Wieder und wieder las ich die Zeilen und das Atmen fiel mir schwer. Wie konnte es sein, dass er eine Geschichte schrieb, die so sehr zu meiner Lebenssituation passte und dann auch wieder überhaupt nicht? Natürlich wusste ich, was er mich damit sagen wollte. Ich sollte nicht den gleichen Fehler machen, wie die kleine Dienerin.
„Hey, ist alles in Ordnung mir dir?", fragte der Junge neben mir dann und legte mir eine Hand auf den Oberarm. Erschrocken zuckte ich zusammen und starrte ihn an. Er hatte besorgt die Augenbrauen hochgezogen. Erst dann bemerkte ich, dass ich weinte.
„Weil man seine Freunde nicht im Stich lässt, egal was passiert. Und weil man für einander einsteht ohne einander zu verurteilen. Dafür sind Freunde schließlich da", sagte die Professorin unten und es fühlte sich an, als würde sie ein Messer direkt in mein Herz rammen. Sie hatte Recht, auch wenn sie überhaupt nicht von Mr Mortimer, Karan und mir sprach. Und doch war es, als hätte jemand mich wachgerüttelt.
„Was mache ich hier eigentlich?", flüsterte ich und starrte wieder auf die Geschichte in meinen Händen.
„Du wolltest nachsehen, ob du ein Kaugummi für uns hast, schon vergessen?", fragte der Junge wieder und ich sah ihn verständnislos an.
„Das ist doch jetzt überhaupt nicht wichtig", fuhr ich ihn an und er zuckte zusammen.
„Ich glaube sie ist auf Drogen, fragen wir lieber jemand anderen", sagte der Junge neben mir zu seiner Freundin und blickte mich verwirrt von der Seite an. Ruckartig stand ich auf, stopfte so schnell wie möglich meine Sachen in meinen Rucksack und verließ den Hörsaal. Ich kam nie wieder zurück.
Wie eine Powerwalkerin hastete ich durch die Stadt und ignorierte die Seitenstiche, die mich daran erinnerten, dass ich keine sportliche Person war. Doch als ich Mr Mortimers Buchladen endlich erreichte, blieb ich abrupt stehen. Der Laden war geschlossen, dabei war es Mittwochnachmittag. Vielleicht war er krank. Ich wollte mich schon auf den Heimweg machen, als ich den gelben Zettel an der Scheibe entdeckte.
ZU VERKAUFEN.
Ich traute meinen Augen nicht und presste meine Stirn gegen die Scheibe, doch ich konnte herzlich wenig erkennen. Im Laden war es dunkel, staubig und verlassen. Wie lange war er wohl schon geschlossen? Und warum wollte Mr Mortimer ihn verkaufen? Wie der Wirbelwind stürmte ich in das Dudelsackfachgeschäft nebenan und bedrängte den überforderten Praktikanten hinter der Kasse.
„Wie lange steht der Buchladen schon zum Verkauf? Und wissen Sie, was mit Mr Mortimer ist? Ich muss dringend mit ihm sprechen!"
„Tut mir leid, ich weiß nicht, warum der Laden zu verkaufen ist. Und was den alten Mann angeht, ich kenne ihn nicht und mein Chef kommt erst in ein paar Tagen aus dem Urlaub zurück. Ich bin nur die Vertretung."
„Das war ja wieder klar", murmelte ich frustriert und verließ den Laden ebenso stürmisch wie ich ihn betreten hatte. Nach kurzem Überlegen entschied ich dann, zum Theater zu fahren. Ich hoffte, Karan dort zu treffen. Er wusste bestimmt, warum der Laden schloss.
Doch als ich am Theater ankam, wurde ich erstmal wirsch vom Sicherheitspersonal aus dem Bühnenbereich geschoben.
„Bitte, hören Sie mir zu. Ich muss dringend mit jemandem sprechen. Karan Mortimer, er arbeitet hier."
„Dann muss er Sie abholen kommen, junge Dame. Sie können nicht einfach hier hereinspazieren, wie es Ihnen gerade passt."
„Bitte, es ist wirklich wichtig", flehte ich, doch der Mann sah mich nur streng an. Frustriert warf ich die Arme in die Luft. Genau in diesem Moment kam ein Mädchen zu uns herüber, die ich als eine Mitarbeiterin von Karans Kulissenbauern erkannte.
„Ist alles in Ordnung?", fragte sie und sah mich an.
„Die junge Dame hier versteht nicht, dass nicht alles nach ihrer Pfeife tanzt."
„Hey", sagte ich und sah den Sicherheitsdienstbeamten an. „Du bist doch eine Kollegin von Karan, oder?"
Das Mädchen nickte und ich schloss erleichtert die Augen.
„Tut mir leid, dass ich hier so reinplatze, aber es ist wirklich sehr wichtig. Ich muss mit Karan sprechen, ist er zufällig in der Nähe?", fragte ich hoffnungsvoll. Entschuldigend sah das Mädchen mich an.
„Tut mir leid, aber er ist schon seit zwei Wochen nicht mehr hier gewesen."
„Ist er im Urlaub?", fragte ich, doch sie schüttelte mit ernster Miene den Kopf.
„Nein, soweit ich weiß ging es um seinen Großvater."
„Ist er etwa krank?", fragte ich und spürte ein dumpfes, graues Gefühl, das sich in meiner Magengegend ausbreitete. Und der nächste Satz fühlte sich an wie ein Faustschlag ins Gesicht.
„Nein. Sein Großvater ist leider verstorben."
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Mr Mortimer
Teen FictionEigentlich wollte Moira nur schnell ein Buch für ihr Jurastudium kaufen, doch der schräge alte Mann und sein vollgestopfter Buchladen lassen sie einfach nicht los. Mr Mortimer und sein gutaussehender, theaterbegeisterter Enkel schaffen es, Moira in...
