Kapitel 25: Wer bist du?

81 11 11
                                    


"Wow. Ist das mein kleiner Bruder,  den ich da sehe?"
Thor beobachtete Loki stolz.

Dieser grinste und zupfte an dem Schal herum, der locker um seinen blassen Hals lag und seine Augen in noch hellerem Grün erstrahlen ließ.
Manchmal wünschte er sich, dass er tatsächlich so aussehen würde.

"Das letzte Mal als ich diesen Anzug getragen hab, sah ich deiner Meinung aber aus "wie eine Hexe"!"

Thor verdrehte die Augen:"Ich wollt' dich doch bloß ärgern. Aber ich hab' noch eine Bitte..."

"Ja?"

"Bitte...", begann der Donnergott mit strahlenden Augen:"lass mich was mit deinen Haaren machen!"

"Nein."

"Bitte-Bitte? Deine sind noch so lang und schau dir meine an! Das dauert doch Jahre bis die überhaupt bis zu meinen Ohren gehen!"

"Was...Willst du denn machen."

Thor lächelte schief:
"Ich will wissen wie du aussiehst wenn wir das ganze Gel weglassen. Und ich könnte dir eine Strähne flechten, so wie ich es früher hatte. Nicht mehr, keine Angst."

Der Gott des Schabernacks seufzte.
"Na gut. Aber nur weil du noch was bei mir gut hast. Aber ich warne dich: du kannst meine Haare nur solange sie nass sind bürsten. Ich habe ziemliche Locken. Und ich will nicht aussehen wie einer dieser Hunde, die sich die Menschen halten. Die, denen sie immer rosa Schleifen in das Fell hängen und denken es sähe niedlich aus."

Sein Bruder grinste:
"Keine Sorge, du bist auch so schon niedlich."

"Du bist ja sooo witzig, Thor."

****

Mit zusammengezogenen Brauen betrachtete sich Loki im Spiegel.
Das war irgendwie... ungewohnt.

"Bist du dir sicher, Thor? Das ist doch eher deine Frisur, finde ich."

Er zupfte an einer lockigen Strähne, die sich gelöst hatte und ihm, als wäre es so gewollt gewesen, das blasse Gesicht einrahmte.

"Definitiv,  Loki,  definitiv. Das sieht so viel besser aus, als wenn du dir wie gewohnt Morgens einen Eimer Haargel über den Kopf schüttest. "

Loki drehte den Kopf zur Seite und spähte zu seinem Spiegelbild hinüber.
Eigentlich sah das tatsächlich ziemlich gut aus.

"Danke Thor. Ich weiß zwar nicht ob das gerade Eigenlob gegenüber dir oder Kritik gegenüber mir sein sollte, aber danke.
Denkst du ich kann so los?"

"Und wie. Lass uns gehen."

*****

Heimdall, Thor und Loki standen vor Captain Marvels Apartment.
Sie hatte eine Wohnung direkt im Erdgeschoss und die Leute, die an ihnen vorbeiliefen beobachteten sie etwas verwirrt und durchaus auch misstrauisch.
Loki sah zwar halbwegs normal aus, doch Thor und Heimdall wirkten wie einem Fantasyroman über Wikinger entsprungen. Solche Leute wollte man vermutlich nicht in seinem Treppenhaus stehen haben...

"Ihr könnt jetzt gehen. Ich komme klar. Und du, Heimdall, siehst mich doch eh,  wenn ich das will."

"Wenn er das will.", brummte Heimdall leise, drehte sich um und ging.

"Viel Glück", dröhnte Thor mit seiner tiefen Stimme und hastete dann Heimdall hinterher.
Gerade als Loki anklopfen wollte, tippte ihm plötzlich jemand auf die Schulter.

Er drehte sich langsam um, fühlte sich irgendwie ertappt.
Ein kleiner, weißhaariger Mann mit eckiger Sonnenbrille blickte ihn an.

"Ach Sie sind's, hab ich's mir doch gedacht. Sie suchen nach ihr, stimmt's?"

Er klang fröhlich  und etwas belustigt, doch Loki fand das garnicht witzig. Eher gruselig.
Er kannte den Mann, aber dieser sollte ihn nicht kennen. Er sollte sich nicht einmal an Carols und Lokis Begegnung mit ihm erinnern!
Selbst wenn er ihn noch von dem Vorfall hier in New York kannte... woher wusste er denn dann von Carol?!

"Wer sind Sie?!", fragte er leise, als ob der seltsame alte Mann sich in Luft auflösen würde, wenn er lauter sprach.

"Das ist unwichtig. Hängt von der Geschichte ab. Aber ich würde dir raten den Stein zu benutzen."

Er lächelte sein verschmitztes "ich-weiß-mehr-als-du"-Lächeln und deutete auf Lokis Halskette, die man unter dem Seidenschal eigentlich garnicht sehen konnte.

"Aber...", stotterte Loki, nicht sicher was er überhaupt hatte sagen wollen.

Der Mann machte kehrt und humpelte die Treppe nach oben. Loki machte keine Anstalten ihm zu folgen.

"Wohnen Sie hier?", rief er dem Mann noch hinterher und erntete ein fröhliches "Na-hein!" Als Antwort.
Aber wenn er nicht hier wohnte, wieso ging er dann die Treppen hinauf? 

Die verwirrten Gedanken des Gottes wurden unterbrochen, als die Tür, an die er eben noch klopfen wollte mit einem Klicken aufging und Carol beinahe in ihn hineinlief.
Er trat schnell einen Schritt zurück, damit sie sich von ihm, einem scheinbar Fremden, nicht bedroht fühlte.

Sie musterte ihn gelangweilt:"Was wollen Sie. Suchen Sie wen bestimmtes?"

Ihr Stimmton war schroff und genervt. Loki schien keinen gute-Laune-Tag erwischt zu haben.

"Ja. Und zwar Sie.", grinste er, den selbstbewussten Teil seiner Persönlichkeit dazu zwingend, ihm doch bitte in dieser so seltsamen Situation zu helfen.

Er drängte sich vorbei in ihre Wohnung und suchte den Flur nach der Tür zur Küche ab.

"HEY!", rief Carol empört und lief ihm hinterher.
"Was zum Henker wollen Sie?!"
Sie beobachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen.

"Ich? Ich will nur Tee. Wo ist denn Ihre Küche?"

Ihr Blick war in etwa wie der von Thor, als er die Krone abgelehnt hatte: Totalverwirrung.

"Vorne Rechts.", murmelte sie matt und stöckelte ihm hinterher.
In ihrem Kopf musste nun genau so ein Gedankenchaos herrschen wie in Lokis, als er eben den Mann wiedergetroffen hatte.

Er setzte vor sich hinpfeifend Tee auf und spürte ihre misstrauischen Blicke im Rücken. Sie hatte die Küche nicht einmal betreten.
Aber dieses Misstrauen gönnte Loki ihr.
Wenn vor seiner Wohnung plötzlich eine fremde Person stehen würde, wenn er denn eine hätte, wüsste er auch nicht, was er denken sollte.

"Jetzt haben sie ihren Tee.", knurrte Captain Marvel, die ihm wortlos zugesehen hatte, wie er die Tassen zusammengesucht und ihnen beiden eingeschenkt hatte.
Sie rührte ihre Tasse nicht an, als ob sie glaubte, er hätte vor sie zu vergiften.

"Ja. Ich gebe zu, dass das nicht der einzige Grund war, wieso ich hier bin."
Er lächelte und nippte an dem Tee. Wäre er ein Mensch, wäre er bestimmt Engländer geworden.
Er liebte das Getränk einfach.

"No shit, Sherlock", fauchte sie, sichtlich mit der Geduld am Ende.
Der Gott seufzte.
Er musste wohl oder übel den Rat des gruseligen alten Mannes annehmen.

"Ich wollte es Ihnen ehrlich gesagt nicht auf diese Weise beibringen. Ich hatte gehofft es würde reichen, wenn ich Ihnen alles erkläre, aber Sie werden mir nicht zuhören, befürchte ich."

Er nippte ruhig an seinem Tee. Er wusste wohl von Captain Marvels Fähigkeiten und wollte keine Bekanntschaft mit ihnen machen. Heimdall hatte ihm erzählt, dass ihre Unverwundbarkeit nicht ihre einzige übermenschliche Fähigkeit war und sie eines Tages vielleicht so stark werden würde, dass sie ganze Planeten bewegen konnte...

Er beobachtete sie aus dem Augenwinkel und als er sah, dass sie sich etwas entspannte,  da er, der komische Fremde, nur in ihrer Küche stand und Tee trank, wirbelte er herum und drängte sie gegen die Wand.
Die Teetasse  zerschellte auf dem Boden, als er sie in der Hektik fallen ließ.

Carol packte ihn am Handgelenk und er wusste, dass sie keinen Skrupel hatte, ihm dieses einfach zu brechen.

"Tut mir Leid.", flüsterte er und presste ihr die flache Hand auf die Stirn.

______
Das Ende rückt immer näher...

Meinungen?😏

TimeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt