14. Kapitel

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Ihre Fingerkuppen strichen über das feine, glatte Papier. Sie drehte den Zettel hin und her, betrachtete ihn aus verschiedenen Blickwinkeln. Vielleicht ergaben die Buchstaben und Zahlen ein neues Bild, wenn man sie anders ansah? Vielleicht würde sie darauf kommen, was das schwer erkennbare Zeichen hinter jeder Kommastelle bedeutete?

In jedem Fall dachte Lerche nicht daran, diese Rätsel auf sich beruhen zu lassen. Der Zettel könnte von Draußen sein. Dem Draußen, über dass sie nicht nachdenken sollte. Aber es war doch nur ein kleines Stück Papier, ein harmloses, kleines Rätsel, ein Zeitvertreib, mehr nicht. Ella wäre dagegen gewesen, denn Sünden konnte bereits in kleinen Dingen liegen, in Gedanken, in Unaufmerksamkeiten. Genau das würde sie ihr sagen. Aber das war doch keine. Sie griff sich ein Lineal, legte den Zettel auf die Tischplatte und begann ihn glatt zu streichen. Aber auch mit weniger Falten im Papier, konnte sie nicht mehr erkennen. Ihr fehlten Informationen. Wenn sie eine ungefähre Ahnung hätte, was es sein könnte, dann würde sie es vielleicht erkennen.

Die Tür öffnete sich knarzend und Ember kam herein. Sie hielt eine dampfende Tasse Tee in der ausgestreckten Hand, den Blick fest darauf geheftet, um bloß nichts zu verschütten. Sofort schob Lerche mit der Rückhand einen Stapel Listen und Pläne über den kleinen Zettel.

„Ich dachte, du magst vielleicht einen Tee?" Ember balancierte weiter die Tasse und wich den Kisten auf dem Boden aus. „Ja, sehr gern." antwortete Lerche und fügte ein „Tut mir leid, es ist unordentlich." an. „Oh, das macht nichts. Soll ich vielleicht aufräumen? Lucas meinte ich soll dir nichts mehr bringen, ich wäre ja nicht deine Bedienstete, wo kämen wir denn da hin, wenn die Frauen Personal hätten..." Ember stellte die Tasse auf dem einzigen leeren Stück Holz des Schreibtisches ab. „Ja, wo wohl?" erwiderte Lerche die Frage, ein wenig schnippischer, als beabsichtigt. „Du musst nicht aufräumen, das mache ich schon. Es reicht ja, wenn du bei Lucas aufräumst." Aber Ember schien den Sarkasmus nicht wahrgenommen zu haben oder vielleicht verstand sie ihn auch gar nicht. Sie lächelte nur. Und Lerche wünschte sich, Lucas wäre an Michaels Stelle entlassen worden.

Nachdem Ember gegangen war, zog sie den Zettel wieder hervor und ließ ihn in die Tasche ihres Rockes gleiten. Sie hatte vielleicht nicht alle Informationen, die sie brauchte, aber sie kannte nun jemanden, bei der das anders aussah. Die Frage war nur, ob sie mit ihr sprechen würde. Und ob Lerche es schaffen würde, das heimlich zu arrangieren. Nachdenklich kritzelte sie kleine Kreise und Ovale auf den Notizblock vor ihr, während die Idee in ihrem Kopf immer mehr Gestalt annahm.

Sie hatte einige Pläne zu den Feldern hinter Anna und Magnus Hof bekommen. Sie könnte hingehen und sie sich ansehen, bevor sie die Fläche zum Bauen freigab. Das war nicht unüblich, Michael hatte das oft getan. Man musste nachsehen, ob nicht vielleicht noch Reste von Getreide auf den Feldern zu finden waren. Oder Obstbäume, denn in dem Fall wäre es praktischer, das Ackerland wieder zu nutzen. So dehnte sich die Zuflucht immer mehr in Richtung des Waldes aus. Und auf dem Weg dorthin konnte sie einen kleinen Abstecher machen und eine neue Freundin besuchen. Eine neue, alte Freundin.

Sie konnte es nicht verneinen, das schlechte Gewissen nagte an ihr, als sie früher als sonst die Verwaltungsgebäude verließ. Wenn etwas, was sie in letzter Zeit getan hatte eine Sünde war, dann definitiv das hier. Sie schluckte und biss sich dabei auf die Zunge. Der Schmerz breitete sich in ihrem Mund aus und kurz war sie glücklich darüber ihn zu spüren. Vielleicht war es eine Strafe, dieser Gedanke beruhigte sie irgendwie. Es bedeutete, dass alles wie immer war. Sie wurde bestraft, wenn sie etwas falsches tat, ganz einfach, ganz unkompliziert. Manchmal ein wenig zu unkompliziert für ihren Geschmack.


Lerche wickelte den Schal um ihren Hals und schlug den Weg zwischen den Feldern hindurch zu den Wohnhäusern ein. Es wäre sehr viel kürzer gewesen über den Markt und an der Kirch vorbei zu gehen, aber sie wollte lieber nicht allzu auffällig herumspazieren. Natürlich hatte sie eine gute Erklärung, aber sie durfte sich nichts vormachen. Ihre Ernennung zur Sekretärin hatte ihrem Ruf nicht gerade gut getan, genau so wenig wie Jonahs Aufmerksamkeit für sie beim Erntedankfest. Niemand würde deshalb etwas sagen. Aber Lerche wusste von klein auf, dass nicht das gefährlich war, was ausgesprochen wurde, sondern genau das, was man sich nicht traute zu sagen. Nur noch diese eine Sache. Sie würde herausfinden, was das für ein Zettel war, dann würde sie aufhören. Dann würde sie das Draußen ein für alle Mal sein lassen. Dann würde sie auf das hören, was Jonah ihr gesagt hatte. Sie wusste, dass sie sich ihr Vorhaben schönredete. Darin war sie schon immer gut gewesen.

SingvögelWo Geschichten leben. Entdecke jetzt