18. Kapitel

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Am Freitag waren es fünf kranke Kinder. Als Lerche aufwachte, war Ellas Bett bereits leer. Verschlafen rieb sie sich die Augen, blinzelte und sah noch einmal hin.

„Ella?"

Keine Antwort. Wahrscheinlich war sie bereits vor dem Frühstück zum Krankenhaus gegangen. Lerche kletterte aus ihrem Bett, sie war mehr als besorgt. Was auch immer es für eine Art der Krankheit war, es betraf bis jetzt nur Kinder. Aber wer sagte, dass das auch so blieb? Dass Ella sich nicht anstecken würde? Sie wusste, dass es lächerlich gewesen wäre, zu versuchen Ella von ihrer Arbeit abzuhalten, mit dieser Begründung. Genau das war es, was Krankenschwestern tun sollten. Seltsam, dass sie sich nicht früher Gedanken darüber gemacht hatte.

Außerdem hatte Lerche drei kleinere Geschwister, zwei davon im Kinderhaus. Arvid war mit seinen 12 Jahren älter als die fünf kranken Kinder und irgendwie hoffte sie, dass das einen Unterschied machen könnte. Aber Kamilla würde genau in die Gruppe der Kranken passen. Sie schloss die Augen, faltete die Hände und hoffte so sehr, dass Gott ihr zuhörte, wie sie darum bat Kamilla zu verschonen. Und dass er es tun würde.

Die Tür wurde leise aufgeschoben und Ella erschien wieder im Zimmer. Ihre Haare waren zusammengebunden, aber zerzaust, sie sah blass aus und trug einen Korb voller Pflanzen und Erde unter dem Arm. „Wo warst du?" Lerche sprang auf.

„Draußen. Ich muss sofort nach dem Frühstück wieder ins Krankenhaus, aber ich wollte ein paar Kräuter holen." Zufrieden stellte Ella den Korb auf dem kleinen Tisch ab. Lerche beugte sich darüber. „Was ist das alles? Für die Kinder?" sie nahm ein Blatt zwischen zwei Finger und betrachtete es genauer, um die Pflanze zu identifizieren. Ella nahm sie ihr vorsichtig ab.

„Das ist Holunder, er wirkt gegen Fieber. Die Blüten waren bereits restlos verblüht, aber die Blätter sollten reichen. Dann habe ich noch Waldmeister, gegen die Kopfschmerzen und Beifuß, gegen Lähmungserscheinungen. Ich möchte versuchen, ob er auch gegen Krämpfe hilft, zumindest sollte er keinen Schaden anrichten." Lerche zog ihr Kleid an und begann dann ihre Haare zu kämen, während sie ihrer Freundin zuhörte. „Das hast du aber nicht von den Ärzten gelernt, oder?"

Normalerweise behandelten sie die Menschen mit den Medikamenten, die sie noch hatten oder die die Hohen Herren von Draußen mitbrachten. Sie ergänzten sie nur hin und wieder mit Kräutern. Ella schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein. Erinnerst du dich an diese ältere Krankenschwester? Klara? Sie ist vor einem Jahr verstorben, aber vorher hat sie mir ihre Aufzeichnungen zu verschiedenen Kräutern überlassen. Ich habe sie im Krankenhaus." „Ja, natürlich, wie könnte ich Klara vergessen? Sie war wirklich lieb und talentiert, ein bisschen wie du." Ella wurde ein wenig rot und sah zu Boden. Sie hatte nie wirklich gut mit Komplimenten umgehen können, nicht einmal, wenn sie von Lerche kamen.

„Du bist so viel im Krankenhaus, ich sehe dich kaum noch. Und du siehst müde aus." meinte Lerche. „Ich weiß. Aber solange wir nicht wissen, was das ist, können wir wenig helfen. Diese Kinder haben wirklich Schmerzen, Lerche. Und ganz ehrlich; Benjamin geht es nicht besser. Es wird von Tag zu Tag schlimmer und wir haben nichts was wir ihm geben können. Wir geben ihm nur noch Schmerzmittel und beten. Selbst die Ärzte." Lerche schluckte schwer. „Haben sie mit Jonah gesprochen? Weiß er, wie schlimm es aussieht?" „Ja. Er war gestern da. Er hat mit ihnen gebetet, Lisa und Benjamin haben sich gefreut."

Sie machten sich auf den Weg nach unten, beide versunken in ihre Gedanken. Und Lerche konnte es nur ahnen, aber Ellas waren wahrscheinlich genauso betrüblich wie ihre eigenen. Kurz bevor sie den Gemeinschaftsraum erreichten, blieb Lerche stehen und nahm Ella am Arm.

„Kann ich irgendwie helfen? Ich meine, ich bin keine Ärztin, aber ich könnte vielleicht irgendetwas nachlesen? Ich könnte im Kinderhaus schauen, ob ich etwas finde, was diese Krankheit auslösen könnte, oder nicht? Alle Kinder kamen doch von dort. Ich muss sowieso manchmal aus den Verwaltungsgebäuden hinaus, es fällt nicht auf, wenn ich gehe und nachschaue."

SingvögelWo Geschichten leben. Entdecke jetzt