Kapitel 6: Der Besuch

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Emma
Am Dienstagabend zog ich mich nicht in mein Zimmer zurück und aß sogar mit meinen Eltern zusammen. Ich wollte trotz meiner Probleme bei ihnen sein und keine Sorge bereiten. Es war besser, wenn ich mich nicht komplett von ihnen distanzierte.
Das Gespräch mit Frau Clarke verlief auch gut. Zwar konnte ich ihr nichts von meinen Beweggründen erzählen, aber das war okay für sie gewesen. Sie konnte mich verstehen.

"Morgen kommen Tante Susanne und Onkel Bernd zum Abendessen." brach meine Mutter das Schweigen, welches am Tisch herrschte. Ich schaute meiner Mutter mit großen Augen an und musste schlucken. "Ähm.. Onkel Bernd?" fragte ich mit zittriger Stimme. Meine Mutter nickte unsicher und beäugte mich. Ich nickte. "Ich gehe jetzt in mein Zimmer. Gute Nacht." Ich wartete garnicht erst auf eine Antwort, sondern ging einfach in mein Zimmer. Der Gedanke, dass Onkel Bernd am kommenden Tag hier sein würde, brachte mich völlig aus dem Konzept. Ich versuchte nicht allzuviel daran zu denken, was mir selbstverständlich nicht gelang. Also versuchte ich einzuschlafen. Zwar gelang mir dies, aber ich blieb auch im Schlaf nicht unverschont. Ich hatte wieder Albträume und wachte in der Nacht sogar mit einer Panikattacke auf. Dementsprechend ging es mir auch am nächsten Tag. In Auto sprach ich nicht mit meiner Mutter. Auch auf die Frage, was am Vortag los war, ging ich nicht ein. Es überforderte mich maßlos.
Leyla versuchte ebenfalls ein Gespräch mit mir aufzubauen, mehrmals. Sie hatte aber genauso wenig Erfolg. Ich würde an diesem Tag mit niemanden reden, nahm ich mir vor. Nur mit Frau Clarke wollte ich reden.

Ich brachte mich also einigermaßen gut durch den Unterricht, bis wir endlich Sport hatten. Die Doppelstunden halfen mir, mich abzulenken, wofür ich sehr dankbar gewesen bin. Am Ende wollte ich das Gespräch mit Frau Clarke suchen, jedoch hatte diese keine Zeit mehr. "Es tut mir wirklich leid. Wir können Morgen, in der Mittagspause, reden." Ich nahm den Vorschlag nicht an, obwohl ich es hätte machen sollen. Aber nachdem sie mich 'abgewiesen' hatte, entstand eine mächtige Trauer, diese eigentlich unnötig gewesen ist. Mir war ja durchaus bewusst gewesen, dass sie mit mir gesprochen hätte, wenn sie gekonnt hätte. Dennoch war ich danach traurig gewesen.
"Magst du mir vielleicht sagen, was heute los ist?" fragte mich Leyla unsicher, als wir zusammen aus der Schule gingen. Ich schüttelte bestimmt den Kopf. "Okay. Falls du doch reden möchtest, dann ruf mich einfach an." Ich bedankte mich bei ihr, um mich anschließend von ihr zu verabschieden. Da meine Mutter das Essen vorbereiten musste, fuhr ich mit dem Bus nach Hause. Ich würde gegen 16 Uhr Zuhause sein und nur eine Stunde später würden Tante Susanne und Onkel Bernd da sein. Es machte mich fertig. Ich war nicht nur nervös, sondern auch sehr ängstlich. Leider konnte daran auch die Musik, welche aus meinen Kopfhörern kam, nichts dagegen machen. Normalerweise ließ diese mich abtauchen, in eine andere Welt. Doch diesmal waren meine Gedanken und Gefühle zu präsent. Wie gerne würde ich jetzt einfach zurück zur Schule fahren, um Frau Clarke alles zu erzählen. Allerdings war diese ja noch vor mir aus der Schule gewesen. Was sie wohl vor hatte? Ob sie mit ihrem Mann zu Abend essen würde? Hatte sie eigentlich einen? Bisher hatte ich nicht darauf geachtet, ob sie einen Ehering trug. Jedoch musste sie einen Freund haben, schließlich war sie wahrscheinlich die schönste Frau, die existierte. Zumindest in meinen Augen.
Ganz in Gedanken versunken, hatte ich fast meine Station verpasst.

Zuhause angekommen war meine Mutter schon fast fertig gewesen. Sie bat mich um Hilfe, jedoch musste ich mich noch umziehen und nochmal frisch machen. Als ich vor dem Spiegel stand, liefen mir Tränen über die Wange. Was war bloß mit mir los? Ich wollte in den Spiegel schauen und Lächeln, es gelang mir aber nicht. "Emma, Tante Susanne und Onkel Bernd sind da!" rief meine Mutter hoch. Ein Blick auf mein Handy verriet mir, dass es erst halb fünf waren. Aber das war typisch für die beiden. Sie waren immer zu früh. "Ich komme!" Mit feuchten Händen und zittrigen Gang, ging ich die Treppe runter. "H-hallo." stotterte ich. Meine Tante lächelte übers ganze Gesicht und nahm mich in den Arm. "Ach, hallo Emma. Schön dich zu sehen." Mir war natürlich klar, dass sie nicht deswegen so erfreut über das Wiedersehen war. Wir hatten immer einen guten Draht zueinander gehabt, weshalb sie mein Suizidversuch hart traf. Wenn sie nur wüsste... "Hallo Emma." sagte mein Onkel und grinste mich an, um mich anschließend auch in die Arme zu nehmen. Ich war nicht fähig mich zu bewegen. Als er sich löste, war ich dankbar. Wie sollte ich den ganzen Abend in seiner Nähe sitzen? Wie sollte ich das aushalten? Mein ganzer Körper zitterte und mir war schwindlig gewesen.
Beim Essen sagte ich nichts und aß auch nicht allzuviel. Glücklicherweise sprach mich ebenso niemand an.

"Wie geht es dir denn?" riss mich mein Onkel aus den Gedanken. Ich schaute unsicher auf. Keiner war mehr am Tisch. Nur er und ich. "G-gut." antwortete ich und wollte aufstehen, jedoch hielt er mich am Arm fest. Er saß rechts von mir. Ich versuchte es erneut. Diesmal tat er nichts, jedoch lief er mir hinterher, als ich in mein Zimmer gehen wollte. "Emma." sagte er, aber ich reagierte nicht. "Wirst du deinen Eltern etwas sagen?" Ich blieb prompt stehen. Alles in mir zog sich zusammen. Unsicher drehte ich mich zu ihm und blickte nun in seine Augen. Sie waren blau. Aber es war kein angenehmes blau, sondern ein blau, welches ans pure Böse erinnerte. "N-nei-in." stotterte ich, drehte mich schnell und verschwand in meinem Zimmer. Die Tür verschlossen ich sicherheitshalber. Ich warf mich aufs Bett und fing an zu weinen. Die Tränen liefen unaufhaltsam über meine Wangen, obwohl ich es nicht wollte. Tausende Bilder schossen durch meinen Kopf. Ich versuchte diese zu verdrängen, aber es wollte mir nicht gelingen. Meine Gedanken machten sich selbstständig und ehe ich mich versah, saß ich auf meinem Bett und zog rote Linien auf meinem Arm. Als ich realisiert hatte, was ich tat, war es bereits zu spät. Mein Arm war geziert von tiefen Wunden. Ich hasste es, wenn ich mich nicht unter Kontrolle hatte, denn ich wollte stark genug sein. "Emma?" Ein Klopfen riss mich aus meinen Gedanken. Dadurch, dass ich nicht erkannt hatte, wer dort stand, öffnete ich die Tür. "O-oh." entfuhr es mir. Mein Onkel stand vor der Tür. Er drückte mich ins Zimmer, schloss die Tür und kam auf mich zu.

Can it be wrong? | Jane Clarke & Emma Krämer {1}Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt