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Weg, sie musste einfach nur weg. Das war der einzige Gedanke, der in ihrem Kopf herum geisterte, nein, nicht geisterte...ihre innere Stimme schrie sie an und verlangte die Flucht. Immer wieder spürte sie, wie innerlich alles in ihr aufschrie und dieses heuchlerische Getue, die angeblich edle Gesellschaft und den Druck, den man ihr aufzwang nicht mehr ertragen konnte. »Wie kannst du es wagen!?«, fluchte Cal als er die Tür hinter sich zu zog und Rose bis in ihr Zimmer zurück gefolgt war. »Du bist meine Verlobte und schon bald meine Frau. Ich werde es nicht dulden, dass du dich so am Tisch verhältst und mich lächerlich machst!«
Rose wusste kaum wie sie reagieren sollte, da es egal war. Völlig egal, wie sie sich verhalten würde, es wäre nicht genehm, da sie einfach kein stilles Mäuschen war, das zu allem nur nickte und ihre eigenen Gedanken für sich behielt, wenn es nicht der Norm entsprach.
Nur, weil sie dem eingebildeten Gerede von Ismay nicht länger zuhören wollte und ihn indirekt verspottet hatte, erntete sie natürlich sofort das Missfallen am Tisch. Sie dachte gar nicht daran sich zu entschuldigen und flüchtete auf das Oberdeck, doch Cal hatte sie zu ihrer Überraschung verfolgt, um sie zur Rede zu stellen.
»Was willst du von mir hören Cal? Wenn du eine Frau möchtest, die nur stumm neben dir sitzt und alles über sich ergehen lässt, hättest du dir eine Puppe aussuchen sollen. Ich werde nicht vor dir Rechenschaft ablegen.« Sie konnte ihm ansehen, wie erzürnt er war, aber selbst wenn er sie schlagen sollte war ihr das egal, denn auch das würde nichts ändern.
Er wusste selbst nicht wie er reagieren sollte. Zuerst wirkte es, als wollte er auf sie zugehen, doch dann blieb er stehen, starrte sie weiterhin an und räusperte sich. »Du missverstehst mich. Meinetwegen kannst du deine Gedanken ruhig mit allen teilen, aber ich werde es nicht länger zulassen, dass du mich vor allen blamierst. Wir genießen einen gewissen Ruf, ich möchte nicht, dass dein freches Mundwerk das ändert.« Auch wenn er ruhiger sprach als zuvor, konnte sie eine gewisse Drohung deutlich heraus hören.
Rose sagte dazu nichts mehr, sie ging nur an ihm vorbei, ließ die Tür ins Schloss fallen und suchte sich einen anderen Raum, in dem sie sich zurück ziehen konnte. Es gab viel worüber sie nachdenken musste und das wollte sie lieber allein tun.
Als sie aus ihrem Zimmer rannte, bemerkte sie erst, dass es bereits dunkel geworden war. Sie hatte mehr Zeit damit verbracht sich einen Ausweg zu überlegen als ihr klar war und war schließlich zu dem Entschluss gekommen, dass es nur ein mögliches Ende für sie gab. Es würde nicht aufhören, man würde ihr niemals die Freiheit gewähren ihrem goldenen Käfig zu entkommen, wenn sie nicht selbst etwas dagegen tat. Mit tränenüberströmtem Gesicht rannte sie zum hinteren Teil des Schiffes, dem Heck. Ihr dunkelrotes Satinkleid flatterte etwas im Wind während sie rannte und ihre Schuhe hallten über den Boden. Zu ihrem Glück war um diese Zeit kaum jemand in diesem Bereich des Decks, es würde also niemanden stören, wenn sie sich gleich über Bord warf.
Ein wenig zitternd kletterte sie über die Rehling, hielt sich mit beiden Händen noch an der obersten Sprosse fest und blickte in den Abgrund. Alles was sie zu tun hatte war loszulassen und es wäre vorbei. Tränen liefen ihr übers Gesicht, als sie runter sah. Das Wasser war bestimmt so kalt, dass es nicht lange dauern sollte.
»Tun Sie es nicht«, hörte sie eine sanfte Stimme hinter sich.
Rose drehte ihren Kopf leicht herum, um zu sehen wer das war. Der junge Mann, welcher nur drei Jahre älter war als sie selbst, stand ein paar Schritte hinter ihr. Die Sorge stand ihm ins Gesicht geschrieben, obwohl sie ihn nie zuvor gesehen hatte. »Kommen Sie nicht näher!«, kam es leicht panisch von Rose. Sie erkannte ihre eigene Stimme nicht wieder. Sonst war sie immer der Meinung gewesen eine angenehme Tonlage zu haben, doch gerade jetzt war sie brüchig, dünn und unsicher. Der Fremde streckte seine Hand aus und ging langsam auf sie zu. »Kommen Sie. Nehmen Sie meine Hand ich ziehe Sie wieder zurück«, versicherte er ihr, ihrer vorigen Forderung nicht näher zu kommen zum Trotz.
»Nein! Bleiben Sie wo Sie sind. Ich werde los lassen, ich meine es ernst.« Wieso konnte man sie nicht einfach in Ruhe lassen. Wieso war immer jemand da, der sich einmischte. Sie hatte sich doch schon entschieden springen zu wollen und diese Entscheidung hatte ihr viel abverlangt. Sich jetzt noch einmal damit auseinander zu setzen würde nur dazu führen sie vielleicht vom Gegenteil zu überzeugen und dann musste sie wieder zurück kehren in ihr großes Gefängnis, welches am Ende aber immer noch genau das war.
»Nein, das werden Sie nicht«, sagte er plötzlich überzeugt davon als wäre es eine Tatsache.
Rose war davon so überrumpelt, dass sie zuerst nicht wusste, wie sie darauf reagieren sollte. »Was meinen Sie damit, das werde ich nicht? Sie kennen mich doch gar nicht. Bilden Sie sich ja nicht ein mir sagen zu können was ich zu tun oder zu lassen habe.« Von dieser Sorte gab es einfach viel zu viele in ihrem Umfeld. Wenn auch noch fremde Männer meinten ihr vorschreiben zu können, wie sie sich zu verhalten hatte, würde sie selbst in ihrer Freizeit keine Ruhe mehr finden.
»Naja sonst hätten Sie es doch schon längst getan.«
Ausdruckslos sah sie ihn an. Was hielt sie denn zurück? Sie konnte noch immer springen, er hielt sie sicher nicht davon ab. Wenn sie jetzt los ließ, wäre er nicht schnell genug bei ihr um sie zu erwischen. »Gehen Sie weg«, war alles, was sie darauf noch antworten konnte.
Es war einfacher, als er nicht da war und sie verwirrte. Doch der Passagier schien keine Anstalten zu machen jetzt gehen zu wollen.
»Ich kann nicht, denn jetzt geht es mich auch etwas an«, sagte er und fing an seinen Wollmantel und die Schuhe auszuziehen. Rose folgte seinem Tun, verstand aber nicht, warum er das tat. »Wenn Sie springen, werde ich Ihnen wohl oder übel hinterher springen müssen.«
Sie war sich nicht sicher, ob das ein verschmitztes Grinsen auf seinem Gesicht war, oder ob er das wirklich ernst meinte. Doch ganz egal, ob er vor hatte ihr hinterher zu springen, er erreichte, was er erreichen wollte. Er lenkte sie ab und verwirrte sie nur noch mehr.
Rose schüttelte leicht den Kopf und sah wieder hinunter in die Tiefe. »Das ist doch absurd...Sie würden ertrinken.«
»Ich bin ein guter Schwimmer«, antwortete er schulterzuckend.
»Der Aufprall würde Sie töten.« Und mich ebenso, dachte sie sich.
Er ging etwas näher, sah über das Geländer, als würde er die Fallhöhe abschätzen wollen.
»Das würde weh tun, aber ich mache mir mehr Sorgen darüber, dass das Wasser so kalt ist.« Er verzog leicht das Gesicht, als würde er die Kälte bereits jetzt auf der Haut spüren. Sie hatte selbst schon daran gedacht und hatte das eher als eine Hilfe betrachtet. Das kalte Wasser würde sie binnen weniger Minuten erfrieren lassen, wenn sie sich nicht dagegen wehren würde, was sie ja nicht vor hatte. Aber ob sie jetzt noch immer da rein springen wollte wusste sie nicht mehr.
»Wie kalt?«, fragte sie und richtete ihren Blick wieder auf ihn.
»Sehr kalt, vielleicht ein paar Grad über Null.«
Er blieb bei ihr stehen, sah nochmals zum Wasser unter ihnen und ergriff wieder das Wort, als die Stille zwischen ihnen einkehrte.
»Waren Sie schon mal in Wisconsin?«, fragte er sie wie aus heiterem Himmel.
Rose konnte seiner Frage nicht wirklich folgen. Was hatte das jetzt mit ihrer Lage zu tun? Unverständlich sah sie ihn an, ehe er selbst einfach weiter sprach.
»Ich bin dort aufgewachsen. In der Nähe von Chippewa Falls. Mein Vater und ich waren dort immer Eisangeln. Einmal bin ich ins Wasser gefallen. Das Wasser war unfassbar kalt, ich konnte an nichts anderes denken als an den Schmerz. Das würd ich nur ungern wieder erleben wollen.« Rose hatte sich seine Geschichte still angehört. Sie konnte sich kaum vorstellen, wie das für einen kleinen Jungen gewesen sein musste, in dieses Wasser zu fallen und selbst stellte sie sich die Frage, ob sie sich das wirklich selbst antun wollte. Es würde sicher ein ähnliches, wenn nicht gleiches Erlebnis werden und sicherlich ein paar wenige Minuten dauern, bis sie dadurch sterben würde.
»Na kommen Sie schon. Geben Sie mir Ihre Hand«, kam es von ihm, als sie nichts mehr sagte. Langsam reichte er ihr seine Hand und trat behutsam näher. So langsam wusste sie selbst nicht, was sie machen wollte. Sie wollte endlich frei sein, tun können, was sie wollte, ohne dass ihr jeder sagte was man von ihr erwarten würde. Sachte drehte sie sich um, bis sie in sein Gesicht sehen konnte. Seine Augen fixierten sie, während er zuversichtlich lächelte, die Hand noch immer ausgestreckt.
»Sie wollen das doch gar nicht«, sagte er, wohl in der Hoffnung ihren Entschluss nicht zu springen noch weiter zu bestärken. Rose nickte, wenn auch noch sehr zögerlich, und drehte sich vorsichtig um, bis sie sich gegenüber standen. »Geben Sie mir Ihre Hand«, sagte er nochmals, bis sie seiner Bitte nach kam und ihm ihre Hand reichte. Sofort umschloss er sie mit seiner eigenen und hielt sie fest.
»Ich bin übrigens Jack Dawson«, stellte er sich mit einem Lächeln vor.
»Rose DeWitt Bukater«, kam es von ihr mit zittriger Stimme.
»Es wäre besser, wenn Sie mir das aufschreiben«, sagte er und entlockte ihr damit ein kurzes Lachen. »Na kommen Sie, ganz vorsichtig, ich halte Sie.«
Sie konnte es sich nicht erklären, aber es verlangte ihr mehr Überwindung ab jetzt über die Rehling wieder an Deck zu klettern als zuvor. In dem Moment, in dem sie mit ihrem Fuß auf der ersten Sprosse stehen wollte, rutschte sie mit ihrer glatten Schuhsolle vom Metall ab und verlor gänzlich das Gleichgewicht. Panisch hielt sie sich an Jacks Hand fest, während sie drohte nun wirklich ins Wasser zu fallen.
»Ich hab Sie!«, versicherte ihr Jack, als er versuchte sie wieder hoch zu ziehen. Rose griff nach der obersten Sprosse und wollte sich, mit seiner Hilfe, daran wieder hoch ziehen. Doch kaum, dass sie sich ein bisschen hoch gezogen hatte, glitt ihr das Metall durch die Hand und sie verlor den Halt. »Oh Gott! Hilfe!«, schrie sie aus vollem Hals, die Angst im noch tränenfeuchtem Gesicht deutlich sichtbar. Es glich geradezu einer Ironie, dass der Tod, den sie wenige Minuten zuvor noch freiwillig gesucht hatte, jetzt eine derart erschreckende Bedrohung war. »Rose, ich lasse Sie nicht los. Ich halte Sie«, kam es erneut von Jack, wohl in er Hoffnung sie zu beruhigen, doch obwohl sie seine Worte hörte und sie ihm auf merkwürdige Art und Weise vertraute, rief sie weiter nach Hilfe.
»Kommen Sie. Sie schaffen es, so ist gut«, bestärkte er sie, als er mit beiden Händen an ihr zog und sie anfeuerte, sich selbst nicht aufzugeben. Rose wollte in dem Moment alles andere als fallen. Mit all der Kraft, die sie noch aufbringen konnte, gelang es ihr sich mehr schlecht als recht wieder an Deck zu befördern, doch sie wusste, dass sie das hauptsächlich ihm zu verdanken hatte. Beide fielen zurück und landeten auf dem sicheren Deck des Schiffes. Rose zitterte noch immer völlig aufgebracht über die nur allzu knapp gelungene Rettung, während sich Jack auf seine Knie abstützte und versuchte wieder etwas ruhiger zu atmen.
Er wirkte selbst so als könne er nicht glauben, was gerade passiert war und sie würde sowieso noch brauchen, bis sie den Schreck nicht mehr in den Knochen spüren konnte.
Sie beide waren zu aufgeregt, um zu bemerkten, dass drei Männer – Arbeiter der White Star Line, wie ihre Kleidung erschließen ließ – herbei geeilt waren.
»Was ist denn hier los?«, fragte einer von ihnen und musterte beide. Ihre Situation könnte nicht prekärer sein. Rose, wie sie auf dem Rücken lag, die Hände leicht gehoben, beinahe als hätte sie sich zuvor gewährt, die Augen noch immer vor Schreck geweitet. Jack, der neben ihr auf seinen Knien war, ohne Schuhe und ohne Mantel, wirkte dadurch nicht gerade unschuldig, an ihrer Lage. »Geh sofort weg von ihr und rühr dich nicht von der Stelle!«, rief selbiger Mann zu Jack, drehte sich danach zu seinen zwei Begleitern um und forderte den Bootsmann.
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Behind the Veil (wlw)
FanfictionAls Rose das sogenannte "Schiff der Träume" betrat, hatte sie ihre Träume bereits begraben. Nicht mal im Ansatz hätte sie gedacht, dass sie auf der Titanic eine Begegnung machen würde, die ihr ganzes Leben auf den Kopf stellte: Jack Dawson. Doch hin...
