Ich hatte nicht gedacht, dass es mir so schwer fallen würde, mich von Mr Mortimer und Karan fern zu halten, für mittlerweile mehr als einen Monat. Und was noch schwerer war, war die Tatsache, dass weder Mr Mortimer noch Karan versuchten, Kontakt zu mir aufzunehmen. Aber nach einiger Zeit gewöhnte ich mich daran, dass mein Leben langsam wieder so wurde, wie es vorher gewesen war. Uni, Lernen, Hausaufgaben, Familienessen. Auch Lewis war zurückgekommen, auch wenn wir uns stillschweigend darauf geeinigt zu haben schienen, langsam wieder eine Freundschaft aufzubauen, bevor es mehr werden konnte. Ich konzentrierte mich darauf, einen guten Eindruck bei meinen Lehrern zu vermitteln und mich bei meinen Eltern einzuschleimen. Mein Vater war froh, dass ich anscheinend wieder geheilt war, doch das war alles nicht wahr. Es fühlte sich an, als würde ich innerlich zerfressen werden. Einmal erwischte ich mich dabei, wie ich an der Ecke zu Mr Mortimers Laden stand und zwang mich dazu, wieder umzukehren. Und es wurde besser. Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Und meine Anwesenheit in der Uni heilte die Wut meines Vaters, sodass er mir letzte Woche einen neuen Computer geschenkt hatte. Zoe und ihr skeptischer Blick waren immer präsenter geworden, nachdem mein Vater sein „Machtwort" gesprochen hatte und sie fragte mich immer wieder danach, ob ich schreiben würde. Ich sagte nein, auch wenn das nicht ganz der Wahrheit entsprach. Abends schrieb ich, ganz wenig nur und auch nichts, wofür ich mir große Mühe gab. Ich schrieb über Mr Mortimer. Es war wie Therapie und es half mir ihn ein bisschen zu vergessen. Ihn, seinen wunderbaren Laden, seine traurigen Geschichten und seinen Enkel mit den samtweichen Augen. Nur manchmal lag ich wach im Bett, allein, weil Lewis im Wohnzimmer schlief, starrte an die Decke und dachte an Karan.
„Heute lernen wir etwas darüber, wie eine Zeugenaussage klug eingesetzt werden kann, um die Geschworenen für euren Mandanten zu gewinnen. Indirekt ist das Manipulation, aber wir werden heute mal besprechen, wie so
etwas aussehen kann, ohne dass es gegen irgendwelche Richtlinien und Gesetze verstößt", fing die Professorin an und ich starrte auf meinen Notizblock. Die Vorlesungen zogen sich unerträglich und ich konnte mich einfach nicht konzentrieren. Meine Gedanken schweiften immer ab und wenn ich dann wieder zuhörte, wusste ich schon gar nicht mehr, worum es eigentlich ging. Aber der zufriedene Blick meiner Eltern war es mir wert, die Langeweile auszuhalten.
„Also", redete die Professorin weiter und ich seufzte. „Wenn ihr einen Mandanten vertretet, der in Körperverletzungsanklagen verwickelt ist, sucht ihr am besten einen Zeugen, der die Persönlichkeit des Mandaten gut beschreiben kann und ihn für unschuldig hält. Beispielsweise einen alten Freund."
Und dann schaltete ich ab, nahm meinen Kuli und malte kleine Fische auf mein Blatt. Plötzlich stupste mein Sitznachbar mich an und mein Stift verrutschte. Sauer blickte ich ihn an und er zog nur die Augenbrauen hoch und schielte auf mein Blatt.
„Was?", fragte ich unhöflich und er hob beschwichtigend die Hände.
„Ich wollte nur fragen, ob du Notizen gemacht hast, die ich fotografieren könnte." Mit einem abschätzigen Blick auf mein Blatt sagte er dann: „Aber vergiss es, ich frage einfach jemand anderen."
Ich schnaubte und versuchte, meine Aufmerksamkeit wieder auf die Professorin zu richten, die jedoch mittlerweile über das Ökosystem See sprach. Wann war der Themenwechsel gekommen? Und was hatte das mir Jura zu tun? Also widmete ich mich wieder meinen Fischen.
„Aber spekuliert man heute nicht auch darüber, ob Lewis Carroll pädophil gewesen ist?", sagte plötzlich ein Mädchen eine Reihe vor mir und ich zuckte zusammen und schaute auf.
„Darüber gehen die Meinungen auseinander", sagte die Professorin. „Aber damals war es auch normal, Fotos von nackten Kindern zu machen. Heute ist das natürlich in unseren Kulturkreisen undenkbar. Aber Lewis Carroll gehört gerade auch nicht zum Thema."
„Und das Ökosystem See schon?", murmelte ich und blickte wieder auf mein Blatt. Doch automatisch dachte ich an Mr Mortimer, wie er auf dem Hocker saß, die Brille auf der Nasenspitze, die Haare vom Kopf abstehend, und das Buch reparierte, das er mir Geschenkt hatte. Es war eines der wenigen Bücher, die den Wutausbruch meines Vaters überlebt hatte, weil ich es in meiner Nachttischschublade aufbewahrt hatte. Mein Magen zog sich zusammen und ich musste schwer schlucken. Ich schloss die Augen und sah Mr Mortimer vor mir, so echt, als könnte ich nur die Hand ausstrecken und ihn anfassen. Und in dem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als einfach wieder in den Laden zu gehen und mit ihm zu reden.
Dann wurde ich wieder von meinem Nachbar angestupst und das Bild von Mr Mortimer verschwand aus meinem Kopf. Genervt öffnete ich die Augen und drehte mich zu ihm um.
„Was willst du denn jetzt schon wieder?"
„Hast du vielleicht ein Kaugummi für mich und meine Freundin?", fragte er und deutete auf das Mädchen neben sich. Ich atmete tief durch, kramte dann aber doch in meiner Jackentasche.
„Ich glaube schon, warte kurz", murmelte ich. Doch als ich die Hand in die Jackentasche steckte, war es keine Kaugummipackung, die ich berührte, sondern ein paar zerknüllte Zettel. Ich runzelte überrascht die Stirn und zog sie heraus, um sie auseinanderzufalten. Als ich die Schrift darauf erkannte, stockte mein Atem und ich bewegte mich erst einmal nicht. Sofort sah ich ihn wieder vor mir. Mr Mortimer und seine Geschichten.
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Mr Mortimer
Teen FictionEigentlich wollte Moira nur schnell ein Buch für ihr Jurastudium kaufen, doch der schräge alte Mann und sein vollgestopfter Buchladen lassen sie einfach nicht los. Mr Mortimer und sein gutaussehender, theaterbegeisterter Enkel schaffen es, Moira in...
