17. Kapitel

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Es war mit ziemlicher Sicherheit das größte Haus, dass sie je betreten hatte. Gut, die Verwaltungsgebäude zusammen waren sicherlich größer, aber sie waren nicht zum Wohnen ausgelegt und hatten auch nur ein Stockwerk.Lerche war bereits von Nathaniels Haus beeindruckt gewesen, als sie Edda besucht hatte, aber das Haus von Jonahs Familie hatte ganz andere Dimensionen. Es war das Ebenbild eines Hauses, wie sie es sich im Draußen vorstellte. Hohe Fenster, alte Möbel aus dunklem Holz und eine knarzende Treppe, die ins Obergeschoss führte.Jonah schloss die Tür hinter ihr.

„Möchtest du einen Kaffee? Oder einen Tee?" fragte er. „Ich weiß nicht. Also, ich meine, ich kenne keinen Kaffee." Sie sah sich immer noch begeistert um „Aber ich möchte probieren." Er beobachtete amüsiert wie sie ein wenig verloren im Flur stand und sich nicht rührte. Dann nahm er ihr den Pullover ab, den sie unter dem Arm trug. Hanna lugte um die Ecke des Zimmers, in dem Lerche die Küche vermutete. Sie schien nicht überrascht Lerche hier zu sehen und begrüßte sie freundlich.

„Machst du uns einen Kaffee, bitte?" wandte Jonah sich an sie. Sie nickte. „Und du, möchtest du die Bibliothek sehen?" Lerches war sofort noch um einiges begeisterter. Die Bibliothek hatte er noch nie erwähnt. „Das Haus hat eine Bibliothek?" „Ja, aber nur eine ganz kleine. Komm mit und..."

„Ähm, Entschuldigung?" Hanna unterbrach ihn und trat nun aus der Küche hinaus in den Flur. „Was denn?" er klang barscher, als normalerweise. „Lucius und Samuel sind hier, im Wohnzimmer. Sie sagten es sei dringend, ich konnte sie nicht abweisen..." „Gut. Dann geh du einfach schon mal vor, bleib in der Bibliothek und wartete dort auf mich. Die zweite Tür rechts." Lerche war sich unsicher, ob es normal war, dass die anderen Hohen Herren hier auftauchten, wie sie es wollten. Und Hanna schien darüber beunruhigt. „Alles in Ordnung?" fragte sie deshalb nach. Jonah lächelte sie an. „Ja, kein Problem. Sicherlich nur irgendwelcher Verwaltungskram, mach dir bitte keine Sorgen." Lerches Fingerspitzen strichen über die Buchrücken und sie konnte nur staunen. Sie dachte immer, sie hätte viele Bücher. Zumindest kannte sie niemanden, der mehr hatte, bis jetzt. Denn das war ein ganzes Zimmer voller Bücher. Sie nahm eines heraus, las den Titel, blätterte die Seiten vorsichtig durch und schob es zurück an seinen Platz. Aber sie war nicht ganz bei der Sache.

Hanna stellte zwei dampfende Tassen hinter ihr auf dem Tisch ab. Dann kam sie zu Lerche hinüber ans Bücherregal und stellte sich neben sie. „Na, gefällt es dir? Ich dachte mir schon, du würdest begeistert sein." War sie so leicht zu durchschauen? „Danke für den Kaffee." Aber Hanna hörte ihr nicht zu, sie schien etwas zu suchen und ging das Regal ab. Neugierig folgte Lerche ihr. Hanna zog ein schwarz eingebundenes Buch aus einer Reihe von ähnlich aussehenden heraus und hielt es Lerche triumphierend unter die Nase. „Sieh mal! Es ist ein Lexikon, es enthält alle möglichen Bezeichnungen für Dinge im Draußen." Lerche riss es ihr beinahe aus der Hand. „Großartig!" Hanna strahlte. „Ich lasse dich mal allein damit, ja?" Gerade als sie zur Tür hinaus gehen wollte, fiel Lerche etwas ein. „Hanna?"

Die junge Frau drehte sich zu ihr um. „Kommen die anderen Hohen Herren öfter hierher?" Hanna schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, normalerweise kommt Jonah zu ihnen, wenn er sie für etwas braucht. Das ist... eine Ausnahme." „Verstehe." Sie ließ sich in einem der zwei großen Sessel nieder und verstand, entgegen ihrer Aussage gar nichts. Konnte das ein Zufall sein? Dass sie hier auftauchten, direkt nachdem Jonah ihre Verlobung bekannt gegeben hatte? Es wäre nicht auszuschließen, aber das Hanna davon überrascht war, machte es unwahrscheinlicher. Das Lexikon schien in ihrer Hand an Gewicht zuzunehmen, also klemmte sie es neben sich auf den samtenen Sessel.

Die Szene in der Kirche kam ihr wieder in den Sinn. Lucius war nicht begeistert von ihrer Ernennung zur Sekretärin gewesen, ganz und gar nicht. Sie hatte es darauf geschoben, dass sie eben eine Frau war. Aber wenn er sie persönlich nicht leiden konnte, dann würde das erklären, weshalb er auch gegen ihre Verlobung mit Jonah war, obwohl dies nun einmal nicht gegen die Regeln verstieß. Trotzdem kam es ihr seltsam und ein wenig überzogen vor. Aber vielleicht waren das die Regeln der Männerwelt? Vielleicht hatten sie ihre ganz eigene Art Dinge zu regeln, die sie nur noch nicht kannte und nicht verstand? Egal, wie lange sie darüber nachdachte, sie kam zu keinem schlüssigen Ergebnis, ihr fehlten Informationen. Also beschloss sie das Nachdenken darüber zu verschieben. Sie schlug das Buch auf und erkannte, dass die Wörter darin nach dem Alphabet geordnet waren. Diese Buchreihe musste mehrere Teile haben, denn ihr Buch beinhaltete nur die Buchstaben H bis L. Sie suchte nach Kühlschrank. Überraschenderweise stellte sie fest, dass es noch mehr Gegenstände gab, die genutzt wurden um Lebensmittel zu kühlen. Kühlauto, Kühlhalle, Kühlraum...

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