„Müsstest du nicht eigentlich in der Uni sein und wichtigen Anwalts-Kram lernen?", flüsterte plötzlich jemand dicht neben mir und ich ließ vor Schreck das Buch fallen. Karan hockte direkt neben mir und sah mich fragend an, seine Augen glänzten vom Licht der Leselampe. Schnell schaute ich zum Schreibtisch, wo Mr Mortimer immer noch sabbernd schlief.
„Du hast mich erschreckt, Karan", flüsterte ich und der Hauch eines Lächelns spielte um seine Mundwinkel. Ich ertappte mich selbst beim Starren. Er hob das Buch auf, in dem ich gelesen hatte und überflog die Geschichte. Sein Gesichtsausdruck wurde ernst und er sah besorgt zu seinem Großvater am Schreibtisch. Schnell rappelte ich mich auf und nahm ihm das Buch wieder ab, um es heimlich zurück zu legen, bevor Mr Mortimer etwas bemerken würde.
„Was machst du überhaupt hier? Musst du nicht arbeiten oder studieren oder so?", fragte ich Karan dann. Er folgte mir und stand immer noch so nah bei mir, dass ich seinen Atem spüren konnte. Es machte mich verrückt und ich war kurz davor, ihn weg zu schubsen.
„Nein, ich habe heute frei und wollte meinem Großvater helfen. Aber anscheinend hat das jetzt jemand anderes übernommen." Er sah mich streng an, doch es war kein Vorwurf. Es war die Art von Blicken, die mein Vater Lewis zugeworfen hatte, als er mich zum ersten Mal zu einem Date abholte.
„Bitte sag ihm nicht, dass ich heimlich gelesen habe. Ich glaube nicht, dass er sonderlich begeistert wäre", sagte ich und knetete nervös meine Hände. Ich war mir noch nicht sicher, ob Karan mich mochte oder nicht. Eigentlich kannten wir einander überhaupt nicht.
„Ich kann Geheimnisse gut behalten, keine Sorge", sagte er und sah mich prüfend von der Seite an, während ich die Bücher auf den Auslagetischen neu sortierte. „Sie sind immer trauriger. Seine Geschichten, meine ich."
Ich hörte auf mit dem sortieren und sah ihn an. „Früher waren sie heller. Fantastischer."
„Ich mag sie", sagte ich. „Ich mag traurige Geschichten."
Mr Mortimer torkelte auf einmal in den Laden, die rechte Wange ganz rot und die Haare plattgedrückt, ein Handy am Ohr. Mein Handy.
„Einen Augenblick bitte, Moira ist sofort zu sprechen." Verschlafen blickte er sich um, bis er mich uns Karan entdeckte und zu uns schlurfte. Ich trat unbeholfen einen Schritt zurück, denn mir wurde erst jetzt bewusst, wie nahe er mir stand.
„Es ist irgendein Lewis Barrie", flüsterte Mr Mortimer verschlafen und reichte mir das Handy. Ich schluckte nervös, bevor ich es entgegen nahm.
„Wo warst du den ganzen Tag?", fragte Lewis wieder anklagend, als ich unsere Wohnung betrat. Seit dem Telefonat habe ich mir die schrecklichsten Streitgespräche ausgemalt, doch ich hätte es eigentlich besser wissen müssen. Lewis war kein zorniger Mensch. Wenn wir stritten sah er mich immer nur an, mit diesem anklagenden Hundeblick und den starken Argumenten in der Hinterhand. Wie ein richtiger Anwalt.
„Ich war hier und dort", sagte ich ausweichend und kniff die Lippen zusammen.
„Und wieso geht ein alter Mann an dein Handy? Kannst du dir vorstellen, was für einen Schock ich bekommen habe. Ich haben mir die Schlimmsten Dinge vorgestellt, Mo!"
Das schlechte Gewissen schlug mich ins Gesicht und ich zog den Kopf ein, bevor ich Lewis wieder ansah. Seine Brille war ihm halb von der Nase gerutscht.
„Er hat mich um Hilfe gebeten. Er war so freundlich zu mir, ich wollte ihn nicht abweisen."
„Und dieser Mann, dem du einfach so ausgeholfen hast, nennt dich schon beim Vornamen?"
Ich trat einen Schritt näher und griff nach seiner Hand.
„Es tut mir leid, dass ich nicht in der Uni war", sagte ich. „Du weißt, wie ich manchmal sein kann. Heute hatte ich einfach keine Lust, okay. Ich hätte dich anrufen müssen, als ich entschieden habe, nicht zu gehen, aber ich habe es vergessen. Es ist nichts passiert, um das du dir Sorgen machen müsstest, Lewis." Wieder eine Lüge.
Ich schob ihm die Brille wieder auf die Nase und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Doch er schüttelte nur den Kopf und zog seine Hand aus meiner, sah mich verständnislos an.
„Warum willst du mir nicht einfach erzählen, was los ist, Moira?", fragte er leise und ich musste schlucken. Ich wollte ihn nicht so traurig sehen, ich wollte nicht der Grund für seine Sorgen sein. „Manchmal erkenne ich dich überhaupt nicht mehr wieder."
„Lewis, komm schon", bettelte ich, doch er trat einfach einen Schritt zurück und verließ das Zimmer. Ich kniff die Lippen zusammen. Lewis hatte Recht. Ich hatte mich verändert, seit ich Mr Mortimer getroffen hatte. Ich hatte begonnen, mehr und mehr an den Plänen und der Welt meines Vaters zu zweifeln. Bis zu dem Punkt, dass ich meine eigenen Entscheidungen in Frage stellte. Aber warum fiel es mir so schwer, Lewis davon zu erzählen?
Ich weiß, dass er immer nur das Beste für mich wollte.
Deshalb tat meine offensichtliche Ausrede nur noch mehr weh.
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Mr Mortimer
Teen FictionEigentlich wollte Moira nur schnell ein Buch für ihr Jurastudium kaufen, doch der schräge alte Mann und sein vollgestopfter Buchladen lassen sie einfach nicht los. Mr Mortimer und sein gutaussehender, theaterbegeisterter Enkel schaffen es, Moira in...
