4.Kapitel

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“Wir haben schon wieder nichts ausgemacht, wegen der Nachhilfe…”, murmelte ich leise, als ich am Abend in meinem Bett lag. Mich plagte mein schlechtes Gewissen, da ich ihm ja eigentlich helfen sollte den Stoff zu verstehen und bessere Noten zu bekommen. Allerdings lief es ja gerade genau andersherum. Wegen mir und meinen Panikanfällen kamen wir nie dazu uns über das wichtigste zu Unterhalten. Frustriert biss ich mir auf die Lippe und versuchte die Tränen wegzublinzeln. Genervt von mir selbst schlug ich auf mein Kopfkissen ein. “Verdammt… verdammt… verdammt…” Gegen die Wuttränen die nun über meine Wangen liefen konnte ich nichts tun.

Genervt setzte ich mich auf und warf mein Kopfkissen einfach mitten ins Zimmer. Ich schlang meine Arme um meine Knie und versuchte mich zu beruhigen. Ich ließ meinen Blick durch mein Zimmer schweifen und blieb schlussendlich an den Krücken hängen. Ich schluchzte leise auf und Wand den Blick dann ab. Langsam stand ich auf, hob mein Kissen auf und schmiss es wieder in mein Bett. Ich dreht mich wieder zu meinen Krücken. Die Erinnerungen an diesen Vorfall, blitzten zu lebhaft vor meinen Augen auf. Bevor ich mich weiter in diesen verlieren konnte, schnappte ich mir die Krücken und schmiss sie förmlich in meinen Kleiderschrank.

Mit dem Rücken lehnte ich mich an die Schranktüren und versuchte die Bilder aus meinem Kopf zu bekommen. Ich wollte nicht noch länger Gefangene von diesen Erinnerungen sein und dennoch wusste ich das sie zu mir gehörten und sie mich zu der machten die ich nun mal war. Jeden Tag wünschte ich mir das ich die Zeit zurück drehen könnte um mich davon abzuhalten, an diesem besagten Abend noch einkaufen zu gehen und dafür die Abkürzung durch die Tunnelünterführung zu nutzen. Dann wäre ich nie auf die vier Jungs gestossen und sie hätten mich nie die Treppe hinuntergestürtzt.

Ich konnte diesen Schmerz von damals schon wieder spüren und biss mir so fest auf die Unterlippe, dass ich Blut schmeckte. Ich musste mich zusammenreißen um aus diesem Strudel schmerzhafter Erinnerungen raus zu kommen, sonst würde ich darin zu Grunde gehen. Ich atmete ein paar mal tief ein und aus und als ich langsam wieder richtig zu mir kam, schlug ich mir mit beiden Händen beherzt auf die Wange um auch den ganzen Rest noch abzuschütteln.

Als ich dann allerdings auf meinem Schreibtisch die ganzen Schulsachen liegen sah, schloss ich meine Augen und seufzte schwer aus. Ich musste das irgendwie hinbekommen. Die letzten beiden Male kam Iwaizumi auf mich zu und jedes Mal waren es meine Angstattacken die es verhinderten das wir über das was eigentlich wichtig war Sprachen. Allerdings ließ mich der Gedanke in eine andere Klasse zu gehen und nach ihm zu fragen, sauer aufstossen. Mit Fremden zu reden, auch wenn sie gleichaltrig waren, kam überhaupt nicht in Frage. Die Gespräche mit Iwaizumi verlangten mir schon immer alles ab und ich wollte meine Nerven nicht noch weiter strapazieren.

Ich ließ meinen Blick durch mein Zimmer schweifen und blieb an meinem Handy hängen, das auf meinem Nachttisch lag. In meinem Kopf formte sich eine Idee zusammen und ich rannte die zwei Schritte förmlich zu meinem Schreibtisch. Dort riss ich einen Zettel von meinem Notitzblock und notierte darauf meine Handynummer mit meinem Namen, nachdem ich gefühlt ewig nach einem Kugelschreiber in meiner Stiftebox kramte. Erleichtert atmete ich aus und faltete den Zettel einmal zusammen und steckte ihn gleich in die Tasche meines Rockes. Als ich auf die Uhr schaute, erschrak ich, dass würde eine kurze Nacht werden. Ich ging noch einmal ins Bad und als ich fertig war legte ich mich schlafen.

Der nächste Morgen kam wie erwartet viel zu Zeitig. Ich fühlte mich Elend und überstand die einzelnen Unterrichtsstunden nur mit Müh und Not. In den Pausen versteckte ich mich auf der Mädchentoilette. Ich wollte Iwaizumi so keinesfalls unter die Augen tretten aber jedes Mal wenn ich in meine Rocktasche griff und den Zettel an meinen Fingerspitzen spürte zog sich mein Magen krampfhaft zusammen. Die Idee die mir gestern Abend, als ich allein und sicher in meinem Zimmer saß, noch so einfach erschien, wurde mehr und mehr zu einer unmöglich erfüllbaren Herrausforderung.

Nachdem uns der Lehrer, nach der letzten Stunde, endlich entlassen hatte, packte ich in aller Ruhe meine Sachen zusammen. Ich verließ als letzte das Klassenzimmer und ging wieder auf die Toilette. Ich schloss mich in einer Kabine ein und lehnte mich an die Tür. Ich zog den zusammengefalteten Zettel aus meiner Tasche und seufzte traurig. Ich hielt ihn über die Kloschüssel und wollte ihn eigentlich fallen lassen, aber irgendwie konnte ich es nicht. Frustriert schnaubte ich und hockte mich hin, den Zettel starrte ich böse an. Es kam mir so vor als würde er mich und meine Angst verhöhnen, was natürlich absoluter Käse war. Es war ja nur ein Zettel mit meiner Handynummer.

“Er ist doch in irgendeinem Sportclub… vielleicht ist er ja noch da?”, murmelte ich leise vor mich hin. Es kostete mich all meine Überwindung und all meinen Mut aufzustehen, die Toilette zu verlassen und draußen bei den Sporthallen nach Iwaizumi zu suchen. In den beiden kleineren Sporthallen in die ich, zum Glück unentdeckt, hineinspähte war er nicht. Aus der größten Halle, auf die ich gerade zuging, ertönte lautes Stimmgewirr. Abgeschreckt von der Lautstärke wurde ich immer langsamer, bis ich kurz vor der Halle stehen blieb und nochmal neuen Mut zusammen sammelte. Was sehr schwer war, da davon so gut wie gar nichts mehr übrig war. Nachdem ich einige Minuten, wie bestellt und nicht abgeholt einfach nur rumstand und den Boden anstarrte, straffte ich so gut es ging die Schultern und lief die letzten Schritte zur Treppe stieg die paar Stufen hinauf.

Angespannt lugte ich durch die offene Hallentür und hielt Ausschau nach Iwaizumi. Allerdings war mein Glück für heute wohl aufgebraucht, den ich erschrak fürchterlich als ich aufeinmal angesprochen wurde. “Na huch, Wer bist du denn?”, erklang eine sanfte Stimme neben mir und erschrocken mit offenem Mund starrte ich den Jungen an. Fragend legte er den Kopf schief und ging verkrampft einen Schritt zurück und sah stur auf den Boden. Der Zettel, den ich die ganze Zeit in meiner Hand hielt, wurde durch meine zu Fäusten geballten Hände zerknittert.

Der junge mit den Schokoladenfarbenen Haar wollte gerade noch einen Schritt auf mich zu kommen, als er von einer lauten Stimme zurück gerufen wurde. “Shittykawa, hör auf zu flirten und beweg deinen Arsch wieder her.” Zum Ende hin wurde die Stimme immer lauter, weil derjenige auf uns zu kam und ich war so erleichtert wie schon lang nicht mehr. Ich hob meinen Kopf und sah immer noch leicht ängstlich zu den beiden. Als Iwaizumi zu mir schaute und vermutlich gerade zu einer Schimpftirade ansetzen wollte, weiteten sich seinen Augen und ein leises ‘Oh' verließ seine Lippen. Grob schubste er den anderen Jungen weiter in die Halle und sagte laut: “Geh wieder an die Arbeit!”

Er drehte sich wieder zu mir und kam die paar Schritte schnell angelaufen. “Lass uns rausgehen.”, schlug er leise und mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen vor. Zaghaft nickte ich und stieg die kleine Treppe wieder hinab. Er hingegen setzte sich auf die oberste Stufe und sah mich dann an. “Ich will ja jetzt nicht eingebildet klingen, aber ich geh mal davon aus, dass du wegen mir hier bist.” Verlegen grinsend rieb er sich den Nacken. Ich schüttelte den Kopf, ich wusste einfach nicht was ich sagen sollte. Als er mich aber mit einer hochgezogenen Augenbraue ansah, bemerkte ich meinen Fehler. Fest presste ich meine Lippen zusammen, bevor ich tief Luft holte. “Also… ich bin wegen dir hier…”, verlegen schaute ich mich um. “Du klingst nicht eingebildet…”, sagte ich leise. “Es war ja das naheliegendste.” Ich zuckte mit den Schultern und schaute auf den Boden.

Zwischen Mittel- und Zeigefinger geklemmt, versuchte ich den kleinen Zettel wieder etwas zu glätten. Als ich wieder zu Iwaizumi sah, biss ich mir auf die Lippen um nicht zu lächeln oder zu lachen. Mit großen Augen und offenem Mund saß er da. Ich stellte mich etwas mehr zu ihm und hielt ihm mit beiden Händen, den noch leicht geknickten, Zettel entgegen. “Was ist Das?” Fragend sah er mich an. Ich zuckte nur mit den Schultern. “Nimm ihn bitte an.”, bat ich ihn leicht flehend. Er nickte und nahm ihn an sich. Erleichtert atmete ich aus. Und gerade als ich mich umdrehte und gehen wollte, hielt mich seine Stimme nochmal zurück. “Ich melde mich heute Abend bei dir.” Grinsend hielt er den Zettel in der Luft und ich nickte nur. Als ich mich endgültig umdrehte und nach Hause ging, schlich sich auch auf meine Lippen ein kleines Lächeln.

My broken Heart (Abgebrochen)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt