Tag 10 einer ungewöhnlichen Freundschaft

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Mr Mortimer war ein wunderbarer Vorleser, seine Stimme ruhig und weich. Als er seine Geschichte endete, wischte ich mir unbemerkt eine Träne aus dem Augenwinkel.

„Es ist eine sehr schöne Geschichte", sagte ich dann und er lächelte mich an. „Sie sollten noch einmal versuchen, sie verlegen zu lassen."

„Sagtest du nicht gerade eben noch, Schriftstellerei sei unvernünftig und eine brotlose Kunst?"

Beschämt sah ich zu Boden und schwieg.

„Moira, ich kann deine Entscheidung verstehen. Ich selbst habe viel gearbeitet, weil ich kein Geld mit dem verdient habe, was ich gerne tue. Aber das wichtigste ist doch, dass man glücklich ist, mit dem was man tut. Und dieser Laden hier macht mich glücklich, auch wenn mein Traum nicht wahr geworden ist." Er sah mich eindringlich an und ich musste schlucken. Vermutlich hatte er Recht.

„Aber denken Sie nicht, Sie sollten für Ihre Träume kämpfen? Es noch einmal versuchen?", fragte ich.

„Das wichtigste ist doch, Moira, dass du in meinem Alter hier sitzen und sagen kannst, dass du nicht bereust, was du getan hast. Für meine Träume ist es vielleicht schon zu spät. Aber die Frage, um die es hier eigentlich geht ist doch: Kannst du ein Leben lang mit der Entscheidung, Anwältin zu sein, glücklich werden? Oder lohnt es sich für dich, deine richtigen Träume zu verfolgen?"

Ich half Mr Mortimer, die neue Lieferung in die bereits heillos überfüllten Regale zu stopfen, ohne zu reden. Er hatte mich nachdenklich gestimmt. Seinem Gesichtsausdruck nach zu folgern war genau das auch seine Absicht gewesen.

Als ich gerade allein im Laden war, weil Mr Mortimer noch im Lager war, klingelte das Glöckchen an der alten Tür und ein junger Mann schob sich zur Tür herein, die Haare feucht vom Schneeregen. Ich konnte ihn nur anstarren. Er sah aus, als sei er einer Geschichte aus Tausend-und-einer-Nacht entstiegen, wie ein verlorener Prinz, mit brauner Haut und weichen, schwarzen Haaren.

„Hast du dich verlaufen?", fragte er mich plötzlich und ich blinzelte mich aus der Starre.

„Wie bitte?"

Er zog seinen Mantel aus und warf ihn achtlos auf einen Sessel, dann kam er näher zu mir. „Ich fragte, ob du dich verlaufen hast. Wenn du die Einkaufsstraße suchst, bist du hier ziemlich falsch."

Verwirrt starrte ich ihn an. Seine braunen Augen hatten goldene Flecken um die Pupille. Ich schluckte.

„Bist du etwa ein Tourist? Wahrscheinlich verstehst du mich gar nicht, typisch. Na los, mach die Fotos und hau wieder ab."

„Was? Wovon redest du überhaupt?", fragte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe mich nicht verlaufen, vielen Dank auch. Ich helfe dem Ladenbesitzer aus. Und wer bist du überhaupt?"

Jetzt war er derjenige, der verwirrt war. Gerade in diesem Moment kam Mr Mortimer zurück in den Laden.

„Ah, Karan. Du brauchst Moira nicht so anzumeckern, nur weil sie nicht der typischen Altersgruppe meiner Kunden entspricht."

Er legte dem Jungen die Hand auf die Schulter und sah mich lächelnd an.

„Moira, das ist mein Enkel, Karan Mortimer. Und das hier ist meine Freundin Moira McKenzie."

Karan schaute mich mit großen Augen an.

„McKenzie? So wie das Hotel?" Ich nickte verlegen.

„Das Hotel gehört meiner Mutter."

„Was macht ein Mädchen wie du denn mit meinem Großvater?", fragte er wieder und sah zwischen uns hin und her. Mr Mortimer gab ihm einen leichten Klapps auf den Hinterkopf.

„Na, wo sind deine Manieren geblieben, Junge? Stell keine dummen Fragen, sondern hilf Moira und mir lieber mit den neuen Büchern."

Entschuldigend lächelte er mich an und ich lächelte unwillkürlich zurück. Dann dachte ich an Lewis und das Lächeln verschwand wieder.



Mr MortimerGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt