Das Schiff wird sinken

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Rose blieb zurück. Sie wollte Jack hinterher rennen, ihr helfen, den Bootsmann überzeugen sie gehen zu lassen, doch sie wusste es besser. Das hätte weder Jack noch ihr geholfen, sie musste es besser machen. Doch jetzt hatte sie noch ein anderes Problem. Cal.

Dieser stand gegen den Türrahmen gelehnt vor ihr und hätte es sowieso verhindert, dass sie ihr nachgelaufen wäre. Beunruhigt blieb Rose stehen, wohl wissend wie aufbrausend Cal sein konnte. Gerade jetzt, da er so beherrscht wirkte, war Rose besonders angespannt. Er drehte sich um, ging gelassen auf sie zu und blieb vor ihr stehen. Es wirkte fast, als wollte er etwas sagen, öffnete er kurz den Mund, schloss ihn aber gleich wieder. Stattdessen holte er aus und verpasste ihr ohne zu zucken eine Ohrfeige, die Rose noch Minuten danach würde spüren können. Dennoch war sie stolz auf sich, dass sie weder geschrien oder sonst eine Regung von sich gegeben hatte. Sie hatte einfach keine Angst mehr vor ihm.

»Sind wir jetzt eine kleine Hure, ja?«, fragte er sie gereizt, packte Rose bei den Oberarmen und zerrte sie zu sich. »Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!«

In dem Moment klopfte es an der Tür und ein Angestellter kam rein, ohne auf die Einladung von Cal zu warten. Eine Unhöflichkeit die gerade herzlichst willkommen war.

»Mister Hockley...«

»Nicht jetzt! Wir sind beschäftigt«, unterbrach ihn Cal barsch und ließ Rose nicht los.

»Sir, ich wurde angewiesen Sie zu bitten Ihre Rettungswesten anzulegen und sich an Deck zu begeben.« Erst jetzt ließ Cal von Rose ab, da auch ihm aufgefallen sein musste, wie angespannt das aussah. »Ich sagte, jetzt nicht!«

»Ich bedaure die Unannehmlichkeiten, aber es ist eine Anordnung des Kapitäns«, kam es von dem Angestellten, der Cals Widerworte ignorierte. »Also ziehen Sie sich bitte etwas Warmes an, es ist recht kühl draußen.« Er holte zwei Rettungswesten und sprach einfach weiter als er sie ihnen brachte. »Ich empfehle Ihnen einen Überzieher und einen Hut.«

Rose sagte kaum ein Wort, doch Cal hingegen konnte nicht fassen, dass man ihn anordnete etwas zu tun, wonach ihm gerade absolut nicht war. »Das ist doch lächerlich«, kommentierte er und entfernte sich dann von Rose, die sich noch die leicht gerötete Wange hielt. »Kein Grund zur Beunruhigung. Es wird sich nur um eine Vorsichtsmaßnahme handeln«, sagte er ihr und überreichte ihr sogleich eine Rettungsweste.

Rose hatte keine Lust mit Cal zu reden. Sie wollte gerade nur nach Jack suchen, aber solange er bei ihr war, würde er sie nicht gehen lassen. Sie suchte ihre Mutter auf, die bereits fertig angezogen und mit Rettungsweste da stand, genauso verwirrt wie alle anderen an Bord. Zu dritt gingen sie zum großen Saal, wo sich alle Passagiere der ersten Klasse befanden und ausdiskutierten was denn nun vor sich ging. Die meisten hatten den Zusammenprall nicht bemerkt, oder sie hatten ihn nicht ernst genug genommen. Doch Rose wusste genau was vor sich ging. Das Schiff würde sinken.

»Diese verfluchten Engländer müssen immer alles nach Vorschrift machen«, beschwerte sich Cal als er voran ging. »Es gibt keinen Grund ausfallen zu werden Mister Hockley«, beruhigte ihn ihre Mutter, die gerade eine unnatürliche Gefasstheit ausstrahlte und sich der Gefahr, in der sie sich befanden, nicht bewusst war. Sie besprach lieber mit ihren Bediensteten, dass sie die Heizung in ihrem Zimmer aufgedreht haben möchte und einen Tee wünscht, sobald sie wieder zurück kam. Rose indessen bemerkte wie Mister Andrews in den Saal kam. Er ging mit ruhigen Schritten durch den Raum, betrachtete alles und ließ den Blick schweifen, als würde es das letzte Mal sein, dass er die Kunstfertigkeit des Saals würde bestaunen können.

Rose konnte sich nicht mehr an sich halten, schritt auf ihn zu und sprach ihn direkt an.

»Mister Andrews. Ich sah den Eisberg«, fing sie an und spürte es anhand seiner Reaktion, dass sie mit ihrer Vermutung richtig lag. »Und ich sehe es in Ihren Augen. Bitte sagen Sie mir die Wahrheit.« Andrews nahm Rose bei den Händen und ging ein paar Schritte mit ihr auf Seite, damit keine neugierigen Ohren sie belauschen konnten. Er stand ihr gegenüber, der Schock über das, was passiert war und passieren würde deutlich an seinem Gesicht abzulesen. »Das Schiff wird sinken.« Allein diese Worte zu hören erfüllte Rose mit einer Angst, die sie schnellstmöglich in den Griff bekommen musste. »Sind Sie sicher?«, fragte sie nach und merkte dabei nicht, wie Cal hinter ihr stand und alles mitanhörte. »Ja. In einer Stunde etwa befindet sich all das hier auf dem Grund des Atlantiks.«

Rose konnte es nicht fassen. Sie hatte seine Worte gehört, aber sie konnte es immer noch nicht fassen. »Was?« Cal wollte es ebenso nicht glauben, hatte er zuvor noch angepriesen, dass dieses Schiff niemals würde sinken können.

»Bitte sagen Sie es nur denjenigen, denen Sie es sagen müssen. Ich will nicht die Verantwortung für eine Panik tragen. Gehen Sie zu einem Boot und zwar schnell. Warten Sie nicht. Sie...wissen doch noch, was ich Ihnen über die Boote gesagt habe.« Rose hielt sich schockiert die Hand vor dem Mund. Fasste sich langsam wieder und nickte. »Ja...ich verstehe.«

Andrews nickte, fasste Rose an die Schulter und drückte sie leicht. Das Bedauern war ihm deutlich anzusehen, ebenso wie die Schuld, die er sich wohl selbst gab. Langsam drehte er sich um, entfernte sich und ließ Rose mit Cal allein zurück.

Rose musste sich etwas überlegen, sie musste schnell handeln, wenn sie Jack retten wollte.

Behind the Veil (wlw)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt