Tag 1 einer ungewöhnlichen Freundschaft

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„Wie lange sitzt du schon an diesem Aufsatz?", fragte Zoe skeptisch und nippte an ihrem Tee. Ihr warmer Atem kitzelte in meinem Nacken, als sie sich über meine Schulter beugte. Ich atmete tief durch und kaute auf meinem Stift herum. Eine schlechte Angewohnheit seit des Studienbeginns.

„Seit einer Woche", murmelte ich.

„Und wann war Abgabetermin?"

„Vor zwei Wochen."

„Moira", sagte Zoe vorwurfsvoll und ich lächelte entschuldigend. „Du kannst nicht jetzt schon anfangen, so mit den Hausarbeiten hinterher zu schleifen."

„Ich weiß doch", seufzte ich und starrte auf den provozierend blinkenden Strich auf meinem Computer.

„Wenn Papa davon erfährt wird er dich wieder zu sich nach Hause holen, oder dir einen Nachhilfelehrer aufbrummen, Mo."

„Warum flüsterst du? Es ist doch niemand hier?", fragte ich und sah mich in der immer noch nicht komplett eingeräumten Küche um. „Und außerdem, was die Sache mit dem Nachhilfelehrer betrifft..."

Zoes Augen weiteten sich ungläubig und ich fürchtete schon, sie würde ihren Tee über mich kippen.

„Das ist nicht dein Ernst!" Jetzt schrie sie. Was war nur los mit diesem Mädchen?

„Ich weiß. Es ist alles schwieriger als ich erwartet hatte", gestand ich und biss mir auf die Lippe. Ich sollte jetzt besser nichts Falsches sagen. „Mach dir keine Sorgen, Zoe. Es ist sicherlich nur vorrübergehend, bis ich mich besser eingewöhnt habe, in der Uni und der neuen Wohnung und das alles. Ich bekomme das in den Griff. Wir McKenzies schaffen doch immer alles, was wir uns vornehmen."

Wenn ich selbst davon überzeugt gewesen wäre, hätte ich vielleicht auch meine Schwester überzeugen können. Doch sie schaute mich nur an, mit ihrem immer präsenten, kritisch-skeptischen Blick.

Nach weiteren zehn Minuten, in denen ich mit Mühe und Not dreißig Wörter auf das Papier brachte, stand ich auf und zog mich an.

„Moira?", fragte Zoe, die in der Ecke saß und in einem Modemagazin blätterte. „Was hast du vor? Du bist doch bestimmt noch nicht fertig?"

„Nein, ich brauche eine Pause, ich gehe ein bisschen spazieren. Sonst fällt mir die Decke noch auf den Kopf."

„Was, jetzt?", fragte sie wieder.

„Ja, genau jetzt", antwortete ich schnippischer als ich eigentlich wollte. Es war schließlich nicht ihre Schuld, dass ich in Hausaufgaben zu ertrinken drohte, die mich kein Stück interessierten.

„Und was soll ich dann machen? Was, wenn Lewis nach Hause kommt, bevor du zurück bist?"

Ich zog amüsiert die Augenbraue hoch. „Lewis wird dich schon nicht beißen, Schwesterchen. Du könntest zur Abwechslung einmal mit ihm reden. Dann würdest du ihn endlich mal besser kennenlernen."

Seit dem ersten Besuch vor einer Woche, hatte ich bewusst einen großen Bogen um Mr Mortimers Laden gemacht. Ich hatte so viel zu tun, da konnte ich mich wirklich nicht ablenken lassen.

Und dennoch stand ich jetzt hier, mit der Hand auf der kalten Messingklinke. Und ich trat ein.

Wieder umhüllte mich der angenehme Geruch von Papier und Binderleim, und es sah beinahe so aus, als wären die Stapel seit meinem letzten Besuch gewachsen. Die Glocke an der Tür bimmelte, als sie zufiel, doch niemand reagierte.

Langsam schlich ich durch den Laden, gab vor, nur zu schauen, obwohl ich ganz bewusst zu der Ecke mit den Klassikern schlenderte.

„Was für eine Überraschung", sagte plötzlich jemand und ich zuckte erschrocken zusammen und warf beinahe den sorgfältig ausbalancierten Bücherturm hinter mir um. Mr Mortimer stand ganz ruhig mit einem freundlichen Lächeln auf den faltigen Lippen neben mir.

Mr MortimerGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt