Ihren Platz des glücklichsten Mädchens musste sie allerdings, zugegebenermaßen, schnell wieder an Horea abtreten. Die sie noch niemals so zufrieden gesehen hatte. Sowieso hatte Lerche die jüngste Schwester von Jonah eher selten zu Gesicht bekommen. Horea war meistens nicht einmal bei den Predigten dabei, außer es war eine ihres Bruders, dann saß sie neben ihrer Schwester in der ersten Reihe. Die Leute tuschelten manchmal über sie, wenn sie sich sehr sicher fühlten. Denn Horea erinnerte ein wenig an Teon in seiner letzten Zeit. Sie hielt sich manchmal die Ohren zu und Lerche hatte den Eindruck, dass sie nicht genau wusste, wo sie war. Nicht umsonst, war sie immer nah bei ihrer älteren Schwester.
Aber nicht heute Abend. Heute wirkte sie so fröhlich wie noch nie. Sie ließ gutmütig alle den neuen Ring an ihrem Finger sehen, tanzte um die Feuer, lachte und wich Nathaniel nach Möglichkeit nicht von der Seite. Als sie sich zum Abendessen an den Tischen niederließen, dirigierte Horea alle an ihrem Tisch fröhlich zu ihren Plätzen. Sie freute sich, als sie erkannte, dass Lerche ihren Mantel trug und bot ihr an, sie könne ihn behalten.
Das bewahrte Lerche aber nicht davor, neben Lucas zu landen. Es schien erwünscht zu sein, dass die Sekretäre in ihrer offiziellen Funktion am Tisch der Hohen Herren saßen. Und zwar nebeneinander, an einem Tischende. Sie hätte um einiges lieber bei Ella, Anna und Magnus gesessen, aber dies war wohl der Preis, der mit ihrem neuen Amt einherging. Lucas würdigte sie keines Blickes, ein Gespräch mit ihm zu führen war unmöglich. Nicht dass sie es gewollt hätte. Lieber lauschte sie Nathaniel und Horea, die erstaunlich schön erzählen konnte. Sie schien das Sprachtalent ihres Bruders zu haben.
Lerche kaute auf ihrem Brot und schnappte sich noch eine Stück Fleisch. Hin und wieder warf sie einen Blick zu Jonah, ans andere Tischende, aber er war entweder zu vertieft in sein Gespräch mit Lucius oder hatte nur Augen für seine Schwester. Also aß sie stumm weiter. Bis der Stuhl neben ihr zurückgezogen wurde. Sie sah auf und schob ihren Teller zur Seite. Neben ihr stand eine alte Frau, die Lerche definitiv schon gesehen hatte, aber nicht zuordnen konnte. Sie stütze sich auf einen Stock, den sie nun an den Tisch lehnte.
„Keine Sorge, Mädchen, ich bin nur etwas spät. Lass deinen Wein ruhig da stehen."
Nathaniel war aufgestanden und kam um den Tisch herum, um der alten Frau zu helfen. Er rückte den Stuhl umständlich zurecht und unter einigem Protest, der ausdrückte, dass sie das doch wohl allein konnte, setzte sie sich. „Großmutter, das ist Lerche." stellte er sie vor. Daher kannte sie sie also. Nathaniels Großmutter, sie mussten sich sicherlich schon öfter gesehen haben. „Lerche, meine Großmutter, Edda. Ich hoffe sie macht dir keine Umstände."
Edda begann zu Lachen. „Nicht immer so besorgt, ich werde sie schon nicht auffressen. Und jetzt geh zurück zu deiner Verlobten." Sie schob ihn mit einer entschiedenen Bewegung weg. Es war tatsächlich ein wenig lustig anzusehen. Lerche hatte niemals gesehen, dass jemand einen der Hohen Herren so behandelte. Aber Nathaniel schien sich daran überhaupt nicht zu stören.
Nun saß sie zwischen Lucas, der sie weiterhin vollkommen ignorierte und Edda, die in einem unglaublichen Tempo ihr zweites Glas Wein leerte. Essen wollte sie scheinbar nichts.
„Mädchen? Gib mir doch bitte mal die Flasche." sagte sie, ihre Stimme klang schon ein wenig kratziger als vorhin. Ein wenig unsicher griff Lerche über den Tisch und reichte ihr die Flasche Rotwein. Eddas Finger fuhren kurz über ihren Handrücken, ihren Finger entlang und umschlossen dann vorsichtig tastend die Flasche.
„Oh, du siehst nicht richtig, nicht wahr?" Es war Lerche herausgerutscht, bevor sie darüber weiternachdenken konnte. Sofort biss sie sich auf die Zunge. Die Großmutter eines Hohen Herren zu beleidigen, war sicherlich eine sehr schlechte Idee. Aber Edda wirkte freudig überrascht. „Du." sagte sie und goss sich mehr Wein ein „Du, passt sehr gut auf. Das merkt kaum jemand so schnell, ich kann es gut verbergen." sie stellte die Flasche wieder ab. „Ich verstehe, warum er dich als Sekretär ausgesucht hat." fuhr sie fort „Die meisten hier, können da nicht mithalten. Die meisten können gar nicht richtig denken. Aber du schon, du benutzt deinen Kopf. Draußen, da hättest du etwas großartiges werden können. Eine Lehrerin vielleicht. Oder eine Anwältin."
DU LIEST GERADE
Singvögel
Mystère / ThrillerDie Zuflucht ist ihre heile, perfekte Welt. Schließlich sind sie die einzigen Überlebenden der Apokalypse. Lerche ist eine von ihnen, doch die strengen Regeln schränken die junge Frau ein und je mehr sie beginnt zu hinterfragen, desto größere Gehei...
