Kapitel 22

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Ella war noch immer in einem Zustand der Betäubung, als ihr Vater sie ins Auto setzte. Der Fahrtwind wehte kühl durch das geöffnete Fenster, doch sie fühlte nichts mehr. Der Schmerz, die Wut, der Verrat – alles war irgendwie gleichzeitig da und doch ungreifbar, als würde ihre Seele in einem dichten Nebel verschwinden.

Wo fuhr er sie hin? Und vor allem – warum? Warum hatte er sich nach all den Jahren plötzlich wieder gemeldet? Und warum ausgerechnet jetzt, nach allem, was passiert war?

Es fühlte sich an, als würde sie durch einen Albtraum gehen. Ihr Herz war schwer, und doch hatte sie nicht einmal die Kraft, die Tränen fließen zu lassen. Ihre Gedanken rasten von einem Moment zum nächsten, doch sie fand keinen Halt. Sie wusste, dass etwas Schreckliches auf sie wartete. Die Fragen quälten sie, aber sie konnte sich nicht einmal dazu zwingen, sie zu stellen.

Und dann hielt das Auto an.

Als die Tür sich öffnete, wurde sie von zwei Männern gepackt, die sie unsanft zu einer dunklen Treppe führten. Ihre Füße berührten kaum den Boden, als sie die Stufen hinabgezwungen wurde. Ella konnte nichts sehen. Der Keller war stockdunkel, nur das Geräusch ihrer eigenen Schritte und die von ihren Entführern hallten in der Stille wider.

Als sie unten im Keller ankam, wurde sie grob an eine Wand gepresst. Es war kalt hier. Der Luft war etwas dumpf und abgestanden, und der muffige Geruch von Moder stieg ihr in die Nase. Sie wollte schreien, wollte sich wehren, aber ihre Stimme schien wie erstickt.

„Binde sie fest", sagte ihr Vater mit einer kalten Stimme, die wie ein Schnitt durch die Dunkelheit drang. „Ich will, dass sie versteht, was ich tue."

Und dann spürte Ella, wie grobe Hände ihre Arme festhielten und sie auf den kalten Boden drückten. Die Ketten klickten in ihre Handgelenke, als sie mit einem Ruck gesichert wurden.

„Bitte", flüsterte sie, ihre Stimme zittrig. „Was willst du von mir?"

Ihr Vater stand vor ihr, das Gesicht von Schatten verborgen. „Du verstehst das noch nicht, Ella. Aber du wirst es gleich verstehen."

Und dann erzählte er ihr, was sie nie in ihren schlimmsten Albträumen hätte begreifen können.

„Du bist nur ein Spielzeug für mich", begann er, als er langsam im Raum umherging. „Ein Werkzeug. Und du warst nie mehr als das." Er lachte, ein bitteres, kaltes Lachen, das sich wie ein Schauer über ihre Haut legte. „Ich habe dir nie gesagt, warum ich gegangen bin, nicht wahr? Ich habe dich immer im Dunkeln gelassen. Aber jetzt wirst du sehen, warum."

Er trat näher, und seine Stimme wurde hart, wie ein scharfes Messer. „Du warst nie mehr als ein Mittel für mich, um das zu bekommen, was ich wollte. Und du weißt, was das bedeutet? Du hast immer gedacht, du hättest Kontrolle, dass du ein normales Leben führen kannst. Aber das war nie dein Leben, Ella."

Sie blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an, das Gefühl von Kälte, das sich in ihrem Inneren ausbreitete, schnürte ihr die Kehle zu. „Du... du hast mich nie geliebt?"

„Liebe?", wiederholte er mit einem höhnischen Lächeln. „Was weißt du schon von Liebe? Alles, was ich jemals für dich empfunden habe, war... Nutzen. Und du bist nichts anderes als ein Spielstein in meinem Spiel."

Ella wollte schreien, doch der Kloß in ihrer Kehle schnürte ihr die Luft ab. Ihre Gedanken versuchten verzweifelt, einen Ausweg zu finden, aber ihre Welt zerbrach Stück für Stück, als er weiter sprach.

„Londan und Ryan...", sagte ihr Vater mit einem schiefen Grinsen. „Die beiden waren nie wirklich gegen dich, verstehst du? Sie waren nur zu feige, sich mir zu widersetzen. Du hast sie nie gekannt, aber sie waren immer auf meiner Seite. Und als es darauf ankam, war ich derjenige, der sie erpresst hat. Sie mussten so tun, als ob sie gegen dich wären, während sie mir halfen, dich zu fangen."

Ella starrte ihn an, unfähig, etwas zu begreifen. Londan und Ryan... Sie hatte sie immer als ihre Feinde gesehen, immer als die, die sie gequält hatten. Aber sie wussten von Anfang an, dass sie nur Marionetten in den Händen dieses Mannes waren.

„Du hast sie benutzt?", flüsterte sie, und ihre Stimme klang wie der letzte Hauch eines Menschen, der in der Dunkelheit verschwindet.

„Natürlich", sagte er, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. „Jeder Mensch hat seinen Preis, Ella. Sogar du."

In diesem Moment brach etwas in ihr. Ihre Welt, die sich immer um die Pferde, um das Stallleben und ihre Träume gedreht hatte, stürzte wie ein Kartenhaus zusammen. Sie hatte all diese Jahre geglaubt, dass ihre Mutter, dass sie eine Familie hatte, die sie liebte. Doch das war nie die Wahrheit gewesen. Ihr Vater hatte sie nur benutzt. Und ihre gesamte Kindheit war eine Lüge gewesen.

Ihre Finger verkrampften sich um die Ketten, als der Schmerz in ihr Herz wie ein Feuer wütete. „Warum? Warum hast du das getan?"

„Weil du mir nie gehört hast", sagte er mit einem kalten Blick. „Weil du nie das warst, was ich wollte. Und jetzt, wo du es endlich verstehst, Ella, ist es zu spät, dich zu retten."

Ella schloss die Augen und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Wie konnte er das tun? Wie konnte er sie einfach so behandeln, als wäre sie nichts?

„Ich habe dir nie etwas getan...", schluchzte sie, ihre Stimme von purem Schmerz durchzogen. „Warum hast du mich gequält? Warum hast du mir das angetan?"

Sie fühlte, wie ihre Welt auseinanderbrach. Alles, was sie gekannt hatte, was sie für wahr gehalten hatte, war gelogen. Ihr Herz zerbrach in tausend Stücke, und die Tränen liefen über ihre Wangen, obwohl sie versuchte, sich zu beherrschen. Doch die Wut und der Schmerz waren zu groß, um sie noch zu kontrollieren.

„Du bist nichts, Ella. Du hast dich selbst immer für mehr gehalten, aber du bist nichts", wiederholte ihr Vater mit einer kalten, emotionslosen Stimme. Und dann drehte er sich um, als wollte er ihr diese letzten Worte wie ein Messer in den Rücken rammen.

„Du hast nie verstanden, wie viel Macht ich habe. Du bist mir egal. Alles, was du bist, ist eine Puppe, die nach meinen Befehlen tanzt."

Und in diesem Moment, als er sich von ihr abwandte und den Raum verließ, spürte Ella, wie alles in ihr zerbrach.

Sie hing dort, an den Ketten, mit nichts als der Stille um sich. Und der Schmerz war unerträglich. Sie hatte nie wirklich gewusst, was Liebe war – und jetzt wusste sie, dass sie nie wirklich einen Ort gehabt hatte, an dem sie sicher war.

Der Boden unter ihr schien zu schwanken, die Dunkelheit zog sie immer tiefer hinein. Sie fühlte sich so unglaublich klein, so hilflos. Und die einzige Frage, die in ihr widerhallte, war die, die sie sich nie hätte stellen wollen: Warum?

BlakeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt