1 - Der Fleck

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Eine Tracht Prügel war im Anmarsch. Besser gesagt, lief ich geradewegs in sie hinein.

Meine Augen flogen durch die Fußgängerzone, vorbei an anderen Menschen, die beflissen ihre Einkäufe erledigten. Zu allem Unglück hatte es auch noch angefangen zu regnen. Die nassen Tropfen peitschten auf den Asphalt und bildeten Pfützen auf den Gehwegen, an deren Rand an vereinzelten Stellen Unkraut wucherte. Der Geruch von feuchtem Teer stieg mir in die Nase.

Ich keuchte. Würde er laut werden, mich anschreien oder es hinnehmen und nichts sagen, mir vielleicht einen Tadel geben?

Es war Dienstag und ich war wieder einmal spät dran. Die Schule hatte schon angefangen, ich war zehn, fast fünfzehn Minuten in Verzug. Ausgerechnet heute musste mir so etwas passieren. Ich verfluchte mich. Es war ganz allein meine Schuld. Ausgerechnet heute bei Herrn Sanders.

Meine Füße platschten durch eine Pfütze und Wasser spritzte mir an das Hosenbein. Das kühle Nass durchtränkte den Stoff sofort. Die Haare hingen mit trotz Kapuze in Strähnen ins Gesicht und das Atmen fiel mir mit jedem Schritt schwerer. Er würde mich nicht schlagen. Das war verboten. Aber er durfte schreien. Wie er einen Klassenkameraden in Grund und Boden geschrien hat, klang mir immer noch in den Ohren. Auch vor den Schülerinnen machte er nicht Halt.

Schnell bog ich links in eine Seitenstraße ein und schlüpfte durch die enge Gasse. Die Häuser standen so nah, dass mir mein eigener Atem von den Steinwänden zurückgeworfen wurde. Links an einem spärlich begrünten Park vorbei und von weitem trat die Schule in mein Sichtfeld. Ein altmodisches Backsteingebäude mit schmalen Fenstern, zwei Seitenflügeln und einem Wetterhahn auf dem Dach.

Er war ein guter Lehrer, sogar ein sehr guter. Niemand konnte einem die Lyrik der Jahrhunderte besser erklären, als er. Ebenso Sport. Aber lief etwas nicht so wie er wollte, trat seine andere Seite hervor und er warf mit Worten um sich. Nicht chaotisch und durcheinander, sondern gezielt und hoch-wirksam. Die Meisten aus meinem Jahrgang liebten sowohl fürchteten ihn. Jeder war mit Sicherheit schon einmal seiner anderen Seite begegnet. Nur ich nicht.

An einer Kreuzung blieb ich stehen, kein Auto kam und ich rannte auf die andere Straßenseite. Mein Herz pumpte wie verrückt. Heute war der Tag, an dem sich seine Worte gegen mich richten würden. Heute war ich an der Reihe.

Ein Blick auf die Kirchturmuhr verriet mir, wie spät dran ich eigentlich war. Verdammt. Endlich bog ich auf den in grau zugepflasterten Schulhof ein, der von einer halb-grünen Hecke eingerahmt wurde. Zwei einsame Klettergerüste fanden in der hinteren Ecke ihren Platz und wurden von einer Windböe in Bewegung gesetzt.

Dreißig Sekunden später erreichte ich die Front des Schulgebäudes und steuerte automatisch auf die zwei Flügeltüren zu. Meine Hände zitterten, als ich sie aufzog und im Inneren verschwand.

* * *

Drei scheinbar endlos lange Treppen musste ich hinaufsteigen, um zu der Tür des Unterrichtsraumes zu gelangen. Diese zweiundsechzig Stufen gaben mir den Rest und ich stützte die Hände auf die Knie. Tief Luft holen, ruhig atmen. Meine Schultasche schnitt mir in die Schulter und war komplett durchnässt, ebenso ich. Ich spürte meine Hände nicht mehr, strich mir noch schnell die nassen Haare aus der Stirn und klopfte an die Tür.

Gleich, dachte ich, gleich würde er schreien und die Stunde wäre gelaufen. Gleichzeitig fragte ich mich, warum ihn noch keiner der Eltern angezeigt hatte, wusste die Antwort allerdings bereits. In einem Gerichtsverfahren hatte er gänzlich die Nase vorn, er war intelligent und ein guter Redner. Noch dazu war er ein zu kompetenter Lehrer, als dass man ihn von der Schule wegschicken könne.

Wider Erwarten bekam ich keine Antwort und ich klopfte erneut. Auf dem Boden um mich herum bildete sich schon ein Kreis aus Wassertropfen. Meine Muskeln waren steif, heute stand auch noch Sport auf dem Plan, ausgerechnet. Auch diesmal blieb eine Antwort aus und ich stutzte. Schüler waren auf jeden Fall im Raum, ich hörte sie reden. Aber das hieß, dass Herr Sanders nicht da war, oder? Er würde es nie billigen, uns in so einer Lautstärke zu unterhalten, und das auch noch in seiner Unterrichtszeit.

TxS // A Rose; A Heart; A KnifeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt