Kapitel 27

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Die Dunkelheit um mich herum war erdrückend, aber sie schien auch wie ein Spiegel meiner eigenen Gedanken, die sich unaufhörlich überschlagen. Londan stand vor mir, aber ich hatte das Gefühl, dass er nicht wirklich der war, den ich gekannt hatte. In seinen Augen flackerte etwas, das ich nicht genau deuten konnte. Es war keine reine Freundschaft, und auch keine Feindschaft mehr. Es war mehr... Verständnis? Mitleid? Oder vielleicht auch etwas, das ich noch nicht verstehen wollte.

Aber das spielte jetzt keine Rolle.

„Was soll ich tun?", fragte ich, mehr zu mir selbst als zu ihm. Meine Stimme klang schwach, als ob ich versuchte, in einem Sturm einen klaren Gedanken zu fassen.

Londan schien zu spüren, dass ich mehr auf der Suche nach mir selbst war als nach einer Antwort. Er zögerte, bevor er antwortete. „Du musst entscheiden, Ella. Entweder du kämpfst gegen deinen Vater – gegen das, was er dir aufzwängen will. Oder du lässt es geschehen. Du lässt dich in sein Spiel ein und akzeptierst deine Rolle."

„Akzeptiere meine Rolle?" Ich schnaubte wütend. „Du hast mich nie wirklich gekannt, Londan. Du hast nie verstanden, was für ein Leben ich wollte. Was für ein Leben ich verdient habe."

Er schüttelte den Kopf, als wollte er etwas anderes sagen, als er sich daran erinnerte, dass Worte jetzt nicht mehr ausreichten. „Ich weiß, was du dir wünschst, Ella. Aber du musst verstehen, es geht hier nicht nur um deinen Vater. Es geht um dich. Es geht um deine Zukunft. Deine Entscheidung. Und ich weiß, dass du die Stärke hast, das zu entscheiden, was du für richtig hältst. Aber du musst dich vorbereiten. Es wird nichts mehr wie früher sein."

„Ich will nicht, dass mein Leben von ihm bestimmt wird!" Ich spürte, wie sich Wut in mir sammelte, ein kochender Kessel, der auf den Überlauf zuschritt. „Ich will nicht, dass er mich weiterhin benutzt. Dass er mich in diesem Käfig hält."

„Und du wirst dich daraus befreien müssen", sagte Londan mit einer ernsten Miene. „Aber dafür brauchst du mehr als nur den Willen. Du brauchst eine Waffe – und nicht im wörtlichen Sinne. Du musst lernen, das zu nutzen, was du in dir trägst."

Ich sah ihn fragend an, aber er erklärte sich nicht weiter. Stattdessen ging er zu einem Schrank, der in der Ecke des Kellers stand, und zog etwas hervor. Es war ein altes, abgegriffenes Buch. Als er es mir reichte, spürte ich das Gewicht der Geschichte, die darin verborgen war.

„Was ist das?" fragte ich, als ich das Buch mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugier betrachtete.

„Dein Vater hat dich nie zufällig zur Welt gebracht. Er wusste, was in dir steckt", erklärte Londan. „Dieses Buch enthält Wissen, das dir helfen wird, die Fähigkeiten zu verstehen, die du in dir trägst. Es geht darum, wie du das, was du bist, für dich nutzen kannst. Und auch für den Kampf, der vor dir liegt."

Ich hielt das Buch in meinen Händen und fühlte, wie eine seltsame, aber vertraute Energie von den Seiten auszugehen schien. Es war, als würde es mich rufen. Aber ich war nicht sicher, ob ich bereit war, mich darauf einzulassen.

„Warum hast du mir das nicht früher gegeben?", fragte ich scharf.

Londan verzog das Gesicht. „Weil ich nicht wusste, ob du bereit warst. Du musstest es für dich selbst entscheiden. Ich kann dir den Weg nicht zeigen, Ella. Ich kann dir nur die Möglichkeit geben, ihn zu finden."

Ich öffnete das Buch vorsichtig und begann, die ersten Seiten zu durchblättern. Die Schrift war in einer alten Sprache verfasst, die mir fremd war, aber ich konnte irgendwie die Bedeutung dahinter spüren. Und da, zwischen den Zeilen, fand ich etwas, das mich erschütterte.

„Er hat... er hat alles geplant." Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, als ich die Worte las. „Er wusste, dass ich irgendwann diese Seiten finden würde. Er wusste, dass ich irgendwann hierher kommen würde, dass du mir das geben würdest."

„Er hat immer gewusst, dass du stark genug bist, um es zu verstehen", sagte Londan, als er sich wieder zu mir setzte. „Aber er wollte, dass du es zu seinen Bedingungen siehst. Du musst die Wahrheit jetzt selbst entwirren."

Ich starrte auf die Seiten, doch meine Gedanken wirbelten. War ich wirklich die, die er wollte? Ein Teil von mir, der schüchtern und zurückhaltend gewesen war, wollte am liebsten fliehen. Doch tief in mir wusste ich, dass dies der Moment war, in dem ich alles ändern musste. Der Moment, in dem ich mich für meinen eigenen Weg entscheiden musste.

„Wie kann ich das lernen?", fragte ich und sah Londan an. „Wie kann ich wissen, dass ich die Kontrolle habe und nicht er?"

Londan nickte und sah mich ernst an. „Indem du dich erinnerst. Erinnerst, wer du wirklich bist, und nicht wer er dich haben will. Du musst dich von allem befreien, was er dir aufgezwungen hat. Und dann wirst du verstehen, was du tun musst."

Ich blätterte weiter in dem Buch, wobei ich die Worte mit wachsendem Entsetzen und gleichzeitig wachsender Klarheit aufnahm. Es war, als würde ein Schalter in mir umgelegt. Als ob ich endlich etwas begriff, das immer vor mir verborgen gewesen war. Etwas, das tief in mir lag. Und je mehr ich las, desto mehr verstand ich, dass ich mehr war als nur das, was mein Vater aus mir gemacht hatte.

„Du bist der Schlüssel", flüsterte ich wieder, als die Bedeutung der Worte in mir widerhallte. „Aber ich bin nicht seine Marionette. Nicht mehr."

Londan nickte und stand langsam auf. „Ja. Du bist der Schlüssel. Aber du bist auch die Waffe. Und du wirst ihn besiegen, Ella. Du musst nur lernen, wie."

Ich schloss das Buch und legte es beiseite. In mir brannte nun ein unaufhaltsames Feuer. Die Wut, die Trauer, die Angst – all das war da, aber es war jetzt kein Ballast mehr. Es war der Treibstoff für alles, was noch kommen würde.

„Ich werde es nicht zulassen", sagte ich, als ich mich erhob, das schwere Gefühl der Ketten jetzt fast unbedeutend in meinem Inneren. „Ich werde nicht das Opfer seiner Pläne sein. Ich werde ihn besiegen. Und ich werde herausfinden, was ich wirklich bin."

Londan trat einen Schritt zurück und sah mich mit einer Mischung aus Respekt und Sorge an. „Bist du sicher, dass du bereit bist, alles zu riskieren?"

„Ich habe keine Wahl mehr", antwortete ich, und in dieser Antwort lag die volle Wahrheit. „Es ist Zeit, dass ich für mich selbst kämpfe."

Und so wusste ich: Der Krieg hatte gerade erst begonnen. Aber ich war nicht mehr die, die ich einmal war. Ich war bereit.

BlakeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt