Tag 118 einer ungewöhnlichen Freundschaft

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Als meine Mutter und Zoe die Wohnung betreten hatten, saß ich immer noch verstört zwischen den kokelnden Resten meiner zerschmetterten Träume.

Sie hatten mir geholfen, den Müll zu entsorgen, und eines meiner zerfledderten Lieblingsbücher nach dem anderen in die Tonne geworfen. Lewis war nicht zurückgekommen, doch er hatte mir wenigstens eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Er blieb vorübergehend bei seiner Familie an der Küste, bis ihm klar war, was er von meinem Verhalten denken sollte.

Zoe und meine Mutter drängten mich, mit meinem Vater zu reden, doch das traute ich mir nicht zu. Dafür war mein Selbstbewusstsein zu sehr ramponiert. Deshalb beschloss ich, Widergutmachung zu leisten, indem ich wieder zur Uni ging und meine Hausaufgeben abgab, auf Papier natürlich, denn einen Computer hatte ich ja nicht mehr. Manche hätten den Ausraster meines Vaters vermutlich als Anreiz genommen, jetzt erst recht mit dem Schreiben anzufangen. Ich weiß, dass meine Schwester das von mir erwartete. Doch so war es bei mir nicht. Da ich ohnehin schon verunsichert war durch die drei Absagen, die ich in den letzten Wochen erhalten hatte, war dieses Erlebnis genug gewesen, um mir zu zeigen, dass ich nicht gut genug war. An Mr Mortimer und Karan dachte ich ununterbrochen, doch ich ging nicht zu ihnen. Erst, als die vierte Absage meiner Geschichte in meinem Briefkasten landete, beschloss ich, zu ihm zu gehen und mich zu verabschieden, auch wenn es mir das Herz brach.

Paradoxerweise war es ein wunderschöner, sonniger Tag, als ich die knarrende Tür seines Ladens aufschob. Wie üblich waren keine Kunden da und Mr Mortimer saß in eine Zeitung vertieft hinter dem Tresen und schlürfte seinen Tee. Als er mich sah, rutschte ihm seine Brille von der Nase.

„Moira! Du siehst ja grauenhaft aus." Er schlurfte mit der gefalteten Zeitung unterm Arm zu mir herüber und legte mir die Hände auf die Schultern. Mit zusammengebissenen Zähnen sah ich ihn an. Er hatte dunkle Schatten unter den Augen und seine Haare waren noch weißer geworden, als ich sie in Erinnerung hatte.

„Sie sehen auch nicht viel besser aus", antwortete ich mit einem schwachen Lächeln.

„Ja, mein Dach hat ein Leck und gestern Nacht hat es an den unmöglichsten Stellen hereingetropft. Ich habe kaum ein Auge zugetan. Aber ich habe etwas geschrieben und ich wollte, dass du die erste bist, die es liest." Er drückte mir ordentlich gefaltete Zettel in die Hand, doch ich stopfte sie einfach in meine Jackentasche.

„Das mit ihrem Dach tut mir leid."

„Quatsch, es ist ja nicht deine Schuld, dass es so gestürmt hat, nicht wahr? Komm, setzt dich. Ich mache uns Tee." Er war schon dabei, wieder zu seiner Teekanne zu schlurfen, als ich ihn zurückhielt.

„Eigentlich wollte ich mit Ihnen reden, Mr Mortimer. Und wenn möglich, auch mit Karan." Ich sah ihn ernst an und er runzelte die faltige Stirn.

„Warum bekomme ich das Gefühl, dass mir das Gespräch nicht gefallen wird?", murmelte er und ich schaute auf meine Füße.

„Bitte, Mr Mortimer. Ist er hier?", fragte ich. Er seufzte und rief nach Karan. Sofort kam er aus dem Hinterzimmer gestolpert, drei Bücherkartons in den Armen. Als er mich sah, ließ er sie mit einem ordentlichen Rums fallen, doch ausnahmsweise rastete Mr Mortimer nicht aus, weil jemand seine Bücher nicht richtig behandelte.

„Moira", sagte Karan und sah mich unsicher an. „Ich dachte schon, du kommst nie wieder." Doch sein zaghaftes Lächeln verschwand sofort wieder, als er meinen ernsten Ausdruck sah.

„Ich muss mit euch reden. Über das, was letztens passiert ist."

Mr Mortimer schlurfte voran, auf die kleine Sitzecke zu. Karan war zu mir gekommen, hatte mich lange angesehen, zögerlich die Hand nach meiner ausgestreckt und dann doch wieder zurückgezogen. Ich starrte nur auf meine Füße, denn ich brachte es nicht fertig, ihn anzusehen. Dann hätte ich meine Entscheidung vielleicht doch noch geändert. Erst als wir saßen, schaute ich den beiden ins Gesicht.

Mr MortimerGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt