Mr Mortimers Geschichten: Die Dienerin

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Es war einmal ein Mädchen, das dazu geboren worden war, die Wünsche anderer zu erfüllen. Sie war darauf spezialisiert, die Gesichtsausdrücke ihrer Mitmenschen genau lesen zu können, sodass sie in der Lage war, genau zu wissen, was sie wollten. Und die Dienerin erfüllte diese Wünsche dann auch. Und wie es sich für eine gute Dienerin gehört, waren ihre eigenen Wünsche hinter den Wünschen ihrer Arbeitgeber angereiht. Jedoch war die Liste der Wünsche anderer so lang, dass sie, wenn sie abends in ihr Bett fiel, nicht einmal mehr die Kraft hatte, über ihre eigenen nachzudenken. Sie schlief sofort ein. So war es jeden Abend, denn jeden Tag musste die Dienerin so viele Wünsche erfüllen, dass sie irgendwann aufhörte zu zählen. Und genau so wie es sich für eine gute Dienerin gehörte, war kein Wunsch zu blöd, um von ihr erfüllt zu werden. Sie kochte das Lieblingsessen ihrer Arbeitgeber, schrubbte den Boden so blank, dass man sich darin spiegeln konnte und drückte die Kerzen mit der flachen Hand aus, weil ihr Arbeitgeber gerne sehen wollte, was passieren würde. Sie tat all dies und ignorierte die Schwielen an ihren Händen und die Brandwunden auf ihren Handflächen. Auch ihr Arbeitgeber ignorierte es. Niemand hinterfragte die Handlungen der Dienerin und niemand interessierte sich dafür, ob sie glücklich war, denn das war nicht die Aufgabe einer Dienerin. Oft hörte sie Geschichten von anderen Dienern, die ebenfalls schlecht von ihren Arbeitgebern behandelt wurden. Diese Diener jedoch hatten sich gewehrt, hatten ihre Arbeitgeber zurückgeschlagen, waren weggelaufen und hatten sich ein eigenes Leben aufgebaut. Auch die kleine Dienerin wünschte sich ein eigenes Leben, doch sie besaß niemals den Mut, diese Bitte ihrem Arbeitgeber gegenüber zu äußern, denn sie hatte gelernt, dass seine Entscheidungen die richtigen waren und dass er genau wusste, was gut für sie war.

Als der Arbeitgeber eines Tages von ihr verlangte, den unverschämten Gärtner zu entlassen, musste die Dienerin weinen, denn sie hatte den Gärtner sehr lieb. Doch, wie es sich für eine gute Dienerin gehörte, befolgte sie den Auftrag und musste zusehen, wie ihr einziger Freund seine Sachen packte und verschwand. Ihr Arbeitgeber bemerkte nicht, wie unglücklich sie war, denn er war nur daran interessiert, dass sein Leben gut war. Er ließ die kleine Dienerin immer härter schuften, denn er wollte ein großes Fest feiern und alle sollten sehen, wie schön sein Anwesen war. Dass die kleine Dienerin eine Lungenentzündung hatte und sich bei der Arbeit kaum noch auf den Beinen halten konnte, bemerkte er nicht. Und die Dienerin selbst sagte auch keinen Ton. Sie hatte gelernt, still zu sein. Sie hatte gelernt, dass ihre eigenen Wüsche nicht wichtig waren und auch niemals wichtig sein würden. Und während der Arbeitgeber sein Fest feierte und sich alle Gäste in dem glänzenden Boden spiegelten, legte sich die kleine Dienerin auf ihre Matratze, schloss die matten Augen und wachte nie wieder auf.


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