erneut fiese Schmerzen ihren Körper, doch sie war zu irritiert von dieser Situation, als das sie ihrem Schmerz wirklich Beachtung schenken konnte. Sein Lächeln blieb stets auf seinem Gesicht, auch wenn sie sicher war etwas Unsicherheit darin lesen zu können. Je mehr er zu ihr sprach, desto besser fing sie wieder an ihre Umgebung wahrzunehmen.
,,Du hast doch wohl nicht gedacht, dass wir dich diesen Kampf alleine austragen lassen. Wir haben heimlich etwas zusammengebaut, damit wir im Notfall eingreifen können."
Sie folgte seinen zögerlich wirkenden Worten wie automatisch und sah irritiert und benommen in die Gesichter der E-Klässler. Und mit einem Mal wurde ihre Sicht klarer. Ihre Sicht auf alle Dinge um sie herum.
Vor ihr auf dem Boden lagen alle drei Männer in Schwarz, zusammengekauert und gefesselt mit Klebenband auf dem Boden. Lew lag am nächsten von ihr entfernt, hatte eine blutige Wunde am Kopf und ihr Blick glitt automatisch zu der blutigen Brechstange neben ihr.
Er muss ihn geschlagen haben, durchbrach sie die eigene Stille ihrer Gedanken.
Die E-Klässler standen alle verteilt in ihrem riesigen Flur und waren stets darauf bedacht, die gefangenen Tiere zu mustern. Alle waren da. Kein einziger hatte sie im Stich gelassen. Mias Atem war flach, doch ihr Verstand schien rasend scharf mit einem Mal. Wie sie nun in die Gesichter ihrer Freunde sah und auf die halb bewusstlosen Gemüter ihrer ehemals Kollegen. Es füllte sie mit einer starken Emotion, die sie in dieser Klasse nur zu oft erlebt hatte. Glückseligkeit. Sie war nie wirklich bei einem Kampf allein gewesen, so hatten sie stets hinter ihrem Rücken gestanden und gewartet, bis sie eingreifen konnten, ob mit oder ohne ihrem Wissen. Und obwohl sie kein wirklicher Teil dieser Klasse war, war sie Teil dieser Familie, die innerhalb von einem Jahr stark herangewachsen ist. Jeder von ihnen hat seine Stärken und Schwächen gezeigt. Jeder von ihnen hat gewonnen, aber auch verloren. Und jeder von ihnen hat immer an sich und jeden anderen in dieser Familie geglaubt, hatten sich unterstützt und die Sicherheit ihrer Kollegen bewahrt haben. Noch nie hatte das Mädchen ein derartiges Bedürfnis zum Weinen bekommen, denn es sollten Tränen aus Freude sein. Doch für Tränen war nun kein Platz. Sie hatten soeben ihr eigenes Leben für Mia aufs Spiel gesetzt, obwohl sie diese ausdrücklich gebeten hatte, nicht in diese Angelegenheit zu rutschen. Ein seichtes, aber gequältes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht und sie sah hinauf in Karmas Augen, die sie skeptisch lächelnd beobachteten.
,,Würdest du mir dabei helfen aufzustehen?", entfuhr es schwach ihren Lippen, woraufhin der Rothaarige die Stirn runzelte, offensichtlich irritiert von dieser Bitte. ,,Vielleicht ist das nicht-", ,,Bitte."
Nicht wirklich überzeugt von ihrer schwachen Bitte half er ihr allmählich auf und es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, in der sie unter Schmerzen aufstand. Während sie halb in Karmas Armen stand, hielt sie sich die Rippen. Ja, mindestens zwei waren angeknackst und die Stelle, an der sein Fuß sie getroffen hatte würde anschwellen. Aber vermutlich würde sie nicht ins Krankenhaus müssen. Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn, als sie letzten Endes stand und in das Gesicht von Lew sah, das grimmig zu ihr hinauf sah. Die Organisation wurde von Mittelschülern besiegt und es füllte Mia nur ein wenig mit Genugtuung.
,,Ihr tut alle immer so, als würdet ihr wissen, was gut für eure Leute sei.", fing sie an unter weiteren Qualen zu sprechen, während sie auf Karmas Hilfe angewiesen war, nicht wieder zu Boden zu gleiten. ,,Aber diese Leute haben mir wirklich bewiesen was es heißt stark zu sein. Und ein Teil deiner Stärke besteht aus deinen Schwächen nur in anderer Form. Ihr sagt immer, dass Emotionen deinen Tod bedeuten. Allerdings haben mich die Emotionen, die mich und meine Freunde verbinden, soeben vor dem Tod bewahrt."
Sie legte eine zitternde Hand sachte auf Karmas Brust und stieß sich langsam von ihm ab. Als er dies bemerkte, hielt er sie nicht auf, so war es ein Moment zwischen Lew und Mia, die sich gegenseitig Messer zu warfen. ,,Und weißt du was das lustige ist? Mein Tod wäre umsonst gewesen. Du hättest die ganze Zeit frei sein können."
Mit diesen Worten umspielte erneut ein düsteres Lächeln ihre Züge, sodass sich die Haare ihrer Freunde aufstellten, während ihre Augen auf sie gerichtet waren, wie sie sich an der Wand entlang zu ihrem Onkel machte, der mit zornigen Augen zu ihr sah, aber nichts erwiderte.
,,Du wirst bezahlen.", kam es noch dunkler von ihr, sodass es eine Gänsehaut durch ihren eigenen Körper jagte. Seit Jahren erfuhr sie nun endlich wieder die Blutlust, mit der sie unnachgiebig töten könnte.
Als sie mit wackeligen Beinen direkt vor Lews Gesicht zu stehen kam verflog das Lächeln mit einem Mal. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt und sie musste sich für kurz eine Pause an der Wand gönnen. Es war verdammt anstrengend, nach so einem Tritt und dem Flug die Treppen hinunter aufrecht stehen zu können. Doch sie würde all ihre Kraft für die letzten Worte an Lew aufbringen.
,,Das hier ist für den Tritt."
Auch wenn sie lediglich Socken trug so war der Tritt in sein Gesicht so immens, dass sein Kopf beinahe eine halbe Drehung machte und Blut aus seiner Nase spritzte. Unter den Schülern breitete sich Schock aus.
,,Das hier ist dafür, dass du nicht dazu bereit warst mir zuzuhören."
Ihr Fuß raste mit hoher Geschwindigkeit auf seinen Kopf hinab und drohte seinen Schädel mit dem nächsten Tritt zu zerbrechen. Sie legte jede Wut, jede Trauer, jede erdenkliche Mordlust in ihre Worte und ihre Tritte.
,,Und das hier ist dafür, dass du deine Hausaufgaben nicht gemacht hast.", ein erneuter Tritt und man hörte bereits, dass etwas zu knacken begann. Sein Gesicht war blutig, seine Augen fingen allerdings noch Feuer und das musste Mia verhindern. Sie wollte die Leere und den Schmerz in ihnen sehen.
,,Du hast meine Freunde in Gefahr gebracht."
Der nächste Tritt.
,,Du hast mir beinahe mein Leben ruiniert."
Erneut ein Tritt.
,,Und das alles nur, weil du keine Recherchen begonnen hast."
Doch als sie den Fuß für den nächsten Tritt in die Luft hob, gab ihr anderes Bein nach und sie fiel auf ihr Knie, zu Boden gebracht von dem Zittern, das die Emotionen hervorbrachten und den Schmerzen.
Sie hatte einige aus ihrer Klasse zucken sehen, bereit dazu zu ihr zu eilen, doch stattdessen kroch sie allmählich auf ihren Onkel zu. Wie ein angeschlagenes Raubtier, das mit der letzten Kraft ihre Beute zerreißen wollte.
,,Erinnerst du dich an die Krise vor zwei Jahren, die in der Organisation stattgefunden hat? Ich habe mir zugegeben eine blöde Zeit ausgesucht, aber ich habe jeden Blutsverwandten ausfindig gemacht, der existierte. Und ich habe jedem das Blut gekündigt."
Sie hob angestrengt ein Bein, um sich rittlinks auf ihn zu setzen. Seine Augen sahen nun ehrfürchtig aus. Nachdenklich. Doch auch das wollte sie nicht nur in seinen Augen sehen.
,,Ich habe alle Vorkehrungen gemacht. Die Papiere wurden vorbereitet.", mit diesen Worten griff sie sich an ihr Shirt und hob es hoch, entblößte ihren Bauch, den eine dicke Narbe zierte, die vorher nie zu sehen gewesen war. Jeder ihrer Freunde bekam große Augen, tauschte mit den anderen Blicke aus. Doch niemand hatte sie jemals gesehen. ,,Mit viel professionellem Make-up kann man das kaschieren. Es braucht sehr viel Fleiß dafür. Aber ich habe sie gespendet und sie wurde vernichtet. Jeder, der seine Blutsverwandtschaft kündigt und somit nicht einmal mehr Eltern hat, muss seine Niere spenden, die daraufhin von einem selbst zertreten werden muss. Nicht einmal etwas Gutes erreicht man dafür, dass man keine Familie mehr haben würde. Deswegen töten sich auch viele Familien. Und dann, nach all dem Papierkram muss man noch eine letzte Mutprobe erfüllen."
Sie ließ ihr Shirt sinken und zog den linken Ärmel hinauf, der nun eine zweite dicke Narbe, die sonst mit Wachs und Make-up bedeckt war, zur Schau stellte. Das alles erzählte sie ihm, denn er kannte diese Prozedur. Jeder in der Organisation kannte sie.
,,Der Tracker. Ich habe ihn mir mit einem verdammten Küchenmesser entfernt.", ihre Stimme zitterte vor Wut, während sie ihm unnachgiebig in die Augen schaute. Vermutlich hätte er etwas gesagt, wenn man seinen Mund nicht mit Klebeband zu geklebt hätte. ,,Es waren höllische Schmerzen gewesen. Das Messer war kaum scharf gewesen. Ich habe sehr viel Blut verloren, aber ich habe weiter gemacht, bis ich das rot leuchtende Teil endlich in der Hand gehalten habe. Doch das war nicht genug. Die Wunde musste ich selbst verpflegen, unter den Augen eines jeden dieser Schweine, wie sie höhnisch zu Lächeln begannen. Mit Nadel und Faden habe ich sie geschlossen, habe mich danach in meine Zelle begeben und war für vier Tage ohnmächtig. Doch ich hatte gedacht, dass es sich gelohnt hat. Allerdings gab es scheinbar so viele Probleme, dass dich die Papiere nicht erreicht haben. Und doch stelle ich mir die Frage:"
Und mit diesen Worten liefen ihr die Tränen über die Wangen, nun aber vor Wut. Sie ließ von ihrem Ärmel ab, dessen Stoff sie in ihrer Faust zerdrückt hatte und zückte mit der anderen Hand ein Klappmesser aus ihrer Jackentasche.
,,Wieso du deine Hausaufgaben nicht gemacht hast. Hättest du im Register nachgesehen, hättest du mich unter Mia White gefunden, aber nicht mehr unter Brestnow. Ich war keine mehr von euch, habe meinen Familiennamen aufgegeben, um dieses Leben zu leben. Und wegen deiner Dummheit hätte ich beinahe das wichtigste in meinem Leben verloren."
Und mit diesen Worten hielt sie die Spitze des Messers zitternd an seine Kehle. Sie hörte, wie manche die Luft scharf einsogen, weswegen sie selbst scharf anfing zu sprechen.
,,Geht alle raus."
Ruhe brach ein.
Nichts rührte sich unter dem Aufprall dieser Worte. Sie wollte ihn töten, für alles was er und diese Menschen getan haben. Immer weiter rollten die Tränen und tropften auf die Kleidung der Organisation, die ihr jegliche Lebensenergie rauben wollte. Doch nie hatte sie sich lebendiger gefühlt mit dem Messer in der Hand. Sie war skrupellos gewesen, so wie man es sein musste. Hatte nicht gezögert.
Doch jedes Mal, wenn sie in ihrer Zelle gesessen hatte, waren die Erinnerungen über sie herein gebrochen und hatten sie daran erinnert, was es heißt zu fühlen. Nie mehr wollte sie ein Messer zum Töten benutzen. Kein weiteres warmes Blut auf ihren Händen und ihrem Gesicht. Doch eine letzte Mission würde sie nun doch erfüllen. Diesen Mann vor ihr zu töten, war ihre Priorität, Korosensei trat in den Hintergrund. Sie zitterte, kratzte dadurch bereits sanft an seinem Hals, sodass ein feiner Schnitt entstand, aus dem ein Tropfen Blut kam. Als sie bemerkte, dass sich keiner in Bewegung setzte, fing sie an zu schluchzen. Ein Beben durchfuhr ihren Körper, als sie nun endlich die Realisation und die Bedrückung in den Augen ihres eigenen ehemaligen Onkels sah. Sie war wegen ihm durch so vieles durchgegangen. Und sie wollte es ihn spüren lassen.
,,Geht!", schrie sie mit einem Mal so laut, dass selbst Lew unter ihr zusammenzuckte und kurz die Augen zusammengekniffen hatte. Doch erneut geschah nichts.
Mia wusste, dass sie es nicht sehen wollten. Sie wollten es verhindern. Aber das ging gegen Mias Gefühlschaos. Alles hätte sie durch ihn verlieren können.
,,Bitte! Geht!", schrie sie nun verzweifelt am Rande des Wahnsinns, so wollte sie es tun, aber auch nicht. Sie wollte das sie keiner in diesem Zustand sah und noch weniger einen echten Toten sahen. So ein Bild verfolgte einen, brannte sich in das Gehirn ein und würde einen so leicht nicht mehr los lassen. Ihr Kopf schmerzte so sehr.
,,Bitte!", schrie sie, doch bat sie mehr um eine Lösung und das man ihr die Entscheidung ab nahm. Sie wollte es so unbedingt, doch das schlimmste war es, aus Emotionen heraus zu töten und dabei seine einen Emotionen zu zerstören.
Jeder andere, selbst wenn sie die Nachricht nicht erreicht haben sollten, hatten recherchiert und die Wahrheit gefunden. Nur er nicht und dieser Gedanke machte sie wütend. All das Training und all der Schmerz hat ihm im Endeffekt nichts gebracht. Er war nutzlos.
Dann nahm sie das Rascheln von Klamotten rechts neben sich wahr und sie spürte bereits, wer auf sie zu kam.
Schwarze Schuhe kamen in ihr Sichtfeld, als Karma neben ihr und Lew in die Knie ging.
,,Mia-"
Mit einer schnellen Bewegung hatte er ihr Handgelenk ergriffen, in dessen Hand das Messer kurz vor seinem Auge gestoppt hatte. Er zeigte keine Angst, so hatte sie ihn lediglich verscheuchen wollen. Stattdessen nahm er das Messer in die Hand und wollte es aus ihrem stählernen Griff lösen, während er zu ihr sprach:,,Es bringt nichts. Du warst nie eine, die aus Emotionen heraus gehandelt hat und wenn du es jetzt tust, bist du nicht besser als er."
Mia sah ihn nicht an, sah noch immer starr in das Blau des Mannes unter ihr, während das Beben in ihrem Körper immer mehr zunahm.
,,Wir sind bei dir und werden dir immer helfen. Egal was kommen mag. Du meintest, wir hätten dir gezeigt stark zu sein und das Stärken aus Schwächen bestehen. Und gerade zeigst zu eine große Schwäche, wobei wir dir zeigen müssen aus ihnen stark hervor zu gehen und zu lernen."
Die Worte schienen durchzusickern als das Schluchzen immer schlimmer und die Tränen immer verzweifelter ihren Weg hinunter rollten. Ihre freie Hand krallte sich in das Schwarz der Klamotten von Lew. Karma versuchte erneut das Messer zu entfernen und schaffte es auch, sanft. Alle Augen waren auf sie gerichtet, so wusste jeder, dass die Bombe jederzeit explodieren und einen für sie unbekannten Schaden anrichten könnte.
Als er es vollkommen aus ihrer Hand entfernt hatte, die auch danach noch vor seinem Gesicht in der Luft hing, stets mit einem Blick in ihr von losen Haaren verdecktes Gesicht, warf er es schnell Nagisa zu, der es selbst einsteckte.
Dann sah er wieder zu Mia, dessen Tränen die Brust des Mannes leicht durchnässt hatten und nahm sanft ihr Handgelenk in die Hand. Er berührte sie zart, als sei sie ein seltenes Objekt, das leicht zerbrechen könnte und versuchte so ruhig es nur ging an sie zu kommen. Mit kurzen Blicken stellte er sicher, dass sie keine weitere Waffe bei sich trug. Aber selbst wenn, es war ihm egal. Alles was er wollte, war Mia von diesem Typen weg zu bekommen. Er schien eine derart unausstehliche Aura auf sie auszustrahlen, sodass sie vergaß, wer sie eigentlich war.
Nach ihrer Geschichte konnten alle ihre Blutlust verstehen, aber es wäre falsch sie auf diese Weise anzuwenden. Und nach ihrer Geschichte hatte Karma nicht mehr spaßen können, tat ihm ihre Geschichte viel zu sehr weh und er wollte sie um alles in der Welt beschützen. Vor sich selbst und allem anderen.
So beugte er sich vor, ihr Handgelenk noch immer haltend, und legte den anderen Arm um ihren Bauch, darauf bedacht keine Rippe zu stark zu belasten. Langsam zog er sie von Lew runter und mit jedem Zentimeter schien sie heftiger zu weinen und mit sich zu kämpfen, ob sie sich von Karma leiten lassen oder den Blauäugigen mit bloßen Händen erwürgen wollte. Doch er war unnachgiebig, zog sie immer mehr zu sich, bis auch der letzte Abstand durchbrochen war und sie in seinen Schoß glitt. Ein herzzerreißendes Weinen durchbrach in dem Moment die Stille, in der Karma das zusammengerollte Mädchen in seinem Schoss und feste in seinen Armen sanft hin und her wiegte, dabei immer beruhigende Worte sprechend.
,,Shhh.", machte er immer wieder, während die Klasse nicht anders konnte, als zuzusehen, wie der Teufel selbst den gefallenen Engel in seinen Armen von einer Sünde abhielt. Und es war ihm egal. Egal, dass er seine größte Schwäche zeigte. Nichts konnte ihm mehr egal sein als in dem Moment seine Gefühle zu offenbaren. Er hatte Angst um diesen Engel in seinen Armen.
Er legte seine Wange auf ihre Stirn, streichelte über ihren Rücken, wiegte immer wieder sanft von einer Seite zur anderen und gab dem Mädchen den Schutz, den sie nie bekommen hatte. Ihre Hand krallte sich in seine schwarze Jacke, während ihre Tränen sein weißes Hemd durchnässten. Nie hatte sie Tränen verdrückt, die so immens waren, dass es sie selbst und ihn gleichzeitig zum schütteln brachte. Alles brach wieder in ihr zusammen. Alle Erinnerungen, alle Schmerzen, alle Taten, all das Blut und all die Manipulationen kamen wieder hoch und sie machte sich frei.
Das hieß es zu leben. Emotionen zu zeigen, impulsiv zu sein und falsche Dinge zu tun. Wichtig ist es, dass man wieder auf den richtigen Weg zurück findet. Man kann nur wirklich gut sein, wenn man böses getan hat und etwas Gutes zu tun sich besser anfühlt. Und das versuchte Mia nun, war beinahe in die alte Falle ihrer Organisation getreten und hätte sich ins Aus geschossen. Doch solange Karma da war, würde dieser es nicht zulassen, dass sie sich selbst verletzte.
,,Wir werden jetzt jeden von euch nach und nach gehen lassen, da die Polizei sowieso nicht gegen euch vorgehen kann. Ihr habt keinen Grund mehr sie zu töten und werdet euch umgehend auf den Weg zurück machen. Und solltet ihr jemals wieder versuchen in ihre Nähe zu kommen, werden wir da sein und uns zu verteidigen wissen.", sprach Karma mit überraschend ruhiger Stimme laut genug, sodass es jeder hören konnte. Die restlichen Schüler nickten nur und machten sich daran, den ersten frei zu machen. Mit dem Messer von Mia entfernten sie das Klebeband an den Händen, Füßen und dem Mund.
Währenddessen wurde das Weinen in seinen Armen immer leiser, je weniger der Organisation in ihrem Haus blieben. Vermutlich würde sie vor Erschöpfung einschlafen, so wusste er, dass sie in den letzten Wochen weder richtig geschlafen noch gegessen hatte. Sie hatte so viel Anstrengung in ihr Leben gebracht, nur um für ihr Leben zu kämpfen. Er hatte alles unterschätzt. So wie es sich angehört hatte, sollte nur eine Person für sie kommen. Hätte er gewusst, dass mehr kommen würden, hätte er gar nicht erst zugelassen, dass sie derart verletzt werden würde. Und es fühlte sich an wie die größte Niederlage, die er jemals erleben musste. Er hatte das Mädchen im Stich gelassen, dass ihn zum ersten Mal fühlen ließ, was Liebe bedeutete. Eine so starke Emotion, größer noch als die Angst. Und es brachte ihn um den Verstand, dass sie all dem Schmerz hatte erliegen müssen.
Der letzte, der nun aufstand, war Lew und Karma sah vom Boden aus missbilligend zu ihm auf. Tatsächlich sah Lew auf das Mädchen in seinen Armen, schien, als wolle er etwas sagen, als Karma zuvor kam.
,,Gehen Sie einfach. Niemand interessiert Ihre Worte."
Karma konnte nicht einschätzen, ob dieser Mann wirklich Reue zeigte oder einfach das letzte Wort haben wollte. So oder so würde er nicht zulassen, dass dieser Mann auch nur auf der kleinsten Art und Weise Kontakt zu ihr auf nahm.
Und scheinbar reichten die Worte des Jugendlichen, denn wenig später ging auch dieser aus der Tür heraus. Eine andere Option gab es schließlich nicht und so konnte sich der Fremde dran machen, sich um sein eigenes zukünftiges Leben zu kümmern. All der Schmerz war über Mia gefallen, weil der Organisation ein Fehler unterlaufen war, so wie es Karma vorausgesehen hatte.
Karma versuchte in das Gesicht von Mia zu schauen, doch ihr Haar klebte in ihrem Gesicht. Er suchte Nakamuras Blick, die auch sogleich zu ihm kam, sich hinkniete und vorsichtig die Haare aus ihrem Gesicht entfernte. ,,Ihre Augen sind zu. Schläft sie?"
Karma lauschte kurz, während der Körper schwerer als vorher in seinen Armen lag.
,,Ja."
Man half nun Karma dabei aufzustehen, der Mia nicht aus seinen Armen hergeben wollte und ließ sich die Tür öffnen. Draußen warteten bereits Karasuma, Irina und Korosensei, die für den Fall der Fälle hinzugekommen waren. Es war der Wunsch der Schüler gewesen, den Kampf auf sich zu nehmen, um ihre Freundin zu beschützen, doch ein Plan B war nötig gewesen. Immerhin ging es um echte Attentäter.
So lief Karma mit der schlafenden Mia im Arm über die Schwelle hinaus in die pralle Sonne. In der Umgebung lief kaum jemand herum oder sagte zumindest über auffällige Dinge nichts und so kam die Klasse hinterher gelaufen. Mit eisernen Blick lief Karma zu Korosensei, der soeben ein paar äußerliche Checks durchnahm.
,,Ihr Kreislauf ist kollabiert, aber das dürfte nach dem lang ersehnten Schlaf kein Problem mehr sein. Die Rippen müssen dennoch im Krankenhaus begutachtet werden."
Karma nickte nur und sah zu Karasuma, der auch bereits ins Auto stieg.
,,Huh, so wichtig war es ihr also ein normales Leben zu führen, in einer sicheren Welt. Beeindruckend.", kam es gefühlvoll von Irina, die das Mädchen in den Armen des Rothaarigen beobachtete und kurz darauf die Autotür für ihren Schüler öffnete.
Als der Rothaarige bereits dabei war einzusteigen, meldete sich Korosensei erneut zu Wort.
,,Karma. Mach dir keine Sorgen, sie ist allen wirklich sehr dankbar und vor allem dir, da du immer an ihrer Seite warst. Egal auf welcher Art man es betrachtet, du bist vermutlich einer ihrer größten Leidenschaften und gleichzeitig ihre größte Schwäche. Und ich schätze es wäre ihr sehr wichtig, wenn du der erste bist, den sie zu Gesicht bekommt."
Ohne ein weiteres Wort setzte sich Karma behutsam auf den Rücksitz, Irina schloss die Tür und setzte sich zu Karasuma nach vorne. Das Auto hinterließ mitsamt des aufgewirbelten Drecks eine dicke Luft.
Die Schüler der E-Klasse und ihr Oktopus-Klassenlehrer sahen dem schwarzen Wagen hinterher, wie er um die Ecke fuhr. So schnell und doch so dramatisch war der Anschlag auf Mia vergangen und auch wenn jeder froh war, wussten sie nach der Geschichte von Mia nicht was sie sagen sollten. Jeder von ihnen bewunderte das Mädchen für ihre Lebensenergie und sie würden auch nicht weiter nachfragen, was es sonst noch auf sich hatte.
,,Dann lasst uns die Arbeit beginnen.", sagte Nakamura schließlich und wandte sich bereits um. Sie würden sich um das Haus kümmern und ihr Klamotten für das Krankenhaus in wenigen Stunden vorbeibringen. Jeder von ihnen sah nun anders auf das Mädchen, so hatten sie zwar alle als Assassine kennengelernt, aber als fröhliches, energiereiches Mädchen mögen gelernt. Und diese Fröhlichkeit und Energie wollten sie bewahren, so fürchteten sie sich davor, dass das Mädchen nach diesem Aufeinandertreffen nicht mehr die selbe sein würde.
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Just let go.
RomanceAbgeschlossen✅ Mia Young, eine amerikanisch ausgebildete Assassine, wird nach ihrer Zulassung ein Teil der A-Klasse der Kunugigaoka Mittelschule. Doch als Assassine soll sie auch der 3-E dabei helfen ihren Lehrer zu töten und die Erde zu retten. Unb...
