Kapitel 41

262 9 0
                                        

Balthazar atmet tief ein, seine Augen vermeiden für einen Moment meinen Blick, bevor er schließlich spricht. „Es tut mir leid, Liam. Das war erstmal ein Schock für mich. Du warst 14, und ich... ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte, wie ich dir näher kommen sollte, wenn du noch so jung warst. Es war nicht einfach, und ich war einfach überfordert."

Er fährt sich mit der Hand durch die Haare, als hätte er gerade eine schwere Last abgeworfen. „Du warst ein Kind, und ich war schon 18, und da gab es diese ungeschriebenen Regeln in meinem Kopf... Ich hatte Angst, dass ich mich falsch verhalten würde, dass ich zu viel Nähe aufbauen könnte, bevor du bereit dafür warst. Und dann, mit der Zeit, wurde es immer schwieriger, etwas zu ändern. Es war, als ob ich immer weiter von dir weggerückt wäre, und ich wusste nicht, wie ich die Distanz überwinden sollte."

Balthazar schaut mir nun direkt in die Augen, und ich kann die Entschuldigung in seinem Blick erkennen. „Ich wollte dich nicht verletzen. Aber ich habe mich selbst verloren in der Angst, zu viel zu riskieren. Es tut mir leid, dass ich mich so von dir entfernt habe. Ich hätte früher etwas tun sollen."

Die Worte treffen mich wie ein Schlag, aber sie bringen auch eine Erleichterung mit sich. Balthazar, der starke, schweigsame Wolf, hatte Angst. Genau wie ich. Und jetzt, wo er es mir endlich sagt, fühle ich ein wenig von dem Druck weichen, der mich all die Jahre begleitet hat.

„Es ist... es ist okay, Balthazar", sage ich leise, obwohl meine Stimme zittert. „Ich habe nie verstanden, warum du dich so plötzlich entfernt hast. Aber jetzt... jetzt verstehe ich es ein Stück weit."

Es ist still, nur das leise Klicken des Fensters, das im Wind schwingt, unterbricht die Stille. Unsere Blicke treffen sich, und in diesem Moment scheint alles andere um uns herum zu verschwinden. Unsere Hände berühren sich über den Tisch hinweg. Ein winziger Moment, doch er fühlt sich riesig an. Ich halte den Atem an, als die Berührung sich tief in meine Sinne eingräbt.

Wir blicken uns an, und in den Augen von Balthazar sehe ich nicht nur Entschuldigung, sondern auch eine tiefe Sehnsucht, die schon lange in ihm gewartet hat. Es ist, als würde in diesem Moment all das, was wir nicht ausgesprochen haben, die Luft zwischen uns füllen. Keine Worte sind mehr nötig. Ich kann fühlen, dass er genauso viel Angst hat wie ich – Angst vor dem Unbekannten, Angst vor der Zukunft, aber auch die Hoffnung, dass wir gemeinsam alles bewältigen können.

Langsam und vorsichtig nehme ich seine Hand, als wollte ich sicherstellen, dass es keine falschen Bewegungen gibt. Doch da ist kein Zweifel mehr in mir. Es fühlt sich richtig an. Ich kann es spüren, tief in meinem Inneren. Balthazar ist mein Mate, und ich bin sein.

„Wir haben noch viel zu besprechen", sage ich schließlich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Doch es gibt keine Unsicherheit mehr. Wir haben Zeit, alles zu klären. Aber jetzt, in diesem Moment, bin ich einfach froh, dass wir endlich da sind, wo wir sein sollten.

Balthazar nickt, und ein sanftes Lächeln umspielt seine Lippen. „Ja, Liam. Aber das Wichtigste ist, dass wir jetzt hier sind."

Wir beschließen, in den Wald zu gehen, in unseren Wolfsgestalten, so wie wir es früher immer gemacht haben. Es fühlt sich seltsam vertraut an, und doch anders. Es ist, als würde die Natur uns zurückrufen, uns zu dem Ort, an dem wir einst einfach zusammen waren, ohne Sorgen, ohne Zweifeln. Früher war es unser Geheimnis – der Wald, in dem wir uns verstecken konnten, der Ort, an dem die Welt draußen keine Rolle spielte. Doch dann, nach all den Jahren, hatten wir uns voneinander entfernt und all das vergessen.

Ich kann die Veränderung in der Luft spüren, als wir uns in unseren Wolf verwandeln. Die Freiheit, die mir das gibt, ist berauschend. Der Wald ist lebendig, die Luft frisch und kühl, und die Sonne bricht durch die Bäume. Wir laufen nebeneinander, spielen, als wären wir wieder Kinder. Die Freiheit, die uns in dieser Gestalt gegeben wird, ist alles, was ich jetzt will. Balthazar und ich, Seite an Seite, so wie es früher war, als wir unbeschwert die Zeit miteinander verbrachten.

Der Fluss hinter Balthazars Haus plätschert leise, und wir springen hinein, tollpatschig, wie damals. Das kühle Wasser spritzt um uns, und ich kann das Lächeln in Balthazars Augen sehen, selbst in seiner Wolfsgestalt. Es fühlt sich so richtig an. So normal. Wir sind wieder zusammen, als wären die Jahre, in denen wir uns entfernt hatten, einfach nur eine lange, schmerzhafte Pause gewesen.

Nach einer Weile, als das Spiel im Wasser nachlässt, kuscheln wir uns nebeneinander und legen uns unter einen Baum. Der Boden ist weich, das Rascheln der Blätter über uns beruhigt mich. In diesem Moment gibt es nur uns, und alles andere wird weit entfernt. Balthazar liegt dicht an mir, und ich spüre die Wärme seines Körpers, die Ruhe, die uns durchfließt. Kein Wort wird gesagt, es ist nicht nötig. Die Nähe zu ihm, das Gefühl, dass wir endlich wieder dort sind, wo wir hingehören, sagt alles.

„Es fühlt sich richtig an", flüstere ich schließlich, obwohl es nicht nötig ist, es auszusprechen. Es ist die Wahrheit, und ich weiß, dass er es fühlt.

Balthazar nickt und schließt die Augen, sein Körper entspannt sich. „Ja, Liam. Endlich."

Als die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwindet und der Himmel in sanften Farben erstrahlt, weiß ich, dass es Zeit ist, zu gehen. Ich habe meine Eltern versprochen, rechtzeitig zurück zu sein, und auch wenn ich nicht wirklich will, dass dieser Moment endet, muss ich es tun. Es ist noch ein weiter Weg zurück nach Hause, und ich weiß, dass sie sich Sorgen machen würden, wenn ich zu spät komme.

Balthazar sieht mir nach, als ich mich aufrichte, und für einen Moment treffen sich unsere Blicke, ohne dass Worte nötig sind. Es gibt eine Stille zwischen uns, die alles sagt. Ich gehe einen Schritt zurück und nicke ihm zu.

„Ich muss los", sage ich leise, meine Stimme ein wenig zögerlich. „Aber ich komme bald wieder. Ich verspreche es."

Balthazar steht auf und kommt auf mich zu, seine Gestalt im schwachen Licht fast majestätisch. Er beugt sich hinunter und berührt mit seiner Schnauze sanft mein Haar, als ob er mir einen letzten Kuss auf die Stirn drückt. Die Geste ist zärtlich, aber auch voller Bedeutung. „Pass auf dich auf", flüstert er, und ich kann die Wärme seiner Worte in meinem ganzen Körper spüren.

„Du auch", antworte ich und drehe mich dann um, um langsam zurück nach Hause zu gehen.

Der Wald begleitet mich noch ein Stück weit, der Klang meiner Schritte auf dem weichen Boden, während der Tag sich in die Nacht verwandelt. Doch ich weiß, dass dieser Moment, den wir heute zusammen hatten, uns für immer verbinden wird.

Mein Leben als Omega (bxb,Mpreg)Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt